Stand: 26.11.2014 09:00 Uhr

Der HSV ist tot - Es lebe der HSV!

von Hanno Bode, NDR.de

Kreisklasse statt Bundesliga

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Für die Falke-Fans Geschichte: das Live-Erlebnis HSV - Bayern.

Der Club muss dann ganz unten anfangen, in der Kreisklasse. Für Dwenger und ihre Mitstreiter, die jahrelang Partien gegen Bayern München, Dortmund oder Schalke anschauten, wird das mit einem Kulturschock verbunden sein. Nun geht es auf holprigen Plätzen gegen Kontrahenten, denen die "Dritte Halbzeit" zuweilen wichtiger ist als die 90 Minuten zuvor. "Sicherlich ist das nicht so anspruchsvoll. Man darf aber einfach nicht unterschätzen, dass von dem Verein, von dem wir kommen, in den letzten Jahren auch kein guter Fußball gezeigt wurde", erklärt die Präsidentin. Nebenbei: Bei einem Aufstieg könnte es 2016 ein Duell zwischen Falke und dem HSV geben. Die vierte Mannschaft des Bundesliga-Gründungsmitglieds kickt in der Kreisliga um Punkte.

FC United of Manchester als Vorbild

Dafür muss der neue Verein aber erst einmal eine Mannschaft formen. Obmann Nils Kuntze-Braack ist deswegen auf den Plätzen der Hansestadt unterwegs, um Personal zu sichten. "Es ist schwierig, wenn man vorher keine eigene Jugend hatte. Wir haben schon einmal eine Ausschreibung gemacht, da haben sich viele beworben. Wir werden gucken, was dabei ist", sagt der 46-Jährige. Wie ein von Fans gegründeter Club funktionieren kann, zeigt das Beispiel des FC United of Manchester. Der Verein wurde 2005 von enttäuschten Anhängern des Premier-League-Clubs Manchester United aus der Taufe gehoben, hat inzwischen drei Aufstiege gefeiert und baut sich gerade ein eigenes Stadion. Eine Falke-Delegation war zuletzt zu Gast bei den Engländern. Sie dienen den Hamburgern als Vorbild.

Fanabwanderung auch bei 96

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Die Spiele der U23 von 96 sind seit dieser Saison Zuschauermagneten.

Von Duellen mit Manchester träumt Martin Kind. Allerdings von Partien gegen "ManU". Der 96-Präsident ist überzeugt, dass sportlicher und wirtschaftlcher Erfolg untrennbar miteinander verknüpft sind: "Ich muss mich in diesem Wettbewerbsmarkt bewähren, sonst spiele ich in der Vierten Liga." Genau dorthin, in die Vierte Liga, sind Teile des 96-Anhangs abgewandert. Die U23 der Niedersachsen erfreut sich seit Saisonbeginn großer Fanunterstützung. Zu den ersten acht Regionalliga-Heimspielen pilgerten insgesamt 9.951 Zuschauer ins Beekestadion im Stadtteil Ricklingen. Zum Vergleich: Die bis dato zehn Heimauftritte der U23 des VfL Wolfsburg verfolgten lediglich 3.304 Besucher. "Ich habe so das Gefühl, Fußball einatmen zu können, wie es mir Spaß macht. Fußball ist für mich Emotion und Leidenschaft und kein geregeltes Marketingunternehmen", erklärt Christian Brehm, früherer Vorsitzender des Fandachverbandes "Rote Kurve".

Kind im Dauerclinch mit Anhängern

Doch nicht nur der zunehmende Kommerz im Fußball-Oberhaus hat einige Hundert Anhänger des Hannoverschen Sportvereins aus dem nach einem Direktversicherer benannten WM-Stadion vertrieben. 96-Vereinspatron Kind hat Ultras sowie andere Fangruppierungen des Clubs in der Vergangenheit nach Verfehlungen wie dem Abbrennen von Pyrotechnik mehrmals öffentlich in sehr scharfer Form kritisiert. Das ist zunächst einmal sein gutes Recht, trägt aber nicht unbedingt zur Deeskalation der Situation bei.

"Eine Rückkehr ist reine Utopie"

Als 96 im April vor dem brisanten Derby bei Eintracht Braunschweig Eintrittskarten lediglich an die Anhänger ausgab, die bereit waren, per Buskonvoi in die Nachbarstadt zu fahren, lief das Fass für viele Fans über. Neun Anhänger klagten und bekamen Recht. Die Kluft zwischen Club und Fans aber war noch größer geworden. "Es müsste eine 180-Grad-Wendung der Vereinsführung erfolgen. Ein Umdenken im Umgang mit den Fans, das grundlegend und nachhaltig ist, Gespräche, die verlässlich sind. Dann könnte man sicherlich über eine Rückkehr reden. Aber ganz ehrlich: Das ist reine Utopie", sagt ein Fanvertreter.

Mehr als eine Modeerscheinung?

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96-Chef Martin Kind vermisst die Unterstützung der Fans, will aber nicht auf sie zugehen.

Durch den Boykott der "Ultras" sowie anderer Gruppen leidet wie in Hamburg auch in Hannover die Atmosphäre bei Heimspielen deutlich. Kind hat dies registriert: "Dieser harte Kern der Fans ist wichtig, weil sie für die Stimmung stehen und eine unglaubliche Loyalität zum Fußball, zu ihrer Marke, haben." Darauf ein Fanvertreter: "Loyalität zu einer Marke? Ich bin doch nicht Fan einer Marke, ich bin Fan eines Vereins." Eine Lösung ist nicht in Sicht, zwischen dem Präsidenten und den Anhängern herrscht Funkstille. Profiteure der Entfremdung sind - an Leine und Elbe - Fußballer, die vor wenigen Monaten überwiegend noch mehr oder minder unter Ausschluss der Öffentlichkeit gespielt haben. Ob diese Entwicklung mehr als eine Modeerscheinung ist, muss sich allerdings erst zeigen.

Dieses Thema im Programm:

Sport aktuell | 28.11.2014 | 12:25 Uhr

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