Torhüter Johannes Bitter vom HSV Hamburg im Heimspiel gegen die Rhein-Neckar Löwen. © witters Foto: Leonie Horky

HSV Hamburg: In Torwart-Oldie Bitter lodert noch das Feuer

Stand: 20.09.2021 12:32 Uhr

Im dritten Saisonspiel der Handball-Bundesliga hat es für Aufsteiger HSV Hamburg mit einem Sieg geklappt - und das gleich gegen die Rhein-Neckar Löwen. Maßgeblich dazu beigetragen hat Torwart Johannes Bitter. Mit seinem Team hat der 39 Jahre alte Rückkehrer noch viel vor.

von Christian Görtzen

Während des Spiels scheint es, als wäre zwischen den Pfosten die Zeit auf sonderbare Weise stehen geblieben. Als wäre alles so wie damals, als der HSV Hamburg im deutschen Handball eine ganz große Nummer war, die größte zusammen mit dem THW Kiel. Als DHB-Pokal-Siege gefeiert wurden, die deutsche Meisterschaft 2011 und sogar der Gewinn der Champions League 2013.

Der blonde Hüne im noch immer zitronengelben Torwarttrikot flucht und zetert so leidenschaftlich wie einst, wenn er mal einen nicht ganz unhaltbaren Wurf dann doch hat passieren lassen müssen. Er reißt wie früher seine Arme hoch, lässt sie kreisen und schreit mit Inbrunst zu den Tribünen hinauf, um die Zuschauer dort zu mehr Unterstützung für das Team anzutreiben.

"Gegen die Rhein-Neckar Löwen waren es Bonuspunkte. Jetzt stehen die Partien gegen die Abstiegskandidaten an, das sind Vier-Punkte-Spiele." Johannes Bitter im Sportclub

Und wenn ihm, wie beim furiosen 32:27 der Hamburger gegen die Rhein-Neckar Löwen, außergewöhnliche Paraden gelingen, scheint es, als stünde sein Körper unter einer gewaltigen Spannung und als wäre eine Teilentladung gerade dringend nötig. 39 Jahre alt ist Bitter schon. Aber vieles wirkt wie 2007, als er vom SC Magdeburg kommend seine erste Zeit beim HSV Hamburg begann.

Bitter: "Ich gehe gelassener an die Spiele heran"

Fünf Stunden nach dem Coup des Bundesliga-Rückkehrers HSV Hamburg gegen den Meister von 2016 und 2017 saß Bitter als Gast im Sportclub des NDR und sprach in aller Ruhe über die Vorteile, die das höhere Alter mit sich bringt. "Ich gehe gelassener an die Spiele heran, weil ich eines weiß: Ich gehe nach Hause, und das Leben geht weiter. Das war früher vielleicht ein bisschen anders", sagte der 2,05 Meter große Weltmeister von 2007. "Damals habe ich mir nach Niederlagen den Kopf zermartert. Da bin ich ruhiger geworden."

Eine Inspiration für die jungen Spieler

Im Spiel strahlt der gebürtige Oldenburger aber noch immer einen gewaltigen Siegeswillen aus, der auch seine Mitspieler beeindruckt. "Er ist ein Lautsprecher mit viel Erfahrung. Er tut immer seine Meinung kund und hat unglaublich viel Handball-Expertise", sagte Linksaußen Tobias Schimmelbauer. Für den erst 20 Jahre alten Kreisläufer Leif Tissier ist Bitter ein Held der Kindheit: "Wenn du als kleiner Junge hier in die Halle gegangen bist und du jetzt mit ihm zusammenspielen darfst, hier in Hamburg, dann ist das etwas ganz Besonderes. Das hätte ich nicht für möglich gehalten."

Freude am Handball tilgte Gedanken an Karriereende

Der "alte Mann" zwischen den Pfosten war diesbezüglich einige Male hin- und hergerissen, wie er einräumte. Nach dem Zwangsabstieg des HSV im Januar 2016 infolge einer Insolvenz habe er schon darüber nachgedacht, die Profikarriere zu beenden, verriet Bitter. Und auch in den darauffolgenden viereinhalb Jahren beim TVB Stuttgart habe er nur in kurzen Abschnitten vorausgedacht. Andererseits sei da auch immer der große Wunsch gewesen, wieder zum HSV Hamburg zurückzukehren als Spieler unter Trainer Torsten Jansen, seinem ehemaligen Teamkollegen.

Dass es dazu in diesem Sommer gekommen ist, genieße er sehr. "Wir haben eine Mannschaft, die sehr viel Qualität hat. Dass wir gleich im ersten Anlauf einen ganz Großen der Liga schlagen, damit hatte keiner gerechnet", erklärte der Familienvater. "Wir haben vor dem Spiel ein bisschen daran geglaubt, in der Halbzeit ganz viel, und dann haben wir es geschafft und gezeigt: Wir sind wieder da."

HSV jetzt gegen Konkurrenten im Abstiegskampf

Es war ein Auftritt, der die Fans in der Arena begeistert hat. "Ich hoffe, dass wir so etwas noch ganz oft erleben. Gegen die Rhein-Neckar Löwen waren es Bonuspunkte. Jetzt stehen die Partien gegen die Abstiegskandidaten an, das sind Vier-Punkte-Spiele. Da müssen wir etwas holen", sagte Bitter, der gegen die Löwen 17 Paraden bot, darunter waren zwei gehaltene Siebenmeter. Der HSV steht nach drei Saisonspielen mit 2:4 Punkten da.

An ein Karriereende mag der Routinier derzeit offenbar so gar nicht denken. Beim HSV Hamburg hat er einen Vertrag bis 2026 unterschrieben. Bitter wäre am Ende der Laufzeit dann 43 Jahre alt. Wer nicht glauben mag, dass er dann noch immer zwischen den Pfosten stehen wird, sollte ihn sich derzeit mal genau anschauen. Da ist einer, der den Handball genießt und in dem das Feuer des Profisportlers noch kräftig lodert.

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Sportclub | 19.09.2021 | 22:50 Uhr

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