Stand: 19.01.2020 11:33 Uhr

Werder: Hoher Preis für einen kleinen Schritt

von Andreas Bellinger, NDR.de

So richtig freuen wollte sich bei Werder Bremen zunächst keiner über den knappen 1:0-Sieg bei Fortuna Düsseldorf. Zu tief saß der Schock über die heftig anmutende Verletzung von Neuzugang Kevin Vogt, der nach einem Zusammenprall mit Keeper Jiri Pavlenka vom Platz direkt ins Krankenhaus gebracht werden musste.

Gelb-Rote Karte für Moisander als Aufreger

Der erfolgreiche, wenn auch glanzlose und äußerst mühevolle Auftakt in die Rückrunde der Fußball-Bundesliga geriet dabei fast in den Hintergrund, weil auch Schiedsrichter Felix Brych und die Geschehnisse der vierminütigen Nachspielzeit für Ärger und Kopfschütteln gesorgt hatten: Eine brutale, zumindest aber gefährliche Attacke gegen den Bremer Schlussmann sowie eine Gelb-Rote Karte für den heftig gestikulierenden Kapitän Niklas Moisander, der sich um seine am Boden liegenden Kollegen gesorgt habe, wie er später ausführte. Am Abend legte sich die Aufregung: Vogt habe eine Gehirnerschütterung, teilte der Verein mit. Wann er wieder spielen kann, werden weitere Untersuchungen ergeben.

Schiedsrichter-Irrsinn

"Ich habe zwei meiner Männer regungslos auf dem Platz gesehen und natürlich emotional reagiert", sagte Moisander. "Ich kann nicht glauben, dass ich dafür verwarnt werde."

Die erste Gelbe Karte hatte der Finne allerdings schon wegen Reklamierens bekommen. Brychs Reaktion entsprach zudem den neuen Vorgaben für die Referees, die ein hartes Eingreifen bei einer sogenannten Rudel-Bildung fordern. Aber war sie auch der Situation angemessen? "Ganz klar nein", sagte der Bremer Trainer Florian Kohfeldt. "Kein Vorwurf an Brych. Aber warum machen Leute die Regeln, die nie dieses Spiel gespielt haben und überhaupt nicht verstehen, was auf dem Platz passiert?" Und: "Wer zwingt den Schiedsrichtern solche Regeln auf? Das ist Irrsinn." Diskutabel schien ebenso die milde Strafe (Gelbe Karte) für den Düsseldorfer Adam Bodzek, der mit gestrecktem Bein in Pavlenka gerauscht war.

Rückschläge einkalkuliert

"Natürlich sind wir froh - aber auch geschockt." Schwer zu sagen, ob Manager Frank Baumann mehr unter dem mäßigen Auftritt seiner Mannschaft gelitten hatte oder in den folgenschweren Schlussminuten.

Wie wichtig die drei Punkte im Abstiegskampf sind, zeigt allein der Blick auf die Tabelle, in der Werder nun wieder vor Düsseldorf auf dem Relegationsplatz steht. Wie groß die Zweifel nach der schlechtesten Hinrunde der Vereinsgeschichte waren, verriet Baumann zwischen den Zeilen schon vor der Partie. "Wir müssen immer darauf eingestellt sein, dass es auch Rückschläge gibt", hatte der ob seiner Transferpolitik nicht unumstrittene Sportchef zu bedenken gegeben. Nicht ohne Grund, denn die Leistung der Grün-Weißen war nach starkem Beginn eher überschaubar.

Erstes Spiel ohne Gegentor

Dass die Abwehr mit Vogt zusehends sicherer wurde, mag ein Fingerzeig dafür sein, dass die Schießbude der Liga (41 Gegentore) mit dem Neuzugang aus Hoffenheim in der Mitte der Dreierkette zumindest stabiler aufgestellt ist. Tatsächlich war es das erste Spiel der Saison, in dem die Werderaner kein Tor kassierten. Doch das große "Aber" bleibt weiter der Begleiter der Bremer in dieser Spielzeit. Wie lange Vogt, der die Rolle des lautstarken Antreibers sofort annahm, ausfällt, ist unklar. Sicher ist dagegen, dass Moisander am kommenden Sonntag (15.30 Uhr, im Livecenter bei NDR.de) im Weserstadion gegen die TSG 1899 Hoffenheim fehlen wird. Zwei Drittel der Dreierkette muss Kohfeldt höchstwahrscheinlich schon wieder ersetzen.

Eigentor als Frustlöser

Auch in Düsseldorf fehlten sieben Stützen des Teams, der fußlahme Kohfeldt (Entzündung) reiste der Mannschaft mit dem Auto hinterher und coachte im Sitzen. Vor allem Philipp Bargfrede, Theodor Gebre Selassie und Ludwig Augustinsson wurden vermisst, aber auch Fin Bartels und der nach Kreuzbandriss noch lange ausfallende Niclas Füllkrug. Deshalb bleibt die Sturmmitte Werders Problem, aber auch das zentrale MIttelfeld, für das es im Winter gleichfalls keine Verstärkung gab, und in dem häufig ein erschreckend großes Loch klaffte. So gesehen wurde das einzige Tor des Tages (67. Minute) von Moisander folgerichtig nur vorbereitet. Den Abschluss besorgte mit einem unglücklichen Abpraller Florian Kastenmeier, der Fortunas Stammkeeper Zack Steffen vertrat. Jenen Zack Steffen, der Werder beim 1:3 in der Hinrunde zur Verzweiflung gebracht hatte.

Kohfeldt: "Gab schon bessere Tage"

Nach vier verlorenen Spielen hat Werder zumindest den Negativlauf gestoppt. Ob es nun weiter steil bergauf geht, darf angesichts der spielerischen Defizite und Formschwäche vieler Stammkräfte bezweifelt werden. "Wir haben schon einige kleine Schritte gemacht", sagte Kohfeldt. "Aber es müssen noch viele folgen." Das Heimspiel gegen Hoffenheim dürfte weitere Aufschlüsse darüber geben, ob Werder die Vorgabe des Trainers ("Wir müssen fußballerisch spielen, aber auch den Kampf annehmen") erfolgreich umsetzen kann. "Es gab schon bessere Tage", sagte Kohfeldt - und meinte damit womöglich nicht nur seinen schmerzenden Fuß.

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Dieses Thema im Programm:

Sportclub | 19.01.2020 | 22:50 Uhr

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