Die Fußballer des TSV Havelse bejubeln nach dem 1:0-Sieg im Relegationsrückspiel gegen Schweinfurt 05 den Drittliga-Aufstieg © IMAGO / HMB-Media

Havelses Aufstiegshelden: Atemlos durch die Nacht

Stand: 20.06.2021 12:32 Uhr

Die Fußballer des TSV Havelse haben nach dem Drittliga-Aufstieg die Nacht zum Tag gemacht. Auch bei den Feierlichkeiten zeigte sich der besondere Charme des Clubs, bei dem bislang nahezu ausschließlich Amateure spielen.

von Hanno Bode

Möglicherweise steht Alexander Dlugaiczyk in den kommenden Tagen vor einem Gewissenskonflikt. Es könnte sein, dass der Havelser Ersatzkeeper in seinem Beruf als Staatsanwalt bei der Staatsanwaltschaft Hannover Ermittlungen gegen seine eigenen Teamkameraden einleiten muss. Schließlich hatte Kevin Schumacher, Siegtorschütze im Aufstiegsrückspiel gegen den 1. FC Schweinfurt 05, nach dem Schlusspfiff angekündigt, Garbsen und das nähere Umland der niedersächsischen Gemeinde in Schutt und Asche legen zu wollen.

Torschütze Schumacher: "Werden die Bude abreißen"

"Wir werden hier heute die Bude abreißen. Wir werden weiterziehen, wohin, ist mir egal. Hauptsache saufen, Spaß haben, feiern und alles auseinandernehmen, was geht", sagte der bei einer Gebäudefirma angestellte 23-Jährige dem NDR. Zu diesem Zeitpunkt hallte aus den Lautsprechern des Wilhelm-Langrehr-Stadions gerade das von Bernd Verführth und dem Chor des TSV Havelse einst eingesungene Vereinslied. Darin heißt es unter anderem: "So oder so, wir bleiben frei und froh. Fußball spielen wollen wir, kämpfen können wir - auch im letzten Viertelstündchen."

Party-Sause beginnt im Stadion

Wann das letzte "Viertelstündchen" bei der Aufstiegsparty der Havelser Feierbiester angebrochen war, ist nicht übermittelt. Doch die Nacht dürfte für die Mannen des zu Hannover 96 wechselnden Trainer Jan "Zimbo" Zimmermann lang geworden sein. Schließlich hatte das Team bereits im Vorfeld des zweiten Duells mit den "Schnüdeln" für den Fall der Fälle, sprich den Aufstieg, alles durchgeplant. Los ging die große Sause im eigenen "Wohnzimmer", dem ebenso charmanten wie in die Jahre gekommenen Stadion in Garbsen. Dort schauten sich die TSV-Kicker auf einer kleinen Leinwand bei Bier und Leckereien vom Buffet das zweite Vorrundenspiel der deutschen Nationalmannschaft bei der Europameisterschaft gegen Portugal (4:2) an.

Torwart-Trainer bittet in eigener Gaststätte zum Drink

Von dort aus ging es für die "Schlawiner", wie sich die Havelser in Anlehnung an das Brötchen ihres Hauptsponsors auf ihren Aufstiegs-Shirts bezeichnen, weiter in die Gaststätte "Zur Eiche" in Alt-Garbsen. Eine "ehrliche Küche und angenehme Atmosphäre" verspricht das Restaurant auf seiner Website. Inhaber Marc Windhorn wird ganz gewiss dafür gesorgt haben, dass sich seine Gäste auch am Samstagabend so richtig wohl bei ihm gefühlt haben. Schließlich ist der 45-Jährige nebenbei noch als Torwart-Trainer beim TSV tätig.

Möglicherweise kann er sich in Zukunft ganz darauf konzentrieren, hatte Aufstiegsheld Schumacher doch angekündigt: "Erst reißen wir das Stadion ab und dann die Eiche."

Kapitän Fölster: "Zum Glück ist meine Freundin nicht zu Hause"

Letzter offizieller Programmpunkt der Havelser "Abrissparty" war dann ein Besuch im "RP5 Stage", einer Eventlocation in Hannover. Dort hatte Kapitän Tobias Fölster bei Geschäftsführer Martin Polomka, Trainer des bisherigen Ligarivalen HSC Hannover, einen Bereich für die Mannschaft reserviert. Der Innenverteidiger dürfte dann ziemlich lange das Tanzbein geschwungen haben. Denn seine Herzensdame war - temporär - geflüchtet. "Zum Glück ist meine Freundin nicht zu Hause, deswegen wartet niemand. Keine Ahnung, wann ich nach Hause komme", hatte der 27-Jährige vor Beginn des Partymarathons angekündigt.

Für Club und Spieler beginnt neue Zeitrechnung

Torhüter Alexander Dlugaiczyk vom TSV Havelse © IMAGO / Noah Wedel
Im Hauptberuf Staatsanwalt, nebenbei Ersatzkeeper beim TSV Havelse: Alexander Dlugaiczyk.

Es ist davon auszugehen, dass viele TSV-Spieler am Sonntag mit einem fiesen Brummschädel aufgewacht sind. Die Erinnerungen an die vergangene Nacht mögen bei ihnen bereits ob der einen oder anderen Gerstenschorle verblasst sein. Den 19. Juni 2021, den Tag des Aufstiegs, werden die Garbsener ziemlich sicher nie vergessen. Schließlich ist der Sprung in den Profibereich nicht nur für den familiären kleinen Club eine Zäsur. Auch für die Akteure beginnt nun eine neue Zeitrechnung. Sie müssen versuchen, ihre Berufe, die die meisten Kicker weiter ausüben wollen, und Drittliga-Fußball unter einen Hut zu bekommen.

Eine solche Konstellation ist im deutschen Profifußball wohl einmalig. Aber es hat eben auch ganz, ganz viel Charme, wenn plötzlich ein Vetriebsmitarbeiter (Fölster), Kommunalberater (Rechtsverteidiger Denis Kina) oder Friseur (Mittelfeldspieler Nikos Elfert) gegen langjährige Berufskicker zur Grätsche ansetzen. Und sollte es auf dem Rasen mal nicht mit rechten Dingen zugehen, kann es ja fraglos auch nicht schaden, einen Staatsanwalt in den eigenen Reihen zu haben ...

Weitere Informationen
Die Fußballer des TSV Havelse bejubeln den Aufstieg in die Dritte Liga. © IMAGO / HMB-Media

Aufstieg! Der TSV Havelse ist Drittligist

Nach dem 1:0 im Hinspiel haben sich die Garbsener mit dem gleichen Ergebnis auch im Rückspiel gegen den 1. FC Schweinfurt 05 durchgesetzt. mehr

Dieses Thema im Programm:

Hallo Niedersachsen | 20.06.2021 | 19:30 Uhr

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