Stand: 04.09.2017 10:50 Uhr

Videobeweis im Fußball: Hilfe oder Ärgernis?

von Andreas Bellinger; NDR.de
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Das Zentrum der Videoschiedsrichter in Köln.

René Adler nervt das neue Werkzeug für die Schiedsrichter, Rudi Völler macht es sogar wütend, und auch Dieter Hecking ärgern die Probleme mit dem zu Saisonbeginn in der Fußball-Bundesliga eingeführten Videobeweis. Doch trotz aller Kinderkrankheiten glaubt der Trainer von Borussia Mönchengladbach an die Zukunft der umstrittenen Innovation, die zunächst zwei Jahre erprobt werden soll. Im Tennis (Hawk Eye), Beachvolleyball oder Hockey (Challenge) ist sie längst Usus, hilft den Referees bei schwierigen Entscheidungen: "Nach 100 Tagen werden die Schwierigkeiten beseitigt sein und wir alle die Gerechtigkeit erfahren, die wir uns erhoffen", sagt der Ex-Wolfsburger Hecking. "Wir sollten alle toleranter im Umgang mit den Video-Schiedsrichtern sein."

Ittrich: "Neuerung nimmt uns viel Druck"

Aber was denken die Schiedsrichter, die via Headset mit den "Video-Kollegen" in der Zentrale in Köln verbunden sind und sich im Zweifelsfall auf einem Bildschirm am Spielfeldrand (Review Area zwischen den Trainerbänken) strittige Situationen selbst noch einmal anschauen können? Werden sie zum Spielball der Technik, degradiert zum Befehlsempfänger und womöglich zum Regel-Hampelmann, der in den Augen der Zuschauer nicht mehr Herr der Lage ist? Bundesliga-Schiedsrichter Patrick Ittrich sagt im NDR Sportclub: "Nein. Es ist eine Neuerung, die uns immens viel Druck nimmt. Wenn wir Hilfe bekommen, ist es doch nur gut."

Patrick Ittrich im Sportclub

Ittrich: "Der Videobeweis nimmt uns Druck"

Sportclub -

Ist der Videobeweis Fluch oder Segen? Bundesliga-Schiedsrichter Patrick Ittrich nimmt im Sportclub Stellung zur neuen Technik im Fußball.

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Adler: Was ist eindeutig?

Die Videoassistenten - alles Bundesliga-Schiedsrichter übrigens - sitzen in einem rund 150 Quadratmeter großen Raum in Köln vor ihren Bildschirmen. Außerdem ein Assistent des Assistenten und zwei Ober-Aufpasser, die im Hintergrund alle Spiele verfolgen. Einschreiten dürfen sie nur in vier Spielsituationen (Ittrich: "Und nur in diesen"): bei Tor, Elfmeter und seiner Entstehung, Roter Karte sowie Verwechslung des Spielers bei einer Gelben oder Roten Karte - und auch nur bei eindeutigen Fehlentscheidungen. Aber was ist eindeutig? Mainz-Keeper Adler kann die Frage jedenfalls nicht beantworten: "Wir wurden geschult, aber so genau habe ich noch nicht verstanden, wann eingegriffen wird und wann nicht."

Fürste: Neues Tool für mehr Unterhaltung

Für den zweimaligen Hockey-Olympiasieger Moritz Fürste ist es ein Anachronismus, dass ausgerechnet im Millionen-Geschäft Fußball der Videobeweis erst jetzt Einzug hält. "Man hat ein weiteres Tool, das zum Entertainment beiträgt. Am Ende ist es auch für die Fans spannend." Das Argument, dass Zeit und Spielfluss leiden könnten, hält er angesichts des Gewinns an Gerechtigkeit für "ziemlich unsinnig". Der Videobeweis werde die Schiedsrichter vor groben Schnitzern bewahren, sagt Ittrich, der turnusmäßig selbst vor dem Bildschirm in Köln sitzt: "Es gibt klare Situationen; über die diskutieren wir gar nicht viel." Eine dreiste Schwalbe wie vom HSVer Kyriakos Papadopoulos, ein Hand-Tor wie von Hannovers Leon Andreasen oder ein "Phantom-Tor" wie das des Leverkuseners Stefan Kießling wird der "Video-Schiri" bestimmt nicht übersehen.

Was wird aus Spiel und Stimmung?

Aber was ist mit Streitfällen, bei denen sich Experten selbst nach Betrachten der TV-Bilder aus verschiedenen Perspektiven nicht einig werden? Ittrich: "Wenn wir uns nicht hundertprozentig sicher sind, vertrauen wir auf unsere Kollegen an der Linie. So wie bisher auch." Von den Video-Schiedsrichtern gibt es nur Empfehlungen, die Entscheidung trifft allein der Schiedsrichter. "Gut ist es natürlich, wenn wir klare Entscheidungen haben, die dann auch gerecht sind", sagt Markus Gisdol. Der Trainer des Hamburger SV hegt aber auch Zweifel. Wie verändern sich Spiel und Stimmung, wenn vor dem Jubel erst abgewartet wird, was der Videoassistent zu melden hat? Gisdol: "Ich bin gespannt."

(Regel-)Gelehrte streiten weiter

Besonders bei Foul und Handspiel streiten sich die (Regel-)Gelehrten nach wie vor; bei Elfmetern, Freistößen, Platzverweisen und Abseits ebenso. Das wird auch in  Schiedsrichter-Schulungen deutlich, bei der Einschätzung von konkreten Spielszenen. "Es gibt Situationen, wo man zehn Leute fragt: fünf sagen so, fünf sagen so“, gibt Bundesliga-Schiedsrichter Sascha Stegemann zu.

Videoassistent bringt Völler in Rage

Video
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Wie funktioniert der Videobeweis?

Seit dieser Saison werden die Schiedsrichter von einem Video-Assistenten unterstützt. Welche Aufgaben hat er? Antworten bei sportschau.de. extern

Immer schwingt die Gefahr mit, dass der Videoassistent eine richtige Entscheidung zur falschen macht. Das birgt natürlich Zündstoff - nicht nur in Stammtischdebatten. So schimpfte Leverkusens Manager Völler schon nach dem zweiten Spieltag der Testphase: "Wenn wir schon den Videobeweis eingeführt haben und ein Herr Stark (der ehemalige Bundesliga-Schiedsrichter Wolfgang Stark, Anm. d. Red.) in Köln irgendwo im Keller sitzt - und ich weiß nicht, ob er eingeschlafen ist - dann brauchen wir auch keinen Videobeweis." Wenn konkrete Parameter wie beispielsweise bei der Torlinientechnik fehlen, wäre es vielleicht korrekter, von einem Hinweis statt einem (Video-)Beweis zu sprechen. Sonst könnte man schnell in eine Falle tappen, meint auch der Berliner Referee Manuel Gräfe: "Was für den einen klar falsch ist, liegt für den andern noch im Grenzbereich."

Dieses Thema im Programm:

Sportclub | 03.09.2017 | 22:30 Uhr

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