Stand: 10.11.2019 10:10 Uhr

Enkes zehnter Todestag: "Was wäre, wenn ...?"

von Andreas Bellinger, NDR.de

Der Tod des Torhüters Robert Enke war Tragödie und Weckruf zugleich. Teresa Enke ist dankbar für die Jahre mit ihrem "Robbi" und wünschte, er hätte die Krankheit Depression nicht verschwiegen.

Der alte Mann in Hannovers nobelster Einkaufsstraße wartet schon lange vergeblich auf eine Umarmung. Wann immer er in der Nähe war, hatte sich Robert Enke zu "Sidewalk Judge“, dem in Bronze gegossenen Richter des Bürgersteigs, auf die Bank gesetzt, den Arm um seine Schultern gelegt und gesagt: "Na, du armer Kerl, sitzt ja noch immer so alleine hier rum." Vor zehn Jahren, am 10. November 2009, ist Robert Enke gestorben. An Depression leidend und am Leben zerbrochen, hat er sich mit 32 Jahren auf einer Zugstrecke nahe seinem Wohnort das Leben genommen. Sein Suizid hat erschüttert - über die Jahre aber auch manchen und manches verändert.

Robert Enke © imago images

Robert Enke - auch Helden haben Depression

Sportclub -

Robert Enke glaubte, seine Krankheit Depression verstecken zu müssen. Sonst würde er alles verlieren: seinen Beruf, seine Position als Deutschlands Nummer eins. Erst nach Enkes Suizid begannen sich Dinge zu ändern.

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Teresa Enke: Dankbarkeit für schöne Zeit

Der Fußball-Torhüter von Hannover 96 war beliebt und erfolgreich, einfühlsam und verletzlich - und doch humorvoll, wie die Episode mit dem "Sidewalk Judge" zeigt. Enkes Frau Teresa denkt heute noch gern an dieses Ritual und "mit Dankbarkeit an unsere schöne gemeinsame Zeit", sagt sie in der Sportclub Story "Auch Helden haben Depression" (heute, 16.30 Uhr/ARD und 23.45 Uhr/NDR). Es war ein Leben, das auf tragische Weise zu Ende ging, weil Enke glaubte, seine Krankheit verstecken zu müssen, um als Fußballprofi weiter in Frieden mit der Öffentlichkeit leben zu können.

Ein schwarzer Tunnel - und hinten brennt ein Licht

Das Versteckspiel war ein Fehler, der in die Katastrophe mündete. Depression sei schließlich keine Charakterschwäche oder etwas, das man durch "Zusammenreißen" überwinden kann, sagt Florian Holsboer. 25 Jahre war der Professor Präsident des Max-Planck-Instituts für Psychiatrie in München. "Depression ist eine Erkrankung, genauso wie eine Lungenentzündung oder ein Bandscheibenvorfall." Und führe im Extremfall zu Wahnvorstellungen bis hin zum Todeswunsch. "Stell' dir einen Tunnel vor, der ist schwarz, und hinten brennt ein Lichtchen, du willst da hin und hoffst einfach, dass das Licht nicht ausgeht." So hat Robert Enke seiner Frau Teresa einmal beschrieben, wie es sich anfühlte, wenn die Depression ihn im Klammergriff hatte.

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NDR 2

Robert Enke - Leben und Tragik eines Torhüters

NDR 2

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Bleiweste und VR-Brille: So fühlt sich Depression an

Die vor zehn Jahren gegründete Robert-Enke-Stiftung, deren Vorsitzende Teresa Enke ist, will aufklären, Tabus brechen und die Krankheit begreifbarer machen. Das Leben mit Depression soll mittels einer Virtual-Reality-Erfahrung zumindest in Ansätzen erlebbar werden - mit Bleiweste und 360-Grad-Videobrille. "Wer das anschaut, wird vielleicht sehr viel sensibler, einfühlsamer auf Betroffene eingehen", sagt Teresa Enke. Vorausgesetzt, sie offenbaren sich. Robert Enke tat es nicht.

Angstattacken folgten glückliche Jahre

Nachdem der in Jena geborene Enke die ersten beiden Profijahre in Mönchengladbach auf der Ersatzbank geschmort hatte, überzeugte er in der Saison 1998/99 mit konstant guten Leistungen. Den Bundesliga-Abstieg der Borussia konnte er jedoch nicht verhindern - und wechselte nach Lissabon.

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Benfica-Trainer Jupp Heynckes und Torwarttrainer Walter Junghans war die starke Saison des Keepers nicht entgangen. Doch schon bei der Ankunft in Lissabon durchlebte Enke Angstattacken. "Robert hat mir gesagt, dass er ganz schnell hier weg müsse", erinnert sich sein damaliger Manager Jörg Neblung. Wochen später kehrte Enke zurück - und erlebte drei glücklich Jahre in der portugiesischen Hauptstadt. Lissabon gab ihm ein Gefühl der Sicherheit. Doch Benfica blieb im Mittelmaß stecken. Deshalb sei der Drang des Berufssportlers nach immer mehr, immer höher, immer weiter auch immer stärker geworden, beschreibt Ronald Reng Enkes Antrieb, Lissabon im Jahr 2002 zu verlassen. Der Sportreporter arbeitete damals in Spanien und Portugal und wurde ein enger Freund des Keepers, der auf Empfehlung von José Mourinho schließlich zum ruhmreichen FC Barcelona wechselte.

Zeitung: "Enke schaufelt sich sein Grab"

Enke hatte es geschafft, spielte für den vielleicht besten Club der Fußball-Welt. "Hier will ich ganz lange bleiben", sagte er Reng, der kurz darauf aber miterleben musste, wie sich die Euphorie ins Gegenteil verkehrte. Trainer Louis van Gaal wollte nicht Enke im Tor, sondern den jungen Victor Valdés. Selbstzweifel zermürbten Enke, der schließlich zum ersten Mal in eine tiefe klinische Depression fiel. "Ein Profifußballer muss akzeptieren", so Holsboer, "dass er im Falle einer Veranlagung eher eine solche Depression bekommt." Wobei das "Versagen" beim 2:3-Pokaldebakel gegen den Drittligisten Novelda bestenfalls der Auslöser, nicht aber der Grund für die akute Krankheit gewesen sei. "Enke schaufelt sich sein Grab", lautete die geschmacklose Schlagzeile einer spanischen Zeitung. Teamkollege Frank de Boer gab ihm sogar öffentlich die Schuld an der Niederlage.

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Dieses Thema im Programm:

Sportclub | 10.11.2019 | 23:45 Uhr

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