Stand: 01.02.2019 12:58 Uhr

HSV: Sportlich top - Insolvenz-Gefahr größer denn je

von Daniel Jovanov, NDR.de
Auf dem Platz top - auf dem Konto flop: Wie geht es weiter beim HSV?

Während es sportlich für den Hamburger SV in der Zweiten Liga mit 40 Punkten aus 19 Spielen kaum besser laufen könnte, droht in den kommenden Wochen auf der wirtschaftlichen Seite die wohl größte Herausforderung der Clubgeschichte. Um die sogenannte "Jubiläums-Anleihe" aus dem Jahr 2012 mit einem Volumen von 17,5 Millionen Euro zurückzahlen zu können, braucht der HSV wieder die Hilfe seiner Fans. Mit einer neuen Anleihe soll die im September fällige alte Anleihe abgelöst werden. Die Rahmendaten sind dieselben wie damals: Die Bosse wollen erneut 17,5 Millionen einnehmen und ihren Kreditgebern bis 2026 dafür sechs Prozent Zinsen zahlen.

Wie wichtig der Erfolg dieser Maßnahme für das finanzielle Überleben des kriselnden Zweitligisten ist, geht aus dem kürzlich veröffentlichten Wertpapierprospekt hervor. Das 144 Seiten lange Dokument ermöglicht Interessenten einen detailreichen Überblick über die wirtschaftliche Lage und mögliche Risiken. Und die deutlichen Warnungen im Prospekt sprechen dafür, dass es dem HSV schlechter geht, als er zugeben mag - oder zugeben darf. Das Verpassen des direkten Wiederaufstiegs beispielsweise könnte existenzbedrohende Folgen haben.

HSV selbst schreibt häufig von möglicher Insolvenz

Der Vorstand versucht diesem Eindruck entgegenzuwirken, um Unruhe und Verunsicherung vorzubeugen. Aufgrund gesetzlicher Bestimmungen müsse der HSV jedoch auf unterschiedliche Szenarien und die Gefahr eines Totalverlustes hinweisen, heißt es aus dem Umfeld des Vorstandes. Für wie wahrscheinlich ein Investor dieses Szenario hält, liegt allein in seinem Ermessen. Doch schon der häufige Hinweis auf eine mögliche Insolvenz verdeutlicht, wie intensiv sich die Verantwortlichen mit dem "Worstcase" beschäftigen müssen. Im zweiten Kapitel des Wertpapierprospekts widmet der HSV den wichtigsten Risikofaktoren ganze 23 Seiten.

Fans müssten über zahlreiche Risiken hinwegsehen

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Dass die sogenannten "Schuldverschreibungen" unbesichert sind und die Gläubiger im Falle einer Insolvenz ihr Geld nicht mehr wiedersehen würden, ist dabei nur eines der weniger heiklen Details der neuen Anleihe. Problematischer erscheint ein anderer Punkt: "Selbst bei erfolgreicher Platzierung sämtlicher neuer Schuldverschreibungen würde der Netto-Emissionserlös aus dem Angebot nicht zur vollständigen Refinanzierung der 6 Prozent Jubiläums-Anleihe 2012/2019 und Bedienung der auf diese entfallenden Zinsansprüche ausreichen", warnt der HSV. Zudem wäre die Aufnahme neuer Kredite aus dem Kapitalmarkt dadurch erschwert, weil ein "erheblicher Teil des Vermögens", zum Beispiel das Stadion, bereits als Sicherheit zur Verfügung gestellt worden ist. Und ohne Sicherheiten gibt es von Banken keine Kredite. Trotz der wirtschaftlichen Schieflage liegt die Verzinsung "unter Marktniveau" und dürfte für professionelle Anleger uninteressant sein. Sie richtet sich eher an Fans, die über die zahlreichen Risiken hinwegsehen.

Und täglich grüßt Klaus-Michael Kühne

Ein weiteres Problem sind umfangreiche Darlehen vom Logistik-Milliardär Klaus-Michael Kühne, der in der Vergangenheit mehrfach bei der Finanzierung neuer Spieler oder Sicherung der Lizenz geholfen hat. Seine Forderungen leben in Teilbeträgen wieder auf, wenn definierte sportliche und wirtschaftliche Bedingungen eintreffen. Dabei geht es beispielsweise um Transferüberschüsse. Der HSV müsste im Falle einer Verbesserung seiner Lage die Mehrerlöse zur Rückzahlung der Verbindlichkeiten statt für Investitionen in seinen Profibereich verwenden. Wenn Kühne auf seine Forderungen nicht verzichtet, könnte das Wiederaufleben "einzelner oder sämtlicher" Verbindlichkeiten im schlimmsten Fall in die Insolvenz führen. Zumal "gegenwärtiges und zum Teil zukünftiges Vermögen weitestgehend zur Sicherung von Forderungen anderer Gläubiger" verwendet wurde und sich der HSV 15 Millionen Euro zukünftiger Einnahmen aus Bereichen wie Ticketing oder Vermarktung im Voraus auszahlen lassen musste.

Jubiläums-Anleihe komplett zweckentfremdet

Die Verantwortlichen planen die Bekanntgabe des Gesamtergebnisses der Anleihe am 22. April. Ob es gelingt, die angestrebten 17,5 Millionen Euro vollständig einnehmen zu können, gilt als äußerst fraglich. Denn im Vergleich zur letzten Anleihe vor sieben Jahren steht diesmal kein übergreifendes sportliches Konzept oder ähnliche Vorhaben dahinter, die einen Anreiz zur Investition schaffen. 2012 versprachen die damaligen Verantwortlichen die Einnahmen für den Bau eines neuen Leistungszentrums in unmittelbarer Nähe zum Volksparkstadion zu verwenden. Tatsächlich wurde das Geld vollständig zur Vermeidung der Zahlungsunfähigkeit genutzt. Für Investitionen in den Nachwuchs blieb nichts mehr übrig, sodass der Bau des "HSV-Campus" erst dank einer großzügigen Spende in Höhe von zehn Millionen Euro durch das langjährige Aufsichtsratsmitglied Alexander Otto möglich wurde.

Seitdem trägt der Campus seinen Namen und gilt in Deutschland als eine der modernsten Ausbildungseinrichtungen. Allerdings hat die Zweckentfremdung der ersten Anleihe das Vertrauen der Anleger womöglich nachhaltig erschüttert. Kehren die Fans dem HSV den Rücken und investieren weniger Geld als nötig, ist die Gefahr der Insolvenz größer denn je.

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Sportclub | 03.02.2019 | 22:50 Uhr

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