Werder-Legende Thomas Schaaf: Titelsammler und Spielerflüsterer

Stand: 30.04.2021 08:05 Uhr

Thomas Schaaf wurde als Spieler Meister, Pokalsieger und Europapokalgewinner mit Werder Bremen. Als Coach prägte er bei den Hanseaten eine 14-jährige Ära. Doch der gebürtige Mannheimer ist nicht nur wegen seiner sportlichen Erfolge hoch angesehen.

von Hanno Bode

Im Moment seines größten Triumphes als Trainer geht Thomas Schaaf auf Distanz zu seinen freudetrunken feiernden Spielern. Er schreitet an diesem sonnigen 8. Mai 2004 für eine Weile allein über den Rasen des Münchner Olympiastadions, auf dem Werder zuvor mit einem 3:1-Sieg beim FC Bayern vorzeitig die Meisterschaft perfekt gemacht hat. Der Architekt des Erfolgs genießt den Titelgewinn still. Und hat sogar in diesen so emotionalen Augenblicken ein Auge auf seine Kicker, für die er auch eine Vaterfigur ist. Als er seinen von Weinkrämpfen geschüttelten Stürmer Ailton erblickt, nimmt er den Brasilianer in den Arm und drückt ihn an sich, fast, als wäre er sein Sohn.

Lieber zum Korbball-Turnier statt zur Meister-Feier

Am Tag darauf steht Bremen kopf. Eine ganze Stadt feiert die grün-weißen Helden. Und Schaaf? Statt das Bad in der Menge zu genießen, schaut sich der Fußballlehrer ein Korbball-Turnier seiner Tochter Valeska an. Zwei Geschichten, die viel über den Charakter der Werder-Legende aussagen. Bescheiden, bodenständig, ehrlich und unprätentiös - so war Schaaf sowohl als Spieler wie auch als Coach. Vielleicht beschreibt eine Weisheit von Albert Einstein am allerbesten sein Erfolgsgeheimnis: "Persönlichkeiten werden nicht durch schöne Reden geformt, sondern durch Arbeit und eigene Leistung."

Das Titelbild des NDR 2 Bundesligashow-Podcasts © istockphoto Foto: Aksonov
AUDIO: NDR 2 Bundesligashow-Podcast: 60 Jahre Thomas Schaaf (84 Min)

"Kommissar Zufall" hilft beim Wechsel zu Werder

Dass Schaaf Großartiges geleistet hat, steht außer Frage. Als Coach holte er 2004 das Double und feierte zwei weitere Pokal-Erfolge. Als Spieler wurde der frühere Rechtsverteidiger je zweimal Meister und Pokalsieger mit den Hanseaten. Zudem gewann er 1992 mit Werder den Europapokal der Pokalsieger. Insgesamt 347 Pflichtspiele als Profi bestritt Schaaf für den Bundesligisten, das erste im zarten Alter von 17 Jahren. Und dabei kam sein Wechsel 1972 vom Amateurclub Union Bremen zu den Grün-Weißen eher zufällig zustande. Denn eigentlich wollte der große "Nachbar" damals seinen vier Jahre älteren Bruder verpflichten.

"Auf ihn hat Werder ein Auge geworfen. Und da war dann so ein kleiner Knirps dabei. Das war ich. Ich war damals auch nicht ganz so schlecht. Von daher hat man gesagt: 'Okay, den kann man vielleicht mitnehmen'", erklärte Schaaf im NDR 2-Bundesligashow-Podcast.

Unter Otto Rehhagel zuverlässige Konstante

Thomas Schaaf - Stationen seiner Karriere

Als Spieler
- 262 Bundesligaspiele
- 19 Einsätze in der Zweiten Liga
- Deutscher Meister: 1988, 1993
- DFB-Pokal-Sieger: 1991, 1994
- Deutscher Supercup-Sieger: 1988, 1993, 1994
- Europapokal der Pokalsieger: 1992

Als Trainer
- 1988 -1995 Werder Bremen (Jugend)
- 1995 -1999 Werder Bremen (Amateure)
- 1999 - 2013 Werder Bremen (Profis)
- 2014 - 2015 Eintracht Frankfurt
- Ende 2015 - April 2016 Hannover 96
- Deutscher Meister: 2004
- DFB-Pokal: 1999, 2004, 2009
- Deutschlands Trainer des Jahres 2004

Der gebürtige Mannheimer, der als Fünfjähriger mit seiner Familie an die Weser gezogen war, ist als Rechtsverteidiger eine Konstante in der erfolgreichen Ära von Coach Otto Rehhagel. Seine Wesenszüge spiegeln sich in seiner Spielweise wider. Zuverlässig und unaufgeregt verrichtet Schaaf seinen Dienst. Unter "König Otto", wie der gelernte Maler und Anstreicher mit dem Hang zu philosophischen Aussagen noch heute in der Hansestadt ob seiner Erfolge gerufen wird, stimmen nicht nur die Resultate. Auch das Zwischenmenschliche passt.

"Es war eine tolle Manschaft", erinnert sich Schaaf, der in seiner Profi-Laufbahn für keinen anderen Club als Werder aufläuft. "Wir sind immer weiter zusammengewachsen und erfolgreicher geworden. Da gab es keinen Grund, irgendetwas anderes zu machen", begründet der 60-Jährige seine Vereinstreue.

Schaaf beerbt Magath als Werder-Trainer

Auch nach seinem Karriere-Ende 1995 hält Schaaf seiner zweiten großen Liebe neben Ehefrau Astrid die Treue. Er arbeitet vier Jahre lang als Trainer der U23, bevor an einem Sonntagabend im Mai 1999 das Telefon in seinem Haus in Stuhr-Brinkum klingelt. Am anderen Ende der Leitung meldet sich der damalige Werder-Vizepräsident Klaus-Dieter Fischer und bittet ihn, das Bundesliga-Team zu übernehmen. Zuvor hatten sich die im Abstiegskampf steckenden Hanseaten von Felix Magath getrennt. Schaaf tritt den Job an - allerdings keineswegs, ohne Zweifel zu haben. "Im Grunde habe ich heute meine Entlassung unterschrieben", sagt er.

Pokalsieg wenige Wochen nach Dienstantritt

Doch bis es zur vorausgesagten Trennung kommt, vergehen im schnelllebigen Profifußball bemerkenswerte 14 Jahre und fünf Tage. Schaaf führt die Hanseaten zunächst zum Klassenerhalt und gewinnt wenige Wochen später den DFB-Pokal. Zu diesem Zeitpunkt ist er noch Interimstrainer, eine Entscheidung über seine Zukunft offen. Sein früherer Mitspieler Dieter Eilts wird beim Werder-Präsidium vorstellig und droht: "Entweder Schaaf bleibt Trainer, oder ich höre auf." Der "Ostfriesen-Alemão" setzt seine Karriere fort, sein Kumpel darf als Coach weitermachen.

Schaafs Stärken: Sachverstand und Einfühlungsvermögen

Mit viel Fußball-Sachverstand und Einfühlungsvermögen macht Schaaf aus dem Fast-Absteiger ein Spitzenteam. Am Beispiel Ailton, den sein Vorgänger Magath ignorierte und den er zu einem Top-Stürmer formt, zeigt sich die große Stärke des Trainers: Er hat den richtigen Zugang zu seinen Kickern. Die "Zeit" nannte ihn einst "Spielerversteher". Er selbst erklärte in einem Interview, "dass man nicht alle über einen Kamm scheren kann". Seine Begründung: "Das gibt einem doch das Leben vor."

Bildergalerie
Otto Rehhagel © picture-alliance Foto: Sven Simon

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Werder Bremen ist für seine Kontinuität auf der Trainerbank bekannt. Otto Rehhagel prägte die Geschichte der Hanseaten 14 Jahre lang, ebenso Thomas Schaaf von 1999 bis 2013. Bildergalerie

Mit ihm selbst meinte es das Leben übrigens nicht immer gut. Sein Vater (1988) und Bruder (2003) starben jeweils früh. Auch deshalb engagiert sich Schaaf für "Trauerland", eine Anlaufstellte für Kinder, die ihre Eltern verloren haben.

Nicht in der Lage, sich neu zu erfinden

Sportlich gibt es für Schaaf viele Jahre keine Rückschläge. Werder spielt unter ihm attraktiven Offensiv-Fußball, gewinnt vier Titel und ist Dauergast in der Champions League. Irgendwann aber verlieren der Trainer und Sportchef Klaus Allofs ihr Händchen für Neuzugänge. Transfer-Flops mehren sich, der schleichende Niedergang beginnt. Auch, weil es Schaaf nicht gelingt, sich und das Team neu zu erfinden. Der Mann, der an der Weser immer wieder ehrenvoll als fünfter Bremer Stadtmusikant bezeichnet wurde, hat seinen Zauber verloren.

"Trennung in beiderseitigem Einvernehmen" nach 14 Jahren

Am 15. Mai 2013 ist die Ära des Trainers Thomas Schaaf bei Werder beendet. Mit Ach und Krach haben die Hanseaten am vorletzten Spieltag den Klassenerhalt geschafft. Auf einen emotionalen Abschied im Saisonfinale zu Hause gegen den 1. FC Nürnberg verzichtet Schaaf nach der "Trennung in beiderseitigem Einvernehmen", wie der Rauswurf von Werder-Seite kommuniziert wird. In der offiziellen Vereinsmitteilung wird der Coach mit den Worten zitiert: "Ich hatte hier eine außergewöhnliche Zeit, verbunden mit vielen positiven Erlebnissen und großen Erfolgen." Zuvor hatte sich Schaaf von der Mannschaft verabschiedet. "Der eine oder andere Spieler hat eine Träne verdrückt", berichtet Angreifer Nils Petersen.

In Frankfurt und Hannover glücklos

Keiner von Schaafs Nachfolgern bei Werder konnte bis heute an seine Erfolge auch nur annährend anknüpfen. Doch auch der Bremer Dauer-Trainer selbst findet fernab der Heimat kein sportliches Glück mehr. Bei Eintracht Frankfurt tritt er 2015 nach einer Saison zurück, sein Engagement bei Hannover 96 (2016) endet nach nur elf Spielen. 2018 kehrt Schaaf als Technischer Direktor zurück in den Schoß der Werder-Familie. Ambitionen, noch einmal Coach bei den kriselnden Bremern zu werden, hat der 60-Jährige laut eigener Aussage nicht.

Besonderer Wunsch in Corona-Zeiten

Getreu der Aussage seines einstigen Mentors Rehhagel: "Ich biete mich nirgendwo an - außer bei meiner Frau", würde er sich ohnehin nicht bei den Clubverantwortlichen anbiedern. Das würde nicht dem Charakter der ehrlichen Haut Thomas Schaaf entsprechen.

Was er sich zum 60. Geburtstag ("Es ist schon ein bisschen mehr Lack ab") wünscht? "Für uns alle Gesundheit, gerade in der jetzigen Situation. Wieder ein Leben. Wir wünschen uns alle, dass das möglichst schnell wieder realisiert wird. Das ist eigentlich das Wichtigste."

Dieses Thema im Programm:

NDR 2 Sport | 30.04.2021 | 06:00 Uhr

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