Stand: 11.07.2019 14:50 Uhr

96-Chef Kramer: "Irgendwann platzt diese Blase"

Sebastian Kramer ist seit April Vorstandsvorsitzender von Fußball-Zweitligist Hannover 96. Er kommt aus der Fankurve, er sieht den modernen Fußball kritisch - und steckt nun als Funktionär praktisch mittendrin.

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Sebastian Kramer besucht die 96-Heimspiele, seit er sechs Jahre alt ist.

Wenn Sebastian Kramer nach mehr als 30 Jahren in der Fankurve über den modernen Fußball spricht, dann klingt eine Menge Kritik, Empörung und auch eine Befürchtung heraus. "Wenn ich sehe, wie viel Geld in diesen Markt gepumpt wird, dann denke ich manchmal: Mit dem Fußball kann es auch so enden wie mit der Kreditblase", sagt der 42-Jährige: "Irgendwann ist der Punkt erreicht, an dem diese Blase platzt." Denn dem Fan werde in diesem Millionengeschäft nur noch eine Rolle zugewiesen: "Kaufen, konsumieren, Klappe halten, nach Hause gehen: Das ist die Tendenz."

Ein Vereinschef, der aus der Kurve kommt

Seit er sechs Jahre alt ist, besucht Kramer die Heimspiele des Bundesliga-Absteigers. So wie er sehen das viele Anhänger in den Stadien, längst tobt im Fußball im Allgemeinen und bei den Niedersachsen im Speziellen ein Kulturkampf. Kramer steht nun allerdings dem, was er beklagt, nicht mehr machtlos gegenüber: Seit April dieses Jahres ist er auch der Vorstandsvorsitzende von Hannover 96, nachdem sich Martin Kind nach mehr als 20 Jahren an der Spitze des e.V. zurückgezogen hatte. Er ist ein Vereinschef, der aus der Kurve kommt.

Er wolle den Leuten "das Gefühl zurückgeben, dass der Verein allen gehört und nicht nur Einzelpersonen", sagt der Kind-Nachfolger. Und konstatiert ganz grundsätzlich: "Dafür, dass der Fußball ein Volkssport bleibt, würde ich auch in Kauf nehmen, dass ich mir im Champions-League-Halbfinale nur noch Liverpool gegen ein anderes englisches Team angucken kann."

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Seit Jahren hat sich der Fußball in der Debatte "Kommerz kontra Kultur" entzweit. Auf der einen Seite: diejenigen, die sagen, dass man sich keinen Einnahmen verschließen sollte, wenn man sportlich mithalten will. Auf der anderen Seite: Fans, "die das Gefühl haben, dass sie den Fußball und den Verein, den sie kennen und lieben gelernt haben, verlieren", so Kramer.

Die Kräfteverhältnisse in diesem Kulturkampf sind ziemlich eindeutig, wie allein die Explosion der Transfersummen zeigt. Doch gab es gerade in der abgelaufenen Saison auch mindestens zwei Ereignisse, die als symbolischer Sieg der Fanszenen über den modernen Fußball gelten: die Abschaffung der Montagabendspiele in der Bundesliga ab 2021 - und die Mitgliederversammlung von Hannover 96 im März.

Kind dominiert weiterhin Profifußballbereich

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Grundsatzstreit über das Reizthema 50+1

"Die Seriosität, mit der die Fans an der Thematik gearbeitet haben, belegt, was für ein wertvoller Partner sie sein können", sagt Michael Gabriel über das Beispiel Hannover. "Fans und Vereine haben das gleiche Interesse, dass die Nähe des Zuschauers zum Fußball beibehalten wird", betont der Leiter der Koordinationsstelle Fan-Projekte in Frankfurt.

Ob das stimmt, wird auch in den nächsten Wochen wieder besonders gut in Hannover zu beobachten sein. Denn dort schwelt weiter ein Grundsatzstreit über das Reizthema 50+1-Regel, die zumindest in Deutschland den Einfluss von Investoren auf Proficlubs begrenzt. Kind möchte eine Ausnahmegenehmigung von dieser Regel, um sicherzustellen, dass über Belange des Profifußballs nur noch in der Profifußballabteilung entschieden wird. Die Führung des 96 e.V. dagegen will, dass der Verein seinen Einfluss auf den Fußball behält.

Kramer: Die Hände reichen und etwas vereinbaren

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Beide Seiten verhandeln seit Wochen, Kind selbst wollte sich zu diesen Gesprächen nicht äußern. Sein Nachfolger ist überzeugt, dass gemeinsame Lösung im Fußball nötig sind - egal, ob es um Anstoßzeiten, Eintrittspreise oder um den Umgang mit 50+1 geht. "Ich möchte nicht, dass irgendjemand bei der DFL oder bei einem Schiedsgericht entscheidet, was mit Hannover 96 passiert. Es ist wichtig, zu sagen: Wir sind erwachsene Menschen, wir sitzen hier, wir reichen uns die Hände und haben etwas vereinbart", so Kramer.

Stichwort 50+1

Durch die sogenannte 50+1-Regel wird bislang verhindert, dass Investoren mehr als 50 Prozent der Anteile an einem Fußball-Club erwerben können. In anderen Ligen - zum Beispiel in England - gibt es eine solche Regelung nicht. Besonders Hannover 96 mit Clubpräsident Martin Kind an der Spitze macht sich dafür stark, die Regel zu kippen, um die "Kapitalsituation der Clubs zu verbessern". Die Regelung wurde bisher beibehalten, steht aber permanent in der Diskussion. Befürworter der Regelung kritisieren, dass beim Wegfall der Markt für ausländische Investoren geöffnet werden könnte, die kein sportliches Interesse an einem deutschen Bundesliga-Club haben.

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Dieses Thema im Programm:

Sport aktuell | 11.07.2019 | 10:25 Uhr

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