Stand: 22.05.2019 22:09 Uhr

Grafite: "Auf dem Platz haben wir Fußball gesprochen"

Grafite und der VfL Wolfsburg, das passte einfach. Von 2007 bis 2011 trug der bullige Brasilianer das Trikot der Niedersachsen und schoss die einstige graue Maus der Bundesliga zur Meisterschaft 2009. "Zehn Jahre sind seit dem Titelgewinn schon ins Land gezogen, und es fühlt sich an, als wäre es gestern gewesen", sagt der Stürmer. Im Interview blickt der heute 40-Jährige auf seine Karriere zurück, erinnert sich an sein legendäres Hacken-Tor gegen die Bayern und erzählt, warum ihm Ailton noch ein Pferd und eine Kuh schuldet.

Grafite, gehen wir das Ganze mal chronologisch an. Ihre Profikarriere ist ja erst spät gestartet.

Grafite: Richtig. In meiner Jugendzeit habe ich versucht, bei einigen Clubs in der Region von Sao Paulo unterzukommen. Ohne Erfolg. Ich war schon drauf und dran, meinen Traum vom Fußballprofi aufzugeben. Dann hat man aber ein Team in meiner Stadt auf die Beine gestellt. Und von da an ging es für mich nur noch bergauf. Keine Ahnung, was aus mir geworden wäre, wenn es mit dem Fußball nicht geklappt hätte. Vielleicht ein Metallarbeiter wie mein Vater. Damals habe ich mich schon nach Kursen dafür umgesehen.

Eine der ersten Karrierestationen war der FC Seoul. Wie war es in Südkorea?

Grafite: Das war eine sehr, sehr interessante Erfahrung für mich, sowohl positiv wie negativ. Meine Tochter Maria Cecilia ist dort geboren worden, und wir waren total abhängig vom Dolmetscher, der aber nicht ständig zur Verfügung stand. Manchmal haben wir ihn zur Nachtzeit angerufen, und er ist nicht ans Telefon gegangen. Für meine Frau war das alles traumatisch. Weil ich mich mit dem Trainer überworfen habe, konnten wir früher als geplant nach Brasilien zurückkehren. Ich habe gelernt, wie wichtig es ist, die Sprache eines Landes zu kennen.

Der FC Sao Paulo hat Ihnen dann das Tor nach Europa aufgestoßen. Und über Le Mans ging es zum VfL Wolfsburg. Was hat den Ausschlag für Ihre Entscheidung gegeben?

Grafite: Sao Paulo war ein großes Schaufenster für mich. Im Jahr 2005 war ich praktisch schon an einen japanischen Club verkauft worden, doch eine Verletzung vereitelte den Wechsel. Dann kam Le Mans. Es war jetzt nicht gerade der Club, den ich mir in Europa vorgestellt habe. Aber ich war ja auch schon 27 Jahre alt. Als Wolfsburg anrief, hatte ich auch ein Angebot von Galatasaray Istanbul vorliegen, was ich fast angenommen hätte. Wolfsburg hatte ein zukunftsorientiertes Projekt, schließlich hatten sie sich damals gerade für den UEFA-Cup qualifiziert. Es war kein Club von der Größe eines FC Bayern München, aber ein Verein, in dem ich meine Stärken zur Geltung bringen konnte. Ich hatte schon damals immer gehört, dass mein Spielstil zum deutschen Fußball passe. Es war die richtige Entscheidung.

Und schon im zweiten Jahr feierten Sie den Titel mit dem VfL. Worin lag der Schlüssel des Erfolgs?

Grafite: Die zweite Saison war einfach spektakulär. Schon die Vorbereitung verlief optimal. Für mich war es eigentlich eine schwere Saison. Ich habe nur 25 Spiele mitgemacht, musste mit Verletzungen kämpfen - an der Hand, ein Schädeltrauma, eine Knie-OP. Aber unsere Rückrunde war phänomenal. Wir waren nicht nur die elf Spieler auf dem Platz, jeder der reinkam, brachte seine Leistung. Trainer Felix Magaths großer Verdienst war es, das Niveau zu halten, selbst wenn Stammspieler ausfielen.

Mit Edin Dzeko bildeten Sie eines der gefährlichsten Sturmduos in der Bundesliga-Geschichte. Wie lief die Kommunikation zwischen Ihnen beiden ab?

Grafite: Unser Zusammenspiel war einfach sensationell. Jeder hat von dem anderen profitiert, und wir mussten ja beide noch unser Können unter Beweis stellen. Edin war damals ja erst 20 Jahre alt, suchte noch seinen Platz im Weltfußball. Daheim war er zwar schon Torschützenkönig, aber in Deutschland musste er das noch unter Beweis stellen. Ich hatte mir zwar schon einen Namen im brasilianischen Fußball gemacht, wollte dies aber auch in Europa schaffen. Es gab keine Eifersüchteleien zwischen uns. Für Edin kam noch hinzu, dass sich in Zvjezdan Misimovic ein Landsmann dazu gesellte. Wir haben unser gebrochenes Deutsch gesprochen, ein paar Brocken Bosnisch habe ich auch gelernt. Aber auf dem Platz haben wir Fußball gesprochen.

Das Tor gegen die Bayern wurde dann zu ihrem Markenzeichen. Was hat sich danach geändert?

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Grafite: Ohne jeden Zweifel, das war das wichtigste und schönste Tor meiner Karriere. Wie es zustande kam, gegen wen es erzielt wurde, all' das macht den Treffer einzigartig. Hätte ich das Tor auf gleiche Weise gegen einen anderen Club erzielt, hätte es vielleicht nicht so viel Berühmtheit erlangt. Der Treffer hat mich als Spieler in Deutschland und in Europa auf eine andere Ebene gebracht. Noch heute spricht man mich überall darauf an. Egal ob in Asien, Südamerika, hier in Brasilien immer, und erst recht, wenn ich nach Deutschland komme.

Und das Versprechen von Ailton, der Ihnen ein Pferd und eine Kuh aus der privaten Zucht schenken wollte, falls Sie wie er in der Bremer Meistersaison 2004 auf 28 Tore oder mehr kämen?

Grafite: Vor dem Saisonfinale gegen Hannover hatte ich 26 Tore auf dem Konto. Ailton ging dann auf die Medien zu, verkündete lautstark: Wenn er mich einholt oder gar an mir vorbeizieht, schenke ich ihm eine Kuh und ein Pferd. Die Geschichte ist aber nur eine Geschichte geblieben. Ich hatte mich schon als glücklicher Besitzer einer Kuh und eines Pferdes gefühlt, aber jetzt sind schon zehn Jahre ins Land gezogen, und von beiden Tieren keine Spur.

Und wie ist Felix Magath Ihnen in Erinnerung geblieben?

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Grafite: Mit Felix habe ich taktisch, technisch und mental mein höchstes Niveau erreicht. Unser gegenseitiger Respekt ist enorm. Als ich einmal mehrere Spiele nicht getroffen habe, hat er mich an seine Seite gerufen und gefragt, ob zu Hause alles okay sei, warum ich so niedergeschlagen rumlaufe. Er hatte immer ein offenes Ohr für meine Sorgen.

Haben Sie als Spieler alles erreicht, was Sie sich erträumt haben?

Grafite: Ja. Auch wenn Wolfsburg in Deutschland und in Europa keine Topadresse war, habe ich dort alles erreicht, was eigentlich nur in großen Clubs machbar ist: Meisterschaft, Torjägerkrone, Spieler des Jahres, Selecao, WM. Und überall, wo ich gespielt habe, habe ich offene Türen hinterlassen.

Heute bringen Sie Ihre Erfahrung als Kommentator eine Fußballsendung ein. Fußball auf Distanz, ist dies das Richtige für Sie?

Grafite: Hier in Brasilien heben dich die Kritiker einen Tag in den Himmel und stürzen dich den nächsten in die Hölle. Ich versuche, da ein bisschen anders zu sein. Ich beurteile den Spieler nicht, was er an sich leisten könnte, sondern was er in dem bestimmten Moment zu leisten imstande ist. Als Trainer bin ich nicht geeignet, einen Job im Management könnte ich mir da schon eher vorstellen. Ich habe immer noch vor, wieder näher am Geschehen zu sein. Darauf muss ich mich aber noch vorbereiten. Fußball in Brasilien ist aber einzig und allein sofortige Ergebnisse, was die Arbeit nicht gerade leicht macht.

Wie sehen Sie Ihren Wolfsburger Erben Wout Weghorst?

Grafite: Ein guter Stürmer, technisch beschlagen, kraftvoll. Er weiß sich gegen die Verteidiger durchzusetzen und hat eine gute Ballkontrolle. Er erinnert mich ein bisschen an meinen Stil.

Und wann ist der VfL Wolfsburg wieder so weit, einen Titel zu gewinnen?

Grafite: Beim Pokalsieg 2015 war das Team mit guten Spielern bestückt. Die letzten Jahre waren jedoch schwierig, vor allem der Abstiegskampf. Jetzt ist es eine junge Truppe. Das Gerüst steht. Mannschaftlich hat sich die Gruppe stark entwickelt. Jetzt muss man sich gezielt verstärken und Leute holen, die einem sofort weiterhelfen.

Die Spieler des VfL Wolfsburg bejubeln die Meisterschaft 2009. © imago sportfotodienst

Zehn Jahre Meisterschaft VfL Wolfsburg

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2009 wurde der VfL Wolfsburg zum ersten und bislang einzigen Mal deutscher Meister. Thorsten Iffland und Kristoffer Klein erinnern an diesen historischen Triumph.

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Quelle: sid

Dieses Thema im Programm:

Sportclub | 19.05.2019 | 22:30 Uhr