Anfang: "Von Aufstieg kann Werder noch lange nicht reden"

Stand: 16.08.2021 11:41 Uhr

Absteiger Werder Bremen bekommt die raue Wirklichkeit der Zweiten Liga zu spüren. Trainer Markus Anfang will eine junge Mannschaft aufbauen, aber noch fehlt das Geld für Verstärkungen. Ist Sportchef Frank Baumann gescheitert?

von Andreas Bellinger

Sie schwelgen in Erinnerungen an glorreiche Zeiten und erleben in der Schießbude Weserstadion seit neun sieglosen Heimspielen immer neue Demütigungen. Herzog, Pizarro, Delaney - auf ihren Trikots tragen viele Fans von Werder Bremen die grün-weiße Vergangenheit zur Schau. Doch die raue Realität ist eine Mannschaft ohne Gesicht, die sich im Umbruch nach dem Bundesliga-Abstieg und in der finanziellen Not fast täglich verändert.

Aus der Freude über die Rückkehr von fast 21.000 Zuschauern ist beim 1:4 gegen den SC Paderborn Frust, Protest und Häme geworden, was in einem Pfeifkonzert und Raus-Rufen vor allem gegen Sportchef Frank Baumann gipfelte.

Baumann nur Sündenbock?

Dass Baumann und sein Adlatus Clemens Fritz als Leiter Profifußball und Scouting bislang nur den angekündigten Aderlass an Stammkräften in die Tat umgesetzt haben - mit Ludwig Augustinsson wurde am Sonntag nach Milot Rashica, Johannes Eggestein, Yuya Osako, Joshua Sargent und Stefanos Kapino ein weiterer namhafter Abgang binnnen weniger Tage vermeldet -, nicht aber die versprochenen Verstärkungen, hat insbesondere die treuen Fans in der Hansestadt wütend gemacht.

"Es ist heutzutage nicht nur im Fußball so, dass man einen Schuldigen braucht - und das bin ich jetzt in diesem Fall. Das ist natürlich nicht angenehm." Werder-Sportchef Frank Baumann

Der Trainer ist der Leidtragende

Der Leidtragende an erster Stelle dürfte Trainer Markus Anfang sein, der um die Aufgabe, eine Mannschaft aus "hungrigen, erfolgsorientierten Spielern, die sich weiterentwickeln wollen", zu formen, wahrlich nicht zu beneiden ist. Schließlich fehlen die versprochenen Neuen, die der Tristesse vor allem im Sturm Qualität entgegensetzen könnten. "Weil", so Baumann, "wir durch die Corona-Pandemie und den Abstieg vor einer wirtschaftlich herausfordernden Situation stehen." Finanzstarke Unterstützung fehlt dem klammen Verein, dem die Banken, wie es heißt, nicht mehr als 20 Millionen Euro Kredit gewährt haben und der in der Folge eine hoch zu verzinsende Mittelstandsanleihe aufgelegt hat.

Baumann: Wirtschaftliche Seite hat "absolute Priorität"

Die wirtschaftliche Seite hat "absolute Priorität", so Baumann, der bei Radio Bremen ungewohnt dünnhäutig hinzufügte: "Wenn das einer nicht kapieren möchte, dann kann ich ihm auch nicht helfen." Anfang hat es kapiert - die Notwendigkeit, Verstärkungen zu holen, wird dadurch allerdings nicht weniger dringend. "Wir wissen, dass wir im vorderen Bereich ganz dringend Spieler brauchen", so der Trainer, der im NDR Sportclub die stereotype Entschuldigung gleich mitliefert: "Es ist nicht so, dass wir untätig sind. Aber man braucht auch Mittel, um einen Spieler verpflichten zu können. Viele Mannschaften haben ihren Kader längst zusammen. Wir müssen erst einmal Transfererlöse erzielen."

Anfang: "Junge Spieler nicht plattmachen"

Der 47-Jährige hat die Herkulesaufgabe zwischen sportlichem Niedergang und finanzieller Gesundung in Corona-Zeiten wohlwissend angenommen: "Wir müssen den Verein auf gesunde Füße stellen und dann sukzessive etwas Nachhaltiges aufbauen", sagt er. Und: "Wir haben viele junge Spieler auf dem Feld. Das muss der Weg sein. Aber wir müssen ihnen das Gefühl vermitteln, auch Fehler machen zu dürfen. Wir dürfen sie nicht erdrücken oder nach Spielen wie gegen Paderborn plattmachen."

Sportchef lehnt Rücktritt ab

Ein Teufelskreis und eine herausfordernde Situation, die nach kreativen Lösungen schreit. Ob Baumann und Fritz dafür die richtigen Experten sind? Trotz aller Kritik will der Sportchef von Rücktritt nichts wissen: "Nein, das macht aus meiner Sicht keinen Sinn. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt sowieso nicht", wehrt Baumann diesbezügliche Fragen mit dem Hinweis ab: "Wir haben von Anfang an gesagt, dass es diesen Sommer sehr, sehr lange dauern wird, bis der Kader zusammen ist." Das "Weiter so" geht weiter so.

"Werder Bremen ist ein großer, toller Verein, der in der Vergangenheit durch Titel auf sich aufmerksam gemacht hat. Aber die aktuelle Situation bei Werder Bremen ist nicht die Vergangenheit." Werder-Coach Markus Anfang

Bode schließt Trennung von Baumann aus

Der Einzige in der Werder-Führung, der bereit ist, Konsequenzen zu ziehen, bleibt Ex-Europameister Marco Bode, der im September nicht wieder als Aufsichtsratschef kandidieren wird. Bode sprang am Montag für Baumann in die Bresche. "Es ist nicht fair, wenn sich die Fans jetzt einen Schuldigen herauspicken. Wir alle, die gesamte Geschäftsführung und der Aufsichtsrat, bestimmen den Kurs des Clubs", sagte Bode dem Portal "Deichstube". Eine Trennung von Baumann schloss er aus: "Nein, das werden wir nicht machen."

Werder fremdelt noch in Liga zwei

"Werder ist gedanklich bislang noch gar nicht in der Zweiten Liga angekommen", sieht Anfang derweil als Hauptproblem. Tatsächlich scheint es mitunter so, als sei es im Verein und im Umfeld ausgemachte Sache, dass der Betriebsunfall Abstieg (der zweite nach 40 Jahren) postwendend mit dem Wiederaufstieg ausgebügelt wird. Als erfahrener Zweitliga-Trainer, der mit Holstein Kiel vor dem Durchmarsch ins Oberhaus stand, beim 1. FC Köln unmittelbar vor dem Aufstieg geschasst wurde und jüngst in Darmstadt die beste Zweitliga-Rückrunde der "Lilien" hingelegt hat, weiß Anfang aber, "wie schwer es ist, in der zweiten Bundesliga Spiele zu gewinnen".

Sein Ziel heißt deshalb: Wiederaufbau. "Von Wiederaufstieg", sagt er, "kann Werder noch lange nicht reden."

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Eine Fußballtabelle vor eine Fußballmotiv © Colourbox Foto: Pressmaster

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Dieses Thema im Programm:

Sportclub | 15.08.2021 | 23:05 Uhr

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