Werder Bremens Scouting-Chef Clemens Fritz, Geschäftsführer Frank Baumann und Trainer Florian Kohfeldt (v.l.). © imago images / Nordphoto

Werder Bremen: Vom Anfang und Ende der Ambitionen

Stand: 06.10.2020 11:39 Uhr

Kein Ersatz für Davy Klaassen und keine Einigung bei Milot Rashica - Werder Bremen war am letzten Tag der Sommertransferperiode getrieben von wirtschaftlichen Zwängen. Reicht die Qualität des Kaders?

von Martin Schneider, NDR.de

In gewohnt ruhigem Ton trug Geschäftsführer Frank Baumann am Montagabend, kurz nach Schließung des Transferfensters, die Tagesbilanz der Norddeutschen vor. Klaassen geht, Rashica bleibt, Neuverpflichtungen gibt es nicht. Drei Nachrichten mit Folgen auf unterschiedlichen Ebenen, drei Hiobsbotschaften, die ein Gesamtdilemma beschreiben.

Klaassen stand für Aufbruchstimmung

Auf der Habenseite stand für die Bremer am Montagabend der Transfererlös von elf Millionen Euro für Davy Klaassen. Die Summe stopft Löcher, die die Corona-Pandemie in die Werder-Kasse gerissen hat. "Es reicht überhaupt nicht, um die Auswirkungen der Pandemie abzudecken", sagte Baumann dennoch ernüchtert. Die Klaassen-Ablöse kann noch um drei Millionen steigen, wenn er bei seinem neuen Verein das macht, wofür sie ihn vor knapp zwei Jahren an die Weser geholt hatten: Erfolge im Fußball feiern. Dass dies in den vergangenen zwei Spielzeiten in der Hansestadt nicht eintrat, war nicht den Leistungen des niederländischen Nationalspielers geschuldet.

Bremens Davy Klaassen © picture alliance/Carmen Jaspersen/dpa Foto: Carmen Jaspersen

AUDIO: Überstunden in Bremen wegen Transferfenster (2 Min)

Als "Wunschspieler" und "absoluter Fixpunkt" wurde der Mittelfeldspieler als Bremer Rekordtransfer vom FC Everton verpflichtet und der ihm zugedachten Rolle sofort gerecht. In den Europa-Cup sollte er die Bremer führen und das Flutlicht am Osterdeich wieder unter der Woche scheinen. Doch alleine konnte Klaassen dies nicht stemmen. Die Träume platzten und den 27-Jährigen zog es zurück in seine Heimat. Mit seinem Abgang klafft sportlich und menschlich eine Lücke im Bremer Kader, denn Führungsspieler sind kaum zu ersetzen.

Rashica bleibt weiter im Schaufenster

Milot Rashica wechselte ein halbes Jahr nach Klaassen an die Weser. Auch er war Hoffnungsträger, wurde Fixpunkt, ist Unterschiedsspieler. Umso unwürdiger waren die monatelangen Gerüchte um einen Transfer des 24-Jährigen. Erst Leipzig, dann England, am Montag stieg schließlich Bayer Leverkusen in den Poker ein. Einigung konnte nicht erzielt werden, stattdessen bezichtigen sich beide Vereine nun gegenseitig, für das Scheitern verantwortlich zu sein. Leverkusen wollte laut Sportdirektor Rudi Völler eine Kaufoption nach einjähriger Leihe, Baumann eine Kaufverpflichtung.

Werder Bremens Sportchef Frank Baumann © imago images / nordphoto
Konnte bei den Transfers nicht so, wie er wollte: Werders Sportchef Frank Baumann.

"Wenn das Paket gestimmt hätte, hätten wir ihn abgegeben", gab der Geschäftsführer Sport am Montagabend offenherzig zu. Verramscht werden soll(te) Rashica nicht, doch spätestens im Winter beginnt das Gefeilsche um den Offensivspieler von Neuem, um dringend benötigtes Geld zu generieren. Schon jetzt eine belastende Situation für den Spieler: "Die letzten Tage waren für Milot nicht einfach, es ging viel hin und her. Daher haben wir uns dazu entschieden, ihm die Woche freizugeben", sagte Trainer Florian Kohfeldt am Dienstag. Und nach dem Abgang von Klaassen wiegt zukünftig noch mehr Last auf Rashicas Schultern, das Spiel der Bremer erfolgreich zu gestalten.

Die jungen Spieler müssen es richten

Und das wird in dieser Spielzeit nicht einfacher als in der vergangenen Saison. Der Kader, der haarscharf an der Zweiten Liga vorbeischrammte, wurde qualitativ nicht verbessert, im Gegenteil. Die Kaufverpflichtungen für die verletzungsanfälligen und in ihren Leistungen schwankenden Ömer Toprak und Leonardo Bittencourt belasten das schmale Budget. In der kommenden Saison sind weitere zehn Millionen Euro für Davie Selke fällig. All das verhinderte einen Transfer des Liverpoolers Marko Grujic oder eine Weiterbeschäftigung des Hoffenheimers Kevin Vogt. Beide hätten das Mittelfeld qualitativ verstärken können, den Verlust von Klaassen etwas abgefedert.

So liegt es an den Talenten, die Bremer in ruhigem Fahrwasser zu halten: "Wir glauben an unsere jungen Spieler, die allerdings noch Zeit brauchen. Uns ist klar, dass es eine schwierige Saison werden wird", orakelte Baumann. Der oft strapazierte "Werder-Weg" lässt den Blick auch in der kommenden Saison eher nach unten richten, um das sportliche und finanzielle Worst-Case-Szenario Abstieg abzuwenden. Trotz sechs Punkten aus drei Spielen zum Saisonstart, was früher zu Träumereien vom Europa-Cup ermutigt hätte. So ändern sich die Zeiten.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 2 Sport | 05.10.2020 | 23:03 Uhr

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