Stand: 25.06.2020 11:11 Uhr

Werder: Rost fordert Rücktritte, Baumann kontert

von Johannes Freytag, NDR.de
Die Führungsriege von Werder Bremen (v.l.): Aufsichtsratschef Marco Bode, Geschäftsführer Sport Frank Baumann, Präsident Hubertus Hess-Grunewald und Klaus Filbry, Vorsitzender der Geschäftsführung. © picture alliance / dpa Foto: Carmen Jespersen
Werder Bremens Führungsriege (v.l.): Aufsichtsratschef Marco Bode, Sportchef Frank Baumann, Präsident Hubertus Hess-Grunewald und Klaus Filbry, Vorsitzender der Geschäftsführung.

Trotz des drohenden Abstiegs von Werder Bremen aus der Fußball-Bundesliga und der zunehmenden Kritik an den Club-Verantwortlichen denkt Sportchef Frank Baumann nicht an Rücktritt. "Ich habe keine Angst um meinen Arbeitsplatz und weiß um die Unterstützung in der Vereinsführung", sagte der 44-Jährige im NDR 2-Bundesligashow-Podcast. "Wir werden die Saison zu Ende spielen, das Jahr aufarbeiten und dann entscheiden, ob und wie es weitergeht." Natürlich habe man Fehler gemacht, erklärte Baumann, verwahrte sich aber gegen den Vorwurf, bei Werder herrsche eine heile Welt, in der es keine unterschiedlichen Meinungen gebe: "Es gibt bei uns eine kontroverse Streitkultur."

Rost: FC Bayern als Vorbild

Das sieht Ex-Werder-Profi Frank Rost anders: "Du hörst ja nur noch 'We are family', die große Werder-Familie", spottete der frühere Torwart im Podcast, er komme sich vor "wie in einem großen schwedischen Möbelhaus in der Mensa". Das könne man so nicht stehen lassen, konterte Baumann und verwies auf "harte Entscheidungen", die man durchaus getroffen habe. So trennte sich Werder im vergangenen Oktober von Mannschaftarzt Benjamin Schnee und zog Rehatrainer Axel Dörrfuß von den Profis ab.

Gleichwohl steht auch dies exemplarisch dafür, dass Werder bei internen Problemen zögerlich agiert. Die beispiellose Verletztenmisere, die schon in der Vorbereitung begann und sich bei einigen Profis wie Fin Bartels sogar in der Reha fortsetzte, zog sich wie ein roter Faden durch die Saison und war letztlich ein wesentlicher Grund dafür, warum die Bremer in den Tabellenkeller rutschten.

Das lange Festhalten an handelnden Personen, die Fehler machen, kritisierte auch Rost. Es fehle im Verein ein Gegenpart zu Baumann, der fachlich sicherlich gut sei, aber auch "zu ruhig". Geschäftsführer Klaus Filbry und Präsident Hubertus Hess-Grunewald hätten die fußballerische Kompetenz nicht und Marco Bode dürfe als Aufsichtsratschef nicht ins operative Geschäft eingreifen. Besser laufe es beispielsweise beim FC Bayern, wo immer wieder - auch öffentlich - gestritten werde, "aber stets im Sinne des Vereins. Und am nächsten Tag schüttelt man sich und alles ist wieder im Lot."

"Trainer hat ein Stück weit versagt"

Ähnlich wie Ex-Manager Willi Lemke fordert auch Rost im Abstiegsfall einen harten Schnitt. Nicht nur der Trainer müsse gewechselt werden, sondern auch "der eine oder andere im Vorstand". Florian Kohfeldt sei ein guter, aber noch junger Trainer. Möglicherweise sei er "zu schnell hochgehoben" worden und an diesem Druck gescheitert. Konkret prangerte Rost das Bremer Defensivverhalten an: "Wenn du es nicht hinkriegst, eine Saison lang diese eklatanten Abwehrschwächen zu beseitigen - und das sind trainierbare Sachen -, dann hast du ein Stück weit versagt", sagte der Ex-Torwart und forderte Kohfeldt zum Rücktritt auf: "Wenn so einer dann auch mal sagt, 'Ich bin jetzt hier gescheitert. Punkt.' Das ist auch 'ne Größe. Und dann trete ich zurück und mache den Weg frei für Neue, die unverbraucht sind, dann ziehe ich meinen Hut."

Allofs: Festhalten an Kohfeldt war falsch

Ähnlich sieht das auch Werders langjähriger Geschäftsführer Klaus Allofs.

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Die "frühzeitige und unumstößliche" Festlegung der Bremer auf einen Verbleib von Kohfeldt bis Saisonende sei ein "Fehler" gewesen: "Man hätte sich zumindest die Option eines Wechsels offenhalten sollen", schrieb Allofs in einem Beitrag für den "kicker". Sportchef Frank Baumann hatte trotz der Talfahrt eine Trennung ausgeschlossen. Besonnenheit und besondere Rückendeckung für die Mitarbeiter liege zwar in der Werder-DNA und seien ehrenwert, so Allofs - trotzdem gehöre "immer auch Spannung, ein gewisses Reizklima dazu. Gerade als sich einige Ex-Spieler sehr kritisch äußerten, folgte sportlich die erfolgreichste Phase."

Vor dem Bundesliga-Fernduell um den Relegationsplatz zwischen Werder und Fortuna Düsseldorf am Sonnabend (15.30 Uhr, im Livecenter bei NDR.de) hält Allofs eine Prognose "fast für unmöglich". Die Bremer haben vor ihrem Heimspiel gegen den 1. FC Köln zwei Punkte und vier Tore Rückstand auf die Düsseldorfer, die bei Union Berlin ranmüssen. Baumann glaubt an einen Heimsieg ("Irgendwann muss es ja klappen") und eine Düsseldorfer Niederlage. Rost hingegen ist pessimistisch, seine Prognose: "Werder steigt ab."

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Dieses Thema im Programm:

NDR 2 Bundesligashow | 27.06.2020 | 15:00 Uhr

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