Stand: 23.09.2018 13:00 Uhr

Woche der Wahrheit für DFB und Präsident Grindel

von Andreas Bellinger, NDR.de

Wer Reinhard Grindel dieser Tage beobachtet, kann die nervöse Anspannung des DFB-Bosses spüren. Wenn am Donnerstag (27. September) in Nyon die UEFA den Ausrichter der Europameisterschaft 2024 benennt, geht es schließlich nicht nur um das wichtigste Projekt des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) in den kommenden Jahren, sondern auch um die Zukunft seines umstrittenen Präsidenten. Sollte passieren, was die meisten Experten angeblich für wenig wahrscheinlich halten, und die Türkei bekommt statt Deutschland den Zuschlag für die kontinentalen Meisterschaften, wird der 57-Jährige seinen Job kaum mehr behalten können. Spätestens bei den Wahlen im kommenden Jahr würde der einstige Berufspolitiker (CDU) wohl die Quittung für eine ganze Reihe von Pleiten und Pannen erhalten.

Vom Schatzmeister zum Präsidenten

Als Grindel am 15. April 2016 zum Nachfolger des im Zuge der "Sommermärchen-Affäre" zurückgetretenen Präsidenten Wolfgang Niersbach gewählt wurde, galt der Schatzmeister des Verbandes mit politischem Mandat im Bundestag als geeigneter Stratege, die Wogen um die möglicherweise gekaufte WM-Endrunde 2006 zu glätten. Überdies mangelte es an einer probaten Alternative für die Wahl zum ersten Mann des mit mehr als sieben Millionen Mitgliedern größten Sportfachverbandes der Welt. "Inzwischen warten viele im Verband darauf, diesen unliebsamen Präsidenten loszuwerden", sagt "Spiegel"-Redakteur Gunther Latsch, der Grindel im NDR Sportclub als impulsiv und mitunter cholerisch beschreibt. Eine Hausmacht fehle ihm.

UEFA-Bericht mit besserem Zeugnis für Deutschland

Dass die UEFA in ihrem am Freitag veröffentlichten Evaluierungsbericht die deutsche Kampagne als "inspirierende, kreative und sehr professionelle Vision" klassifiziert, die keine gravierenden Mängel aufweist und somit im Vergleich mit Konkurrent Türkei als klar besser bewertet wird, dürfte Grindel und den DFB ein wenig beruhigt haben. Eine Garantie für den EM-Zuschlag ist das allerdings nicht, denn die 17 Funktionäre des Exekutivkomitees müssen sich bei ihrer Wahlentscheidung nicht an die Empfehlungen halten. "Sicher kann man nie sein", so Latsch: "Wer hätte je gedacht, dass im Winter eine WM in Katar sein würde."

Affäre um "Sommermärchen" noch nicht aufgeklärt

Videos
01:24

"Grindel hat im DFB keinen Verbündeten mehr"

Wie steht es um das Ansehen von Reinhard Grindel innerhalb des DFB? Was bedeutet "grindeln", was treibt den Verbandspräsidenten an? "Spiegel"-Journalist Gunther Latsch im NDR Interview. Video (01:24 min)

Die Causa Sommermärchen spielt in dem Evaluierungsbericht übrigens keine Rolle. Kritisch angemerkt wird dagegen, dass etwaige Gewinne in Deutschland versteuert werden müssen und die Nutzung der Stadien Miete kostet. Kein Thema sind dagegen die noch immer laufenden strafrechtlichen Ermittlungen gegen Franz Beckenbauer & Co im Rahmen der WM 2006. Auf die Steuernachzahlung im vorigen Herbst (19,2 Millionen Euro) könnten für den DFB weitere Forderungen des Finanzamtes in gleicher Höhe oder sogar mehr folgen. Wie die Wahlmänner dies am Donnerstag bewerten, ist fraglich. Wie auch die Rolle des gebürtigen Hamburgers Grindel, der seinen Kritikern immer wieder Nahrung gibt.

Viele unglückliche Aussagen

Mal mit unbedachten Kommentaren etwa zum Thema Videobeweis, mal mit beharrlichem Schweigen wie nach dem WM-Desaster. Erst vier Wochen nach dem Rücktritt von Mesut Özil räumte Grindel ein: "Ich hätte mich angesichts der rassistischen Angriffe an der einen oder anderen Stelle deutlicher positionieren und vor Mesut Özil stellen müssen." Öffentlich moniert wurden auch die Vertragsverlängerung mit Bundestrainer Joachim Löw schon vor der WM und die Jobgarantie, die er Löw lange vor dessen Analyse gegeben hatte. Intern musste der DFB nach einem Maulwurf fahnden, der eine vertrauliche Grindel-Mail an Vizepräsident Rainer Koch und Generalsekretär Friedrich Curtius öffentlich gemacht haben könnte. Wegen der "unberechenbaren Frankfurter Ultra-Szene" sollte das Länderspiel gegen Peru von Frankfurt nach Hoffenheim verlegt werden. Obwohl dem "Spiegel" die besagte Mail vorlag, und das Nachrichtenmagazin diese auch veröffentlichte, dementierte der DFB. Man habe sicherstellen wollen, dass das Spiel ausverkauft sein werde.

Dieses Thema im Programm:

Sportclub | 23.09.2018 | 22:50 Uhr

Mehr Sport

04:37
Sportclub
110:11
Sportclub

Meppen - Lautern: Das ganze Spiel

15.12.2018 14:00 Uhr
Sportclub