Stand: 10.11.2011 14:05 Uhr  | Archiv

Kein Platz für Trauer um Robert Enke

von Florian Neuhauss, NDR.de
Bild von Robert Enke auf dem Videowürfel in der Arena auf Schalke © dpa Foto: Felix Heyder
Gedenken an Robert Enke auf der Anzeigetafel im Stadion.

Weit mehr als 100.000 Einträge zeigen, wie groß die Anteilnahme auch im Internet-Kondolenzbuch war, nachdem Robert Enke vor zwei Jahren sein Leben selbst beendet hatte. Jörg Neblung, der ehemalige Berater des deutschen Nationaltorhüters und Schlussmannes von Hannover 96, betreibt die Seite und erhält noch immer regelmäßig Nachrichten von Trauernden. Doch das Online-Kondolenzbuch ist längst nicht mehr frei einsehbar - zu viele haben das Angebot, ihrer Trauer Ausdruck zu verleihen, missbraucht. "Bekanntlich ist die Anonymität des Internets der ideale Ort für Unflätigkeiten und Aufwiegelung", sagt Neblung NDR.de. "Die Bandbreite der Kommentare ist groß. Leider ging es bis zur Störung der Totenruhe und Denunzierung Dritter." Also musste er eingreifen. Kondoliert werden kann weiterhin, sehen können die Einträge aber nur noch die Administratoren. Um richtig zu filtern, fehle es seinem Unternehmen an "Manpower".

"Der Todestag wird mich ein Leben lang begleiten"

"Die Tragödie hat uns damals alle in eine tiefe Ohnmacht gestürzt", erinnert sich Andreas Bergmann, der im November 2009 Trainer der 96-Profis war. "Es war ganz schwer, sich wieder auf Fußball zu konzentrieren und dabei auch wieder Lust und Freude am Spiel zu haben." Der Coach verlor in den Monaten nach dem Unglück wegen der Erfolglosigkeit des Teams seinen Job, arbeitet heute beim Zweitligisten VfL Bochum. Florian Fromlowitz, damals Ersatztorhüter, war 23, als Enke sich das Leben nahm und rückte dann bei 96 in die erste Reihe. Auch dank seiner Paraden hielten die "Roten" noch die Klasse. "Roberts Tod hat uns lange gelähmt, da haben wir einen ganz schweren Rucksack mit uns herumgetragen. Den haben wir erst mit dem Klassenerhalt ablegen können", sagt der heutige Torhüter des MSV Duisburg. "Der Todestag wird mich trotzdem ein Leben lang begleiten."

Diesmal kein zentraler Trauerpunkt

Trauernde Fans des verstorbenen Nationaltorhüters Robert Enke zünden vor dem Stadion von Hannover 96 Kerzen an. © dpa
Trauernde Fans zünden vor dem Stadion von Hannover 96 Kerzen an.

Tausende Menschen nahmen vor zwei Jahren an den Trauerfeiern im Stadion, in oder vor der Kirche und beim Trauermarsch durch Hannover teil. Millionen verfolgten am Fernseher, wie Teresa Enke vor die Presse trat, um über den Leidensweg ihres Mannes zu berichten. Und auch im vergangenen Jahr pilgerten viele zum Stadion der Hannoveraner. Dort hatte der Verein eine zentrale Anlaufstelle für die Trauernden geschaffen. In diesem Jahr verzichtet 96 allerdings darauf. Pressesprecher Alexander Jacob mag sich zu den Gründen nicht äußern, verweist nur auf die Möglichkeit, auf der Facebook-Seite der Niedersachsen zu kondolieren. Ein Großteil der 36 deutschen Profi-Vereine veröffentlichte am zweiten Todestag Enkes über ihre jeweilige Facebook-Seite eine Meldung zum Gedenken. Der FC Barcelona, für den der Torwart auch spielte, beteiligte sich ebenfalls an der Initiative.

Öffentlichkeit ist über das Thema Depression aufgeklärter

Fußball-Berater Jörg Neblung. © dpa - Bildfunk Foto: Frank Rumpenhorst
Für Berater Jörg Neblung ist Enke "jeden Tag gegenwärtig".

Für Neblung ist "Robert jeden Tag gegenwärtig". Seine eigene Trauer verstelle allerdings nicht seinen Blick dafür, dass im Profi-Fußball ein Umdenken eingesetzt habe. Einige Sportler haben zuletzt den Mut gefunden, sich "zu psychischen Erkrankungen zu bekennen". Der letzte Fall war der des ehemaligen Profis Michael Sternkopf, der als Manager bei Kickers Offenbach arbeitete. Neblung stellt fest: "Wir haben in Sachen Aufklärung über die unterschiedlichen Ausprägungen des Erschöpfungssyndroms oder auch der Depression einen riesigen Schritt nach vorne gemacht." Die Öffentlichkeit sei mittlerweile aufgeklärt. "Es ist auf jeden Fall leichter geworden, als Betroffener über das Thema zu sprechen", betont auch Dr. Valentin Markser, dem sich Enke im Jahr 2003 erstmals anvertraute. Doch an der Wurzel des Übels hat sich nach Bergmanns Meinung nach wie kaum etwas getan: "Fußball ist ein knallhartes Geschäft." Für Zweifel, Ängste und Schwächen sei da leider immer noch kein Platz.

Dieses Thema im Programm:

Sport aktuell | 10.11.2011 | 14:25 Uhr

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