Stand: 12.04.2017 09:44 Uhr  | Archiv

Braunschweig - Hannover: Rivalen aus Tradition

von Bettina Lenner und Florian Neuhauss, NDR.de
Keinerlei Sympathie: die Anhänger von Hannover und Braunschweig.

Hannover 96 gegen Eintracht Braunschweig ist nicht einfach nur ein Fußballspiel. Denn das Niedersachsenderby ist weit mehr als ein Nachbarschaftswettstreit, die beiden Städte eint nur eins: eine jahrhundertealte Rivalität und eine abgrundtiefe Abneigung in den Fanlagern beider Vereine. Aber wie erklärt sich die Antipathie?

Historischer Wettstreit beider Städte

In den vergangenen Jahrhunderten konkurrierten beide Städte stets um die Vorherrschaft. War Braunschweig einst als Teil der Hanse die Regionalmacht, verlor die "Löwenstadt" im 17. Jahrhundert an Einfluss, während Hannovers Herrscher zu Kurfürsten wurden. Später blieb Braunschweig zwar ein eigenes Land, doch die Stadt an der Leine überholte den Nachbarn als Provinzhauptstadt Preußens durch die Industrialisierung und den Ausbau der Eisenbahn in ihrer Bedeutung. "Damit wurde Hannover zum zentralen Drehkreuz und Braunschweig rückte in die zweite Reihe", erklärt Karl Heinz Schneider, Professor für Regionalgeschichte an der Universität Hannover.

Nach dem Zweiten Weltkrieg musste Braunschweig dann den Abstieg vom eigenen Land zum Zonenrandgebiet und den zeitgleichen Aufstieg Hannovers zur Landeshauptstadt verkraften. "Die lokale Rivalität zwischen Landeshauptstadt und zweitgrößter Stadt gibt es häufig", sagt Gerd Biegel von der TU Braunschweig. Zugleich sei in Braunschweig ein besonders starkes lokales Selbstbewusstsein erwachsen, so der Professor.

Braunschweig - Hannover: Die Geschichte des Niedersachsenderbys

Sportlicher Wettstreit beider Vereine

In sportlicher Hinsicht entbrannte ein erbitterter Streit, als die Eintracht - anders als die "Roten" - 1963 zu den Gründungsmitgliedern der Bundesliga erkoren wurde. Zumal der Vereinsauswahl durch den DFB ein undurchsichtiges Verfahren vorausgegangen war: Laut Ausschreibung sollten die sportlichen Leistungen seit der Spielzeit 1951/1952 in die Wertung eingehen. Aus den 74 Bewerbern wurden allerdings mitnichten die 16 erfolgreichsten herausgesucht. Bei den fünf Funktionären, die über Wohl und Wehe der Bewerber entschieden, spielten offenbar auch eigene Vorlieben eine Rolle. Für Braunschweig sprach im Vergleich zu Hannover schließlich aber wohl der dritte Platz in der Oberliga-Saison 1962/1963. Ein Kriterium, das es offiziell gar nicht gab.

Zwar zog Hannover mit dem Aufstieg im Sommer 1964 nach, der Stachel sitzt aber bis heute tief und erklärt zumindest in Teilen die Brisanz. "Die Stadien waren immer voll, wenn Hannover gegen Braunschweig spielte. Eine gewisse Rivalität bestand damals auch schon", erinnerte sich Hannovers Rekordtorschütze Hans Siemensmeyer im Gespräch mit NDR Info an die Derbys in den 60er- und 70er-Jahren: "Aber es war keine Brutalität. Die Braunschweiger hatten in ihrem Stadion so ein kleines Clubheim, eine kleine Gaststätte. Da sind wir schon mal mit reingegangen und haben dann mit den Braunschweiger Spielern ein Bierchen getrunken. Aber ich glaube, die Rivalität auf den Rängen ist ohnehin bedeutend größer als auf dem Platz."

Aggressionsabnahme "von unten nach oben"

Hannovers Hans Siemensmeyer (r.) entschuldigt sich bei Franz Beckenbauer. © imago/Rust

Siemensmeyer: "Früher haben wir ein Bier getrunken!"

NDR Info -

Hans Siemensmeyer war in den 60er- und 70er-Jahren mit Hannover 96 an zahlreichen Niedersachsen-Derbys gegen Eintracht Braunschweig beteiligt. Michael Augustin hat ihn getroffen.

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96-Clubboss Martin Kind hat indes Zweifel, dass den Fans der Hintergrund für die fast schon traditionellen Spannungen bewusst ist: "Ich kann mit diesen vergangenheitsgeprägten Verhaltensmustern wenig anfangen. Aber sie sind da. Ich vermute aber, dass die Fans in Braunschweig und Hannover die Zeit, als diese Entscheidungen getroffen wurden, die einen Teil dieser Spannungen ausmachen, selber gar nicht erlebt haben", meint der Unternehmer. Andreas Buchal, der über die Rivalität der beiden Fanlager seine Diplomarbeit geschrieben und mit zahlreichen Anhängern gesprochen hat, hat andere Erfahrungen bei seinen Recherchen gemacht: "Es gibt schon einige, die genau wissen, dass das historische Gründe sind", erklärte er. Es gebe eine Abnahme der Aggressionen "von unten nach oben. Im Hardcore-Fanblock, da ist es absoluter Hass. Je weiter man nach oben in der Preiskategorie der Karten geht, desto weniger wird es. Auf der VIP-Tribüne wird man nichts davon sehen und auf Vorstandsebene sowieso nicht."

Heute ein anderer Stellenwert?

Rätselhaft bleibt, warum die Kluft zwischen den Anhängern beider Traditionsvereine trotz jahrelanger unterschiedlicher Spielklassenzugehörigkeit gefühlt größer geworden ist. "Da kann man keinen wirklichen Grund finden. Ich kann auch nur mutmaßen, dass das mit der gesellschaftlichen Entwicklung zu tun hat. Für viele ist jetzt Fußball alles geworden, sie leben eigentlich nur noch für die Zeit im Stadion. Das war damals vielleicht ein bisschen ein anderer Stellenwert", so Buchal.

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