Fotos von Profi-Fußballern hängen an einer Wäscheleine.

Vorbilder im Sport: Zwischen Anspruch und Wirklichkeit

Stand: 01.02.2021 08:10 Uhr

Helden werden im Sport geboren - Vorbilder müssen sich auch im Leben beweisen. Wird speziell jungen Fußballern heute zu viel Verantwortung auferlegt? Der Sportphilosoph Gunter Gebauer warnt vor zu hohen Erwartungen.

von Andreas Bellinger und Ben Wozny

Sie sollen Vorbilder sein, ob sie wollen oder nicht: Sportler, die in ihrem Beruf Herausragendes leisten. Wie einst Uwe Seeler, Fritz Walter, Stefanie Graf oder auch Deutschlands erster Zehnkampf-Olympiasieger Willi Holdorf, die als besondere Menschen in Erinnerung geblieben sind - nicht allein wegen ihrer außergewöhnlichen Leistungen, sondern vor allem wegen ihrer bodenständigen Art und stets tadellosen Haltung.

Ein Habitus, der wenig gilt, "wenn das große materielle Interesse immer wieder durchkommt und prägend wird", sagt der Sportphilosoph Gunter Gebauer. "Dann ist es eigentlich vorbei mit der Vorbildfunktion."

Wenn der Hype beginnt

"Der Leistungssport ist nicht mehr das große Reservoir an Vorbildern, wie er das einmal war in den 50er-, 60er- oder 70er-Jahren", sagt Gebauer dem NDR. "Wenn heute ein Spieler von 16 oder 17 Jahren kommt, der gleich beim ersten Einsatz vielleicht sogar das entscheidende Tor macht, dann bricht der Damm." Doch als Begleiterscheinungen des Rampenlichts warten nicht nur ein Haufen Geld, sondern auch Begehrlichkeiten, Fallstricke und allerlei Fettnäpfchen. "Der Brasilianer Neymar ist so ein Papagei, dem eifern eine ganze Menge Jugendliche nach", so Gebauer.

Soziologe Gunter Gebauer © picture-alliance
Sportphilosoph Gunter Gebauer.

Wer aber will erwarten, dass Teenager derlei Parallelwelten von der Realität unterscheiden können? Nicht jeder, erinnert der Sportphilosoph, sei schließlich mit 18 Jahren charakterlich schon so gereift wie die Klimaaktivistin Greta Thunberg.

Wollen Profis überhaupt Vorbilder sein?

Wie schwer es ist, sich immer vorbildlich zu verhalten, bewies jüngst der Gladbacher Stürmer Breel Embolo. Der 23-Jährige verstieß mit einem Party-Besuch massiv gegen die Corona-Bestimmungen und brachte die ganze Branche in Verruf. Aber wollen die hochbezahlten Profis überhaupt Vorbilder sein? Ex-Profi Michael Tarnat, der bei Hannover 96 das Nachwuchsleistungszentrum (NLZ) leitet, ist skeptisch: "Viele machen vor allem ihren Job und versuchen, das Bestmögliche zu erreichen."

Ruhm als Verpflichtung?

Darf man überhaupt aus plötzlichem Ruhm eine Verpflichtung für Sportler ableiten, dass auch ihr Lebenswandel vorbildlich sein muss? Gebauer meint: "Nein, dann geht man eigentlich einen Schritt zu weit." Die Öffentlichkeit habe kein Anrecht darauf. Es ist ein schmaler Grat zwischen Glanz und Gloria und den Erwartungen der Gesellschaft, die wie selbstverständlich verlangt, dass Zuneigung, Privilegien und die finanzielle Förderung mit tadellosen Leistungen und Verhalten zurückgezahlt werden.

"Tatsächlich verdienen diese Leute einen Haufen Geld", sagt Gebauer, "können sich jedes beliebige Auto der Welt kaufen, einen Friseur einfliegen lassen und sich mit jungen Frauen umgeben. Und sie zeigen es stolz." Wenn dann Fehler passieren, die in den Sozialen Medien unbarmherzig seziert werden, und ein Regulativ aus Familie, Freunden und Beratern fehlt, "kann das schnell danebengehen", meint Gebauer.

Mertesacker und Kroos - das Umfeld prägt

Wie wichtig das Umfeld ist, zeige nachdrücklich der aus Niedersachsen stammende Per Mertesacker, sagt Gebauer: "Dann ist die Gefahr abzustürzen erheblich geringer." Der Greifswalder Toni Kroos hat eine ähnliche Biografie. Mit 31 Jahren sei der Weltmeister und vierfache Champions-League-Sieger von Real Madrid auch Familienmensch mit einer Stiftung für todkranke Kinder, der, so Gebauer, ohne Aufsehen 300.000 Euro für eine Klinik-Erweiterung spendete.

Nationalspieler Toni Kroos © imago images / ULMER Pressebildagentur
Ein Star ohne Allüren: Toni Kroos.

Die Nationalspieler Joshua Kimmich und der mit dem Coronavirus infizierte Leon Goretzka (Bayern München) haben im Kampf gegen die Pandemie eine Million Euro zur Verfügung gestellt.

Vorzeige-Fußballer, die auch Nachwuchszentren nicht auf Bestellung hervorbringen können. Sie fungieren aber als Wegweiser - mit bester Förderung, Nachhilfelehrern und Begleitung in vielen Lebenslagen. "Damit die Jungs uns als bessere Menschen verlassen, auch wenn sie es nicht zum Profi schaffen", sagt 96-Internatsleiter Johannes Seidel. Jeder habe doch bei Embolo oder Salomon Kalou gesehen, "wie wichtig diese Vorbildfunktion ist und was man sich alles kaputt machen kann".

Kalous Video und Riberys Blattgold-Steak

Der Stürmer von Hertha BSC hatte nicht kapiert, welches Privileg es ist, in Zeiten der Coronavirus-Pandemie weiter Fußball spielen zu dürfen. Er machte sich per Video-Clip über die Hygieneregeln und das Virus lustig, blamierte sich und seinen Verein, der sich prompt von dem Ivorer trennte. Andere Clubs tolerieren Fehltritte mehr oder minder zähneknirschend. Als Franck Ribéry sich in Dubai mit dem Verzehr eines Blattgold-Steaks brüstete, war der Aufschrei in Frankreich größer als bei den Bayern.

Absturz aus dem Olymp des Sports

Aber was kann man erwarten, wenn auch die Bosse nicht ohne Fehl und Tadel sind? Uli Hoeneß (Steuerhinterziehung) und Karl-Heinz Rummenigge (Zoll-Vergehen) beispielsweise blieben trotz Vorstrafen und Gefängnis (Hoeneß) tonangebend beim Rekordmeister in München. Franz Beckenbauer indes, "Kaiser" und "Lichtgestalt" des deutschen Fußballs, wurde in der "Sommermärchen-Affäre" vom Sockel gestürzt. Tour-de-France-Sieger Jan Ullrich schlidderte kapital vom Radsport-Olymp zunächst in den Dopingsumpf und schließlich in eine Lebenskrise.

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Radprofi Jan Ullrich © picture-alliance / dpa

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Gesa Krause - ein Vorbild des Sports

Und dennoch: Dass hiesige Athleten eine Vorbildfunktion in Bezug auf Leistungswillen haben, glauben immerhin 85,6 Prozent der Bevölkerung in Deutschland. In einer Studie der Sporthilfe und Sporthochschule in Köln (2017) sind es im Hinblick auf Fairness immerhin noch 79,1 Prozent der Befragten. Das mag auch an Athleten wie Gesa Felicitas Krause liegen.

Gesa Felicitas Krause mit ihrer Bronzemedaille © dpa-Bildfunk Foto: Michael Kappeler/dpa
"Vorbild des Sports": Gesa Krause.

Die zweimalige Europameisterin über 3.000 Meter Hindernis kam im WM-Endlauf 2017 über eine vor ihr gestürzte Kontrahentin zu Fall und kämpfte sich trotz Knöchelblessur tapfer bis ins Ziel. Die 28-Jährige verlor vielleicht eine Medaille, gewann bei der Sportlerwahl aber den Preis als "Vorbild des Sports". Ein leuchtendes Beispiel, im klassischen Sinne.

Dieses Thema im Programm:

Sportclub | 31.01.2021 | 22:35 Uhr

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