Stand: 11.05.2019 08:00 Uhr

Handball-Jugendakademie: Brutale Rituale in Flensburg

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In der Jugendakademie für Handball in Flensburg mussten die Neuen durch grausame Aufnahmerituale gehen.

Drei Jugendliche halten Ole B. fest und ziehen ihm das T-Shirt aus. Ein vierter dreht ihm mehrmals die Brustwarzen um - mit einer Rohrzange. Auch seine Schreie und sein Widerstand helfen dem Jungen aus dem Kreis Ostholstein nicht. Im Türrahmen stehen zahlreiche weitere 14- bis 17-Jährige, sehen diesem Ritual zu - ohne zu helfen. "Es war schrecklich. Ich hatte große Angst", sagt Ole B. heute. Das alles passiert am 17. März 2016 in der Jugendakademie, die finanziell aus dem Umfeld vom aktuell amtierenden deutschen Handballmeisters SG Flensburg-Handewitt unterstützt wird.

Wohnhaus der Jugendakademie der SG Flensburg-Handewitt.

Brutale Rituale in der Jugendakademie der SG?

Schleswig-Holstein Magazin -

In der Handball-Nachwuchsakademie der SG Flensburg-Handewitt soll es unter den Bewohnern offenbar über Jahre gewalttätige Aufnahmerituale für Neuankömmlinge gegeben haben.

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Bleibende psychische Folgen

Bis heute wirken die Folgen dieses Aufnahmerituals der Akademie für Ole B. nach. Nach dem traumatischen Erlebnis muss er in Therapie, schließt mit dem Handball und den Menschen in der überschaubaren Handballszene in Schleswig-Holstein ab. Ole B. war Linksaußen, trainingsfleißig und für die SG Flensburg-Handewitt einer der aussichtsreichsten Spieler - das berichten ehemalige Mitspieler.

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Schon 2016, nachdem Ole B. das Ritual erlebt hatte, wenden sich die Eltern an den NDR Schleswig-Holstein. Es folgen zahlreiche Treffen und Hintergrundgespräche, auch mit Eltern von befreundeten Spielern. Doch bevor wir damals berichten können, bitten Oles Eltern darum, den Fall im Verborgenen zu lassen. Zu groß ist zu der Zeit der psychische Druck auf Ole B., der damals 16 Jahre jung ist und noch auf die große Karriere im Handball hofft. Der NDR entsprach diesem Wunsch - heute berichtet "Der Spiegel" nun in seiner aktuellen Ausgabe über den Fall.

"Das Ritual durchlaufen alle Neuen"

Dem NDR Schleswig-Holstein liegt ein Brief vor, der an die Eltern von Ole B. ging. Darin schreibt "Das Akademiezentrum" wörtlich, dass es seit den Anfängen der Akademie ein "Ritual" gebe, dass von den jugendlichen Bewohnern "Die Zange" genannt werde. "Seit den Anfängen" bedeutet: seit Gründung der Akademie 2008, also mindestens acht Jahre. Dieses Ritual "durchlaufen alle Neuen einmal", schreiben die Verfasser des Briefes. Als Maßnahme hätten sie sich mit den Jugendlichen zusammengesetzt, über Sinn und Unsinn solcher Rituale gesprochen - und klargestellt, dass das Ritual "Die Zange" die Grenze des Erlaubten deutlich überschreite.

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Ole B. berichtet, dass die Jugendlichen in der Akademie in der Regel ab 18 Uhr ohne Beaufsichtigung gewesen seien.
Jugendliche ab 18 Uhr unbeaufsichtigt

Zu dieser Zeit sind bis zu 20 Jugendliche auf der Jugendakademie in Flensburg. Mehrere Eltern anderer Kinder bestätigen dem NDR Schleswig-Holstein die Geschichte von Ole B. Auch andere Jugendliche sind Opfer des Zangenrituals, fast genauso viele werden später aber auch Täter. Doch wie kann es sein, dass Jugendliche in der Pubertät die Möglichkeit haben, unbeobachtet über lange Zeit dieses Ritual durchzuführen?

Der Grund dafür könnte in der Betreuungssituation liegen. So waren die 14- bis 17-Jährigen damals ab 18 Uhr meist völlig allein, wie Ole B. sagt - ab und zu sei auch mal ein volljähriger Spieler in der Akademie gewesen. Um das zu überprüfen, mietete sich der Autor dieses Artikels damals in die Akademie ein - ein paar der Zimmer wurden als Appartement auch Gästen angeboten. Die Reportertätigkeit bleibt der Recherche wegen geheim. Und tatsächlich: Um 18 Uhr verließ der letzte Verantwortliche der Akademie das Gelände. Erst am nächsten Morgen waren wieder Erwachsene vor Ort. An zwei Wochentagen soll es eine Betreuung bis 22 Uhr gegeben haben, so steht es zumindest im Brief an die Eltern, der dem NDR vorliegt.

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In der Handball-Nachwuchsakademie der SG Flensburg-Handewitt soll es unter den Bewohnern offenbar über Jahre gewalttätige Aufnahmerituale für Neuankömmlinge gegeben haben. Video (07:33 min)

Wenig Verständnis seitens der Akademie

Unmittelbar nach dem Vorfall liegt Ole B. mehrere Stunden im Bett und weint. Er vertraut sich seinen Eltern an, sein Vater holt ihn am nächsten Morgen aus der Akademie ab. Erst Wochen später kehrt der junge Handballer zurück. Doch schon einen Tag nach dem Ritual beschwert sich der Vater bei der Akademieleitung - und die zeigt wenig Verständnis. Uns berichtet Ole B., dass ihm einer der Verantwortlichen im Laufe der Zeit sagte, dass es "jetzt auch einmal gut sein müsse" und er "sich wieder in die Gemeinschaft eingliedern" solle. Außer einem Gespräch mit den Jugendlichen sei laut Ole B. aber wenig passiert.

Akademie will auf Forderungen verzichten - wenn Familie schweigt

Nach gut einem halben Jahr, im Dezember 2016, kündigt die Familie B. deshalb den Vertrag mit der Akademie. Als Begründung nennen die Eltern die gefährliche Körperverletzung. Die Akademie geht aber nicht darauf ein und schreibt, es lägen keine Gründe vor, "die eine vorzeitige Beendigung des Vertragsverhältnisses rechtfertigen können". Die Familie solle weiter mehr als 500 Euro pro Monat zahlen - und das noch mehrere Monate. In einem Anwaltschreiben bietet die Akademie schließlich aber an, dass man auf die Forderungen verzichten könne, wenn die Familie B. stillhalte. Auch dieses Schreiben liegt dem NDR Schleswig-Holstein vor. "Sie wollten uns mundtot machen", sagt die Mutter von Ole B. heute. Sie war lange Zeit hin- und hergerissen, ob sie mit dem Fall ihres Sohnes an die Öffentlichkeit gehen soll. Auch andere Eltern waren unsicher. Letztendlich haben sie alle darauf verzichtet - manche, um die Karriere des eigenen Sohnes nicht zu gefährden, andere, um den eigenen Nachwuchs psychisch nicht zu überfordern. 

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Jugendakademie nimmt Stellung zu den Vorwürfen

In einer Stellungnahme der Verantwortlichen der Jugendakademie heißt es, dass nach dem Bekanntwerden der Vorfälle im März 2016 zahlreiche Maßnahmen ergriffen worden sind. So seien unter anderem regelmäßig Entwicklungsgespräche mit den Jugendlichen geführt und eine Erziehungswissenschaftlerin eingestellt worden. Es seien im Übrigen keine weiteren Vorfälle dieser Art bekannt geworden, deshalb gehen die Verantwortlichen davon aus, dass die Probleme behoben wurden.

Mit dem Handball abgeschlossen

Ole B. spielt nicht mehr Handball. Das Champions-League-Finale oder WM-Spiele der deutschen Handballauswahl schaut er sich manchmal noch an. Er habe einen anderen Sport gefunden, sagt er: Schwimmen, das mache ihm Spaß. Er ist sogar Rettungsschwimmer der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG). Mittlerweile könne er gut über das Geschehene reden. Rachegefühle habe er keine mehr. Er hofft, dass sich durch die Veröffentlichung seiner Geschichte bei der Jugendakademie der SG Flensburg-Handewitt etwas ändert. 

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Dieses Thema im Programm:

Schleswig-Holstein Magazin | 13.05.2019 | 19:30 Uhr

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