Stand: 25.09.2018 09:00 Uhr

Jansen und Boll: "Derby auch geil in Liga zwei"

Schenkten sich im jüngsten Stadtderby im Februar 2011 nichts: St. Paulis Fabian Boll (r.) und Marcell Jansen vom HSV.

Die englische Woche läuft, aber Hamburg fiebert bereits dem Stadtderby zwischen dem HSV und FC St. Pauli entgegen - dem ersten seit 2011 und dem ersten in der Zweiten Bundesliga. Beim bislang letzten Aufeinandertreffen der Traditionsclubs feierte Außenseiter St. Pauli im Volkspark. Marcell Jansen für den HSV und St. Paulis Fabian Boll standen damals auf dem Platz. Vor der Neuauflage des Klassikers am Sonntag (13.30 Uhr, im NDR Livecenter) hat der NDR mit den einstigen Derby-Recken über das denkwürdige Duell vor sieben Jahren, die große Rivalität und die Chancen beider Clubs in dieser Zweitliga-Saison gesprochen.

Am Sonntag ist wieder Derby-Zeit in Hamburg. Kribbelt es schon ein bisschen?

Marcell Jansen: Auf jeden Fall. Besser war es natürlich, als beide Mannschaften in der Ersten Liga waren. Es ist geil mitzuerleben, wenn eine Stadt zwei Bundesliga-Clubs hat und ein Derby spielen darf. Aber auch in der Zweiten Liga ist es ein geiles Ereignis.

Fabian Boll: Es knistert schon, obwohl noch andere Spiele anstehen. Das ist gleichzeitig auch das Gefährliche. Der Fokus muss bei beiden Mannschaften noch darauf liegen. Aber spätestens wenn die letzte Partie vor dem Derby gespielt ist, dürfen auf gut deutsch alle gerne die Ärsche hochkriegen und die Rivalität darf gelebt werden.

Diese Rivalität elektrisiert die Stadt. Richtig und wichtig, wenn beide Clubs sie pflegen?

Jansen: Absolut. Für die hier und da belächelte Sportstadt Hamburg ist das Aufeinandertreffen zweier Vereine mit so viel Tradition ein großes Highlight. Es geht da um sehr viel für beide. Aber für den HSV ist es aufgrund der Historie jetzt nochmal eine ganz neue Situation.

Boll: Wenn Braun und Weiß auf Schwarz-Weiß-Blau trifft in der Stadt, ist es egal, ob es die A-Jugend ist oder die Erste von St. Pauli gegen die Zweite vom HSV - das brennt immer! Deswegen ist auch so schwierig, einen Tipp abzugeben. Da geht es viel um Tagesform und darum, wer es an dem Tag ein Stückchen mehr will.

Sie beide standen beim jüngsten Aufeinandertreffen, am 16. Februar 2011, als St. Pauli 1:0 im Volksparkstadion gewann, auf dem Platz. Haben Sie noch besondere Erinnerungen an dieses Derby?

Boll: Bei mir im Kopf spielte sich vorher immer nur ab: "Hoffentlich gibt es nicht richtig auf den Arsch und wir kassieren vier oder fünf Stück." Beeindruckend war der Weg vom Teamhotel zum Stadion. Je näher wir kamen, desto mehr Braun-Weiße sahen wir, die da hinpilgerten und uns die Daumen nach oben zeigten. Da bekam man als Spieler im Bus schon Gänsehaut. Und uns gab es das gute Gefühl, dass wir nicht alleine da rausgehen, gegen 50.000.

Und auf dem Platz?

Boll: Ein bisschen verklärt die Vergangenheit ja auch. Wenn wir ganz ehrlich sind, hätten wir das Spiel niemals gewinnen dürfen. Wir haben eineinhalb Mal aufs Tor geschossen. Aber letztlich steht das Ergebnis.

Jansen: Gut zusammengefasst. Eigentlich unbegreiflich, dass wir das Spiel nicht gewonnen haben. Für uns war das ganz, ganz bitter. Vor allem, weil wir ein gutes Spiel gemacht haben. Es wäre schlimmer gewesen, wenn wir schlecht gespielt und nicht die Einstellung mitgebracht hätten. Das war aber nicht so. Am Ende lag das Quäntchen Glück eben beim FC St. Pauli.

Kann es sein, dass die St.-Pauli-Spieler heißer waren und etwas mehr auf dieses Derby hingefiebert haben?

Boll: Das würde ich gar nicht sagen. Wir haben drei Tage davor gegen Gladbach und drei danach gegen Dortmund gespielt. Da hast du gar nicht die Zeit, dich großartig mit dem Derby zu beschäftigen. Aber wir wussten natürlich, was das für unsere Fans bedeutet. Zudem waren bei uns viele im Kader, die den Weg aus der Dritten bis in die Erste Liga mitgemacht und sogar noch gegen den HSV II gespielt hatten. So hat sich das bei uns natürlich ein bisschen hochgeschaukelt. Aber die Anspannung stieg wirklich erst zwei, drei Tage davor. Da bin ich durchgehend mit Puls 140 durch die Gegend gerannt.

Fabian Boll hat in einem früheren Interview gesagt, dass bei vielen HSV-Spielern nach der Derby-Niederlage gefühlt so eine Art Egal-Haltung herrschte. War das so?

Jansen: Nein, definitiv nicht. Für uns war das schon bitter und es hat an den meisten lange genagt. Anderseits muss man auch selbstkritisch sein. Bei uns gab es damals nicht so viel Konstanz. Ich und ein paar Spieler waren länger da. Bei den anderen würde ich aber nicht sagen, dass es Absicht war. Aber natürlich ist es emotional schwierig, wenn Du nicht über eine längere Zeit bei einem Verein bist. Vielleicht kam es manchmal nicht so rüber, aber die Niederlage hat uns richtig getroffen.

Nach dem Derby ging für beide nicht mehr viel, der HSV holte nur noch einen Sieg und wurde Achter. Der FC St. Pauli stieg ohne weiteren "Dreier" ab.

Boll: Ich wurde oft gefragt, ob es am Derby lag. Nein, mit Sicherheit nicht. Uns sind schon davor mit Carlos Zambrano oder Bastian Oczipka Leistungsträger gerade im Abwehrverbund weggebrochen. Das kann man über ein, zwei Spiele kompensieren. Aber hinten raus wurde die Quantität und Qualität im Kader doch dünner. Ob ich hätte tauschen wollen, wurde ich auch gefragt. Damals als Sportler: hundertprozentig. Mit ein paar Jahren Abstand denke ich: "An das Datum vom Klassenerhalt erinnert sich keiner, aber das des Derbysiegs steht."

Neben der sportlichen ist vor allem die Rivalität der beiden Fanlager groß. Oft wird dabei übers Ziel hinausgeschossen. Im Vorfeld des anstehenden Derbys kam es bereits zu Auseinandersetzungen. Ihr Appell an die Fans.

Hintergrund

Tore, Rekorde, Dramatik: die Derby-Historie

Die 16 Bundesliga-Duelle der Hamburger Rivalen im Überblick. mehr

Jansen: Ich appelliere einfach an den gesunden Menschenverstand. An diesem Tag soll es positiv gesehen sportlich brennen. Man soll merken, dass die Spieler verstanden haben, dass Derby-Zeit ist. Aber jeder trägt auch eine soziale Verantwortung und ist Vorbild für die Kinder und Jugendlichen in der Stadt. Es geht hier um Fußball. Da darf es auf dem Platz auch mal krachen. Wenn es dabei bleibt, dann gewinnt am Ende die Stadt Hamburg. Und für mich an dem Tag hoffentlich der HSV.

Boll: "Cello" hat das richtig gesagt. Der sportliche Wettkampf soll im Vordergrund stehen. Es können alle unheimlich laut, kreativ und bunt sein. Auf den Tribünen können sich die Fans meinetwegen auch einen verbalen Schlagabtausch liefern. Aber es wird mir nie in den Kopf gehen, warum sich einige nach dem Spiel dumpf auf den Kopf geben. Nur weil einer andere Farben trägt. Das gehört einfach nicht dahin. Es sind viele Familien mit Kindern im Stadion, die so ein Spiel einfach mal genießen wollen. Ich freue mich jedenfalls auf ein sehr stimmungsvolles Derby von beiden Seiten.

Und wer verlässt dieses Mal das Volksparkstadion als Sieger?

Jansen: Ich glaube, es wird ein enges Spiel. Aber ich tippe auf einen knappen Sieg für uns - 2:1 für den HSV.

Boll: Das ist sehr schwer zu tippen. Vielleicht so: Viele Tore, ein Spiel, das von der Spannung lebt und ein knapper Sieg für den FC St. Pauli. Damit wäre ich absolut einverstanden.

Und auf lange Sicht, was trauen Sie dem FC St. Pauli in dieser Saison zu, Herr Jansen?

Jansen: Die Zweitligasaison ist noch sehr jung und total verrückt, wenn man sich mal die Ergebnisse anschaut. Wer da gegen wen gewinnt und wie hoch. St. Pauli hat natürlich die Erfahrung in der Zweiten Liga. Auf jeden Fall stehen jetzt sowohl für St. Pauli als auch den HSV die entscheidenden Wochen an.

Schafft der HSV den direkten Wiederaufstieg Herr Boll?

Boll: Wenn man eines in den letzten Jahren in der Zweiten Liga erlebt hat, dann, dass man keine sichere Prognose abgeben kann, welche Mannschaft wo landet. Aber klar, der HSV hat einen Kader zusammen, der sich auf Strecke wahrscheinlich durchsetzen wird. Auch wenn es den einen oder anderen Rückschlag gibt. Es würde mich natürlich freuen, wenn der HSV und der FC St. Pauli bis zum Ende oben dabei sind. Denn fürs Derby ist es einfach die falsche Liga.

Das Interview führten Michael Maske und Matthias Heidrich

Dieses Thema im Programm:

Sportclub | 30.09.2018 | 22:50 Uhr

Mehr Sport

02:17
NDR Info

Wolf: "Haben uns weiterentwickelt"

14.12.2018 22:11 Uhr
NDR Info
01:46
NDR Info

Holstein-Coach Walter "extrem enttäuscht"

14.12.2018 21:29 Uhr
NDR Info
01:31
NDR 2