Ein historisches Bild der Nationalmannschaft der BR Deutschland aus dem Jahr 1957. Die deutsche Mannschaft von links: v. li.: Helmut Rahn, Torwart Hans Tilkowski, Heinz Wewers, Alfred - Aki - Schmidt, Willi Gerdau, Horst Szymaniak, Alfred Kelbassa, Gerhard Siedl, Georg Stollenwerk, Willi Schröder, Erich Juskowiak. © IMAGO / Otto Krschak Foto: IMAGO / Otto Krschak

Willi Gerdau - der Fußball-Kaiser aus Heide

Stand: 30.01.2021 05:00 Uhr

Eine Gedenktafel im Stadion an der Meldorfer Straße erinnert an „Ille“. Beim Heider SV war Willi Gerdau sowas wie die personifizierte Vereinstreue.

von Matthias Dröge

Voller Stolz steht Willi Gerdau am 22. Mai 1957 auf dem Rasen des Stuttgarter Neckarstadions, eingerahmt von Alfred "Aki" Schmidt und Horst Szymaniak. Es kommt überraschend, dass Bundestrainer Sepp Herberger ihn von Beginn an aufstellt. Der groß gewachsene Spieler muss als Außenverteidiger ran und hat bei der 1:3-Niederlage gegen Schottland durchaus Probleme mit seinem schnellen Gegenspieler. Als Stopper hätte er sich wohler gefühlt und vielleicht ein besseres Spiel gezeigt, hadern Gerdaus Weggefährten auch heute noch mit der Aufstellung des Weltmeistertrainers von 1954.

Post von Sepp Herberger

Nach dem durchwachsenen Debüt schreibt ihm Herberger einen Brief. Tenor: Auch andere Spieler hätten einen ähnlichen Start gehabt und seien später Stammspieler der Nationalelf geworden. Trotz dieses Mutmachers bleibt es bei diesem einen Länderspiel für den damals 28-Jährigen. Seinen Platz in der Geschichte hat er damit dennoch sicher. Gerdau ist der einzige deutsche Nationalspieler der Nachkriegszeit, der zum Zeitpunkt seines Länderspiels für einen Verein aus Schleswig-Holstein aktiv war.

Beeindruckender Empfang im Heider Tivoli

Zum Zeitpunkt des Länderspiels weiß der spätere Weggefährte Benno Beiroth noch nicht, dass er mal engeren Kontakt zu Gerdau haben würde. Der heute 78-Jährige denkt liebend gerne an einen Empfang im Festsaal des Heider Tivoli zurück. "Da war ich 14 Jahre alt. Ich durfte vor der Bühne auf der Erde sitzen, wo er dann von seinen Eindrücken aus der großen Welt erzählt hat." Stuttgart und Australien sind die Hauptthemen, denn vor seinem Einsatz in der A-Nationalmannschaft verteidigt Gerdau schon in der Amateurnationalmannschaft. Diese scheidet im November 1956 bei den Olympischen Spielen in Melbourne früh aus.

Mitspieler Beiroth: "Er war der absolute Star, ein Vorbild!"

So bleibt das Länderspiel in Stuttgart der Höhepunkt seiner Fußballkarriere, die an der Westküste Schleswig-Holsteins beginnt und 1963 endet. Denn vom Heider SV will sich der am 11. Februar 2011 verstorbene Willi Gerdau nie trennen. Seine früheren Weggefährten beschreiben "Ille" als konsequenten Stopper. Hart zu sich und hart zu seinen Gegenspielern, aber niemals unfair. "Als Turm in der Schlacht stand er ja immer hinten drin. Es war nicht so einfach an ihm vorbeizukommen, sei es per Kopfball oder unten auf der Erde", schwärmt Beiroth von seinem früheren Mitspieler. Denn gut vier Jahre nach dem eindrucksvollen Vortrag des Nationalspielers darf Beiroth tatsächlich selbst die Kabine der ersten Mannschaft betreten, wo er auf Gerdau trifft. "Ich hatte überlegt, ob ich ihn nicht per Sie ansprechen sollte, so viel Ehrfurcht hatte man vor diesem Mann. Das war schon was Besonderes.“"

Gerdau sei sich nie zu schade gewesen, die Nachwuchsspieler zu führen. Insgesamt absolviert "der Beckenbauer Dithmarschens", so Beiroth, mit seinem Heimatverein zwei Spielzeiten in der Oberliga Nord, der damals höchsten Klasse. Dazu feiert er zwischen 1956 und 1963 mit dem "kleinen HSV" sechsmal die Meisterschaft in Schleswig-Holstein. Geld will er fürs Fußballspielen nie haben, er verdient seinen Lohn als Buchhalter bei einem Mineralölkonzern in Hemmingstedt.

Dem Heider SV immer eng verbunden

Drei Jahre nach dem Ende seiner aktiven Laufbahn verlässt er seine Heimat und zieht mit seiner Familie nach Uetersen. Damit folgt er seinem Arbeitgeber, der die Buchhaltung nach Hamburg verlegt. Trotzdem bleibt Gerdau seinem Heider SV treu. 1975 läuft er zum 50-jährigen Vereinsjubiläum wieder in Heide auf. "Er hat seine Spielweise immer beibehalten. Auch in so einem Altligaspiel war es für ihn sportlicher Ernst", erinnert sich der damalige Schiedsrichter Siegfried Steffensen an die Partie zwischen dem Heider SV und dem Hamburger SV. Beim "großen HSV", hätte er laut Steffensen auch spielen können, lehnt dieses sowie andere Angebote aber ab.

Auch als Trainer des ein oder anderen Amateurvereins zwischen Hamburg und Heide besucht Gerdau regelmäßig die Spiele im Stadion an der Meldorfer Straße. Dort gönnen sich die verdienten Spieler in der Halbzeit gerne ein Gläschen Grog. "Da kann man noch mal Fachsimpeln und die alten Geschichten von früher erzählen", berichtet Beiroth von seinen Besuchen im Heider Stadion. Selbst ist er nur noch selten vor Ort, der 78-jährige lebt in Neuss. Ist er aber auf der Sportanlage in Heide, geht er auch an der Gedenktafel am Kabinentrakt vorbei. Sie erinnert an den bekanntesten Fußballer des Heider SV. Willi Gerdau wird immer unvergessen bleiben.

Ein gescanntes Foto der Fußballmannschaft des Heider SV aus der Saison 1962/1963. © Benno Beiroth Foto: Benno Beiroth

AUDIO: Willi Gerdau: Eine ganze Karriere für den Heider SV (3 Min)

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | 30.01.2021 | 15:40 Uhr

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