Stand: 05.01.2020 17:41 Uhr

Ursachenforschung bei Werder Bremen

von Moritz Cassalette, NDR Hörfunk
Werders Sportchef Frank Baumann im Trainingslager auf Mallorca. © imago images / Nordphoto
Werder Bremens Sportchef Frank Baumann stand den Journalisten auf Mallorca 90 Minuten Rede und Antwort.

Frank Baumann hat sich offenbar vorbereitet auf diesen Termin. Er sitzt im Trainingszentrum von Real Mallorca in einer Lounge auf einem Sofa. Die Wand hinter ihm ist mit großen Schwarz-Weiß-Bildern von Spielern des Clubs tapeziert. Auf seinem Schoß hat er ein großes Tablet, in das er sich Notizen geschrieben hat. 90 Minuten lang spricht er über Werder Bremens schlechteste Hinrunde der Vereinsgeschichte mit Tabellenplatz 17, über das Verletzungspech und über eigene Fehler. Baumann hatte von sich aus zu diesem Termin eingeladen. Es war ihm offenbar wichtig, bestimmte Dinge zu erklären. Zum Beispiel, warum Werder so viele verletzte Spieler hatte. War es wirklich nur Pech oder trägt der Fußball-Bundesligist eine Mitschuld? Vermutlich beides. In jedem Fall sieht Baumann darin einen der wichtigsten Gründe für die sportliche Entwicklung.

Falscher Ehrgeiz, mangelnde Kommunikation

"Die Verletztenmisere hat uns in einer noch nie da gewesenen Form getroffen", sagt der Bremer Geschäftsführer und spricht von einer Kettenreaktion. Dadurch hätte die Mannschaft Qualität verloren, und damit wiederum seien individuelle Fehler größer geworden.

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Werder Bremens Maximilian Eggestein (l.) und Christian Vander (Torwart-Trainer) bei der Ankunft im Trainingslager auf Mallorca. © imago images/Nordphoto

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Durch die vielen Wechsel seien Automatismen und Selbstvertrauen verloren gegangen. Zeitweise musste Werder auf zehn Feldspieler verzichten. Baumann sieht eine Schuld teilweise auch bei den Profis, die aus falschem Ehrgeiz zu viel wollten. So seien etwa die Muskelverletzungen von Ömer Toprak und Niklas Moisander zu erklären.

"Wir hatten in dieser Beziehung vielleicht eine zu brave Mannschaft. Es ist keiner zum richtigen Zeitpunkt mal zum Trainer gegangen und hat gesagt, wir müssen jetzt vielleicht mal ein bisschen weniger machen oder einen halben Tag Regeneration einbauen. Das gehört zur Verantwortung eines Profis dazu." Max Kruse habe das in der vergangenen Saison zum Beispiel gemacht. Diese mangelnde interne Kommunikation sei das größte Problem, so Baumann: "Der Austausch zwischen Athletik-Abteilung, Physiotherapeuten und Ärzten war nicht optimal."

Das hätte Werder aber schon im September erkannt und Abläufe verändert. Der Mannschaftsrat gebe nun schneller Rückmeldung an Trainer Florian Kohfeldt. "Wir haben unsere Lehren daraus gezogen, und deswegen gehe ich davon aus, dass wir nicht mehr so viele Muskelverletzungen haben werden", sagt Baumann. Inzwischen gibt es eine tägliche Runde mit dem Trainerteam und der medizinischen Abteilung, in der sich alle über den aktuellen Stand austauschen.

Baumann räumt Fehler bei Kaderzusammenstellung ein

Der Manager gab auf Mallorca auch Einblicke in seine Personalpolitik und erklärte, worauf er bei der Kaderzusammenstellung achte: Kadergröße, Altersstruktur, Gehaltsstruktur, auch die Sprache sei entscheidend, eine Mannschaft dürfe nicht zu viele nicht-deutsch-sprechende Spieler haben. Wichtig seien aber vor allem aber zwei Kriterien: die Spieler- und die Charaktertypen.

"Man braucht eine gewisse Anzahl an Führungsspielern, aber auch nicht zu viele. Der Hauptblock sind die mannschaftsdienlichen Spieler. Und es gibt die Individualisten, die man braucht, von denen es aber auch nicht zu viele geben darf. Da haben wir eine sehr gute Mischung", sagt er und schaut immer wieder auf sein Tablet mit den vorbereiteten Notizen.

Der 44-Jährige räumt aber auch Fehler ein. "Was die Charaktereigenschaften betrifft, decken die wir die Grundsätze nicht so ab wie gewünscht." Hier unterscheidet der Manager in vier Charaktertypen: "Es gibt die Dominanten, es gibt die integrativen Typen, die auch für den Teamgeist und den Zusammenhalt in der Kabine wichtig sind, es gibt die kreativen Typen und die Disziplinierten, die hauptsächlich das machen, was der Trainer sagt und sehr pflichtbewusst sind."

Hat Werder den Kruse-Verlust unterschätzt?

Und hier sieht Baumann ein Problem: Eine dominante Persönlichkeit habe Werder nicht. "Man muss eingestehen, dass uns so ein Typ gerade in der schwierigen Zeit vor Weihnachten hätte helfen können." Allerdings gebe es solche Spieler heutzutage im Fußball nur noch selten, und Werder sei ohne auch in der vergangenen Saison erfolgreich gewesen.

"Max Kruse war für uns ein wichtiger Spieler, auf dem Platz auch ein dominanter. Aber als Typ passt er aus meiner Sicht nicht in diese Kategorie", sagt Baumann, der als Beispiel eines Dominators Stefan Effenberg nennt. Den Vorwurf, er habe auf den Abgang von Kruse falsch reagiert, kann der Manager deshalb auch nicht nachvollziehen. Er verweist darauf, dass er Niklas Füllkrug und Leonardo Bittencourt für die Offensive geholt hat. "Niklas (hat sich im September einen Kreuzbandriss zugezogen, Anm. d. Red.) fehlt uns jetzt mehr als Max Kruse."

Neuzugänge noch nicht im Anflug

Vielleicht gelingt es Baumann, in dieser Winterpause mit bescheidenen finanziellen Mitteln einen Anführer zu Werder zu holen. "Es kann aber auch ein Spielertyp sein, der uns mit einer Präsenz, mit seiner Schnelligkeit gut tut. Wir müssen schauen, was sich realisieren lässt." Er könne nicht versprechen, dass noch während des Trainingslagers ein neuer Spieler zur Mannschaft stoßen werde, sagt der Bremer Ehrenspielführer, der schon konkrete Gespräche mit Spielern geführt habe. "Grundsätzlich halte ich den Kader aber auch so für stark genug, um weiter oben in der Tabelle zu stehen."

Abstiegskampf heißt: Man kann absteigen

Gleichzeitig warnt der Manager die Mannschaft davor, die schwierige Situation zu unterschätzen. "Wir sind mit anderen Zielen in die Saison gestartet. Diesen Schalter im Kopf jetzt umzulegen, das ist nicht so leicht." Es gehe es nur noch darum, die Klasse zu halten. "Und Abstiegskampf bedeutet, dass man im worst case auch absteigen kann." Diese Tragweite müsse jedem bewusst sein, sagt Baumann.

"Nicht nur ein Spiel dauert 90 Minuten, sondern auch eine Presserunde mit Frank Baumann", sagt Werders Pressesprecher Christoph Pieper in der Lounge von Real Mallorca zum Ende der Analyse. Danach spricht Baumann noch ausführlich in die Kameras und Mikrofone der elektronischen Medien, zu denen auch der NDR gehört. Und danach guckt er sich die einzige Trainingseinheit des Tages an. Es müssen nämlich nicht immer zwei Übungseinheiten sein, Stichwort "Regeneration". Wie falsch eine zu hohe Belastung sein kann, hat Werder schließlich in der Hinrunde erfahren müssen.

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Sportreport | 05.01.2020 | 18:05 Uhr

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