Osnabrücks Aaron Opuku (2.v.l.) beschwert sich bei Schiedsrichter Nicolas Winter (M.), dass er von Fans rassistisch beleidigt wurde. © IMAGO / Team 2

VfL Osnabrück: Spiel beim MSV Duisburg nach Rassismus-Eklat abgebrochen

Stand: 20.12.2021 13:36 Uhr

Das Auswärtsspiel vom VfL Osnabrück beim MSV Duisburg ist am Sonntag beim Stand von 0:0 abgebrochen worden. Von den Zuschauerrängen hatte es gegen VfL-Profi Aaron Opoku rassistische Beleidigungen gegeben. Die Polizei Duisburg hat Anzeige gegen einen 55-Jährigen erstattet.

Es lief die 33. Minute, als Opoku zur Ausführung einer Ecke eilte. In dem Moment kam es offenbar zu heftigen Beleidigungen gegen den 22-Jährigen seitens der Duisburger Tribüne. Mitspieler und Gegenspieler eilten Opoku direkt zu Hilfe. Der Unparteiische Nicolas Winter (Freckenfeld) schickte beide Teams zunächst in die Kabine. "Es gab einen Eckstoß für den VfL Osnabrück und dann Affenlaute von der Tribüne", sagte Winter bei "MagentaSport". Das Schiedsrichter-Gespann habe direkt darauf reagiert. Der Spieler sei schockiert und kaum ansprechbar gewesen. Schiedsrichter Winter vermerkte Schmähungen durch Affenlaute im Spielbericht. 

Anzeige erstattet - Staatsschutz ermittelt

Der mutmaßliche Täter wurde mit Hilfe weiterer Zuschauer schnell identifiziert und aus dem Stadion gebracht. Die Polizei hatte noch am Abend umgehend Anzeige erstattet und die Zeugen sowie den Tatverdächtigen vernommen. Laut Zeugenaussagen soll der 55- Jahre alte Zuschauer "Du Affe kannst eh keine Ecken schießen!" in Richtung Opoku gerufen haben. Der Beschuldigte räumte gegenüber der Polizei offenbar ein, diesen Satz so geäußert zu haben, allerdings habe er einen anderen Spieler der Osnabrücker gemeint, der zum Eckball bereitgestanden habe.

Der bislang polizeilich unbekannte 55-Jährige durfte im Anschluss wieder nach Hause gehen. Der Staatsschutz der Polizei Duisburg ist informiert. Die weiteren Ermittlungen dauern an.

MSV Duisburg: "Tiefpunkt in unserer Vereinsgeschichte"

Dass ein Spiel in einer der drei höchsten deutschen Spielklassen nach einem rassistischen Vorfall abgebrochen wurde, ist ein Novum. Mehr als 30 Minuten berieten sich Mannschaft und Offizielle im Kabinentrakt, bevor entschieden wurde, dass die Drittliga-Begegnung nicht mehr fortgesetzt wird. Die Spieler vom VfL sahen sich aufgrund der Vorkommnisse nicht in der Verfassung, das Spiel fortzusetzen. "Der VfL Osnabrück - und das ist mehr als nachvollziehbar - kann nicht mehr antreten, der Junge ist fix und alle, die ganze Mannschaft ist fertig, wir sind es ehrlicherweise auch nach diesem unfassbaren Vorfall", sagte MSV-Sprecher Martin Haltermann. Der Vorfall sei "ein Tiefpunkt in unserer Vereinsgeschichte", so Haltermann.

"So etwas dürfen wir nicht akzeptieren. Aaron ist fertig und war nicht mehr in der Lage zu spielen", sagte VfL-Geschäftsführer Michael Welling. Der Club habe mit dem Verzicht auf ein Weiterspielen auch dokumentieren wollen, "dass wir das nicht akzeptieren". Laut Welling sei der MSV-Spieler Leroy Kwadwo ebenfalls rassistisch beleidigt worden.

"Es kann nicht sein, dass wir immer nur Parolen formulieren, dass wir Sprüche auf T-Shirts kleben. Wir müssen reagieren, wenn so etwas passiert. Wir dürfen das im Fußball und in der Gesellschaft nicht akzeptieren." Michael Welling

Der MSV entschuldigte sich für den Vorfall, das sei "ein No-Go". Während sich die Mannschaften in der Kabine befanden, skandierten viele der Zuschauer "Nazis raus!". Die Stadionregie ließ den Antifaschismus-Song "Schrei nach Liebe" von der Band "Die Ärzte" spielen.

Wertung des Spiels noch offen

Der Kontrollausschuss des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) kündigte noch am Abend an, nach dem Abbruch Ermittlungen aufnehmen zu wollen. Das DFB-Sportgericht werde zu einem späteren Zeitpunkt über die Wertung des Spiels befinden. "Wir sind uns mit Duisburger Kollegen einig, dass es uns am liebsten wäre, es gibt ein Wiederholungsspiel", kommentierte Welling, schließlich handele es sich "um ein gesamtgesellschaftliches Problem".

Unterstützung für Opoku von vielen Vereinen

Unterstützung gab es für Opoku auch von zahlreichen anderen Vereinen in Deutschland. Dem Tweet des VfL Osnabrück mit dem Titel "Aaron, wir stehen hinter Dir!" schlossen sich zahlreiche Clubs wie Borussia Mönchengladbach, Hertha BSC oder der 1. FSV Mainz 05 an. "Rassismus ist scheiße. Überall!", schrieb 1899 Hoffenheim, der SC Freiburg twitterte: "Kein Platz für Rassismus!" Und beim SV Werder Bremen war zu lesen: "Klare Kante gegen Rassismus!"

DFB: "Rassisten haben in Fußball-Stadien nichts verloren"

Verbände, Offizielle und Politik reagierten gleichermaßen entsetzt auf die Vorfälle. "Der gesamte deutsche Fußball hat seit Langem eine klare und kompromisslose Haltung gegen jede Form von Rassismus. Rassisten haben in deutschen Fußball-Stadien nichts verloren", sagte DFB-Co-Interimspräsident Rainer Koch: "Ich bin froh, dass der Schiedsrichter, die Verantwortlichen beider Vereine und die überragende Mehrheit der Zuschauer im Stadion dies unmissverständlich zum Ausdruck gebracht haben."

Boris Pistorius: "Vorfälle wie dieser absolut widerwärtig"

Auch Niedersachsens Innenminister Boris Pistorius (SPD) lobte in der "Neuen Osnabrücker Zeitung" die Reaktionen als "großartige und solidarische Reaktion der Zuschauer und der beiden Mannschaften, die gesagt haben, wir spielen nicht weiter. Vorfälle wie dieser sind absolut widerwärtig." Er hoffe, den Täter treffe "die volle Härte der Justiz".

Er habe schon "viel früher damit gerechnet, dass einmal ein Spiel abgebrochen wird", sagte Ex-Profi-Jimmy Hartwig, DFB-Botschafter für Fair Play, dem NDR: "Nun ist es eingetreten und gerade in Duisburg, wo Multikulti zu Hause ist. Dass man einen Spieler auf diese Weise beleidigt, ist unterstes Niveau. Diese Menschen wissen gar nicht, was sie anrichten mit diesen dummen Sprüchen."

Dieses Thema im Programm:

Sportclub | 19.12.2021 | 22:50 Uhr

Schlagwörter zu diesem Artikel

3. Liga

VfL Osnabrück

Mehr Fußball-Meldungen

Jubel bei Miro Muheim und Ludovit Reis (v.l.) beim HSV über das Tor zum 1:0 von Reis bei Hertha BSC © Witters

Matchwinner Reis lässt HSV vom Aufstieg träumen

Den Hamburgern fehlt nach dem Sieg im Relegations-Hinspiel bei Hertha BSC nur noch ein Schritt zur Rückkehr in die Bundesliga. mehr