Daniel Meyer von Eintracht Braunschweig © imago images/Hübner Foto: Michael Tager

Trainer Meyer: "Fußball macht in Corona-Zeiten nur bedingt Spaß"

Stand: 23.10.2020 08:42 Uhr

Fußball zwischen Corona, Entfremdung von den Fans und dem sportlichen Überleben: Trainer Daniel Meyer von Eintracht Braunschweig vor dem heutigen Auswärtsspiel bei Jahn Regensburg (18.30 Uhr) im Interview.

Herr Meyer, macht Ihnen Fußball in Corona-Zeiten Spaß?

Daniel Meyer: Ein ganz klares Nein. Im Profifußball arbeitet man immer auf das Wochenende hin, um dort vor den Fans und den ganzen Emotionen zu spielen. Das ist gerade aber nur bedingt möglich. Im Vergleich sind die Bedingungen fast schon steril, es ist wie eine andere Sportart. Da macht Fußball nur bedingt Spaß.

Als Sie bei der Eintracht als neuer Trainer vorgestellt worden sind, sprachen Sie auch gleich von der "begeisternden Anhängerschaft". Haben Sie die Fans bei den vielen Corona-Beschränkungen überhaupt schon kennenlernen können?

Meyer: Nicht so richtig. Ich habe zwar zum Ende der Vorbereitung ein paar Fanvertreter getroffen, um zu erfahren, wie sie denken und auch, wie sie mit Corona umgehen. Aber ich blicke schon mit Wehmut darauf, was hier im Stadion sonst abgeht.

Hannovers Hendrik Weydandt (vorne) bejubelt sein Tor zum 2:1 gegen Eintracht Braunschweig. © dpa-Bildfunk Foto: Peter Steffen/dpa
Beim 1:4 in Hannover erlebten die Braunschweiger einen bitteren Nachmittag.

Ist es nach einem Spiel wie beim 1:4 in Hannover auch mal von Vorteil, dass alle ein bisschen auf Abstand sind?

Meyer: Nein, so denke ich nicht. Wer das eine will, muss das andere mögen. Es waren ja auch ein paar Fans bei uns, die ihren Unmut kundgetan haben. Aber das gehört dazu und finde ich in Ordnung. Die Derby-Niederlage hat uns allen wehgetan.

Können Sie verstehen, dass aktuell viele Fans mit dem Profifußball im Allgemeinen fremdeln und andere aus Angst vor dem Virus lieber zu Hause bleiben?

Meyer: Total. Bevor ich bei der Eintracht angefangen habe, hatte ich ja auch ein paar Pandemie-Monate als Zuschauer. Da war mir vor dem TV auch ein Stück weit langweilig. Fußball lebt von den Emotionen und die schwappen vom Stadion ins Wohnzimmer über - oder eben nicht. Für die Fans ist der Fußball aber auch immer Anlass, sich mit Freunden zu treffen. Selbst das fällt bei der Verlosung von Tickets weg, weil nur einer von vielleicht 15 aus der Gruppe gehen darf.

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Und dann ist es natürlich für alle ganz schwer einzuschätzen, wie groß die Gefahr durch das Coronavirus beim Fußball wirklich ist. Ich kann da nur sagen, dass ich enorme Disziplin bei den Zuschauern im Stadion erlebe, sich an das Hygienekonzept zu halten.

Nach dem jüngsten 2:1-Erfolg gegen Bochum haben Sie die Saison Ihrer "Löwen" für eröffnet erklärt. Wieso hat es ausgerechnet trotz sehr frühen Rückstands und langer Unterzahl mit dem ersten Saisonsieg geklappt?

Meyer: Der Spielverlauf war schon gegen uns, das stimmt. Der Ausgleich war wichtig für den Kopf und mit dem schnellen 2:1 nach der Roten Karte hatten wir aber das Matchglück auf unserer Seite. Mit zunehmender Spieldauer hat die Mannschaft gemerkt, dass sie die bessere Tagesform hatte - und hat sich dann auch nicht mehr vom Sieg abbringen lassen.

Martin Kobylanski ist mit drei Toren im Pokal gegen Hertha BSC in die Saison gestartet - in der Liga war er noch nicht so auffällig. Wie beurteilen Sie seine Leistungen bisher?

Meyer: Martin hatte eine überragende Drittliga-Saison, aber man muss ihm auch zugestehen, dass er erst einmal in der Zweiten Liga ankommt. Es wäre nicht fair, ihn an der Leistung gegen Berlin zu messen. Seine Leistungen in Heidenheim und gegen Kiel waren ordentlich. Gegen Hannover hat er ein Traumtor geschossen, gegen Bochum beide Tore vorbereitet. Ich finde also nicht, dass er in der Liga nicht auffällig gewesen wäre. Er hat noch kein schwaches Spiel gemacht.

Trainer Daniel Meyer (r.) und Kapitän Martin Kobylanski von Eintracht Braunschweig © imago images/Jan Hübner Foto: Michael Taeger
Trainer Daniel Meyer (r.) mit seinem Kapitän Martin Kobylanski.

Ohne seine Tore und Vorlagen hätte es wohl nicht mit dem Aufstieg geklappt. Was prädestiniert ihn außer seinen Scorer-Qualitäten zum Kapitän?

Meyer: Wir wollen, dass er in die Rolle hineinwächst. Er ist ein klassischer Zehner und damit erst einmal ein Individualist. Solche Spieler sind manchmal nicht so einfach zu führen, was ich gar nicht negativ meine. Mit jetzt 26 Jahren muss er als Fußballer erwachsen werden. Sein Vertrag bei uns läuft noch lange, er kann das Gesicht des Clubs, eine richtige Identifikationsfigur werden. Daran arbeiten wir mit ihm zusammen.

War es schwierig, den personellen Umbruch vor der Saison, dem einige verdiente Spieler zum Opfer gefallen sind, im Team zu kommunizieren?

Meyer: Es wurde sehr offen gesagt, dass es einen Umbruch geben muss, um in der Zweiten Liga wettbewerbsfähig zu sein. Die Eintracht war nicht der typische Aufsteiger, der alles an die Wand gespielt und dominiert hat. Es gab sehr viele unterschiedliche Phasen - und nach der Corona-Pause diesen unfassbaren Lauf. Trotzdem war der Umbruch aus unserer Sicht unausweichlich. Es ist ja auch nicht so, dass die Spieler, die wir abgegeben haben, jetzt bei unseren Konkurrenten Stammspieler wären. Bei aller Wehmut und allen Emotionen, die ich verstehen kann, ging es für uns darum, einen Zweitliga-Kader mit Perspektive aufzubauen.

Braunschweigs Torhüter Felix Dornebusch vor der jubelnden Bochumer Mannschaft. © imago images / Hübner Foto: Susanne Huebner
Felix Dornebusch ist die neue Nummer eins bei Eintracht Braunschweig.

Großen Anteil am Erfolg hatte im Saisonendspurt auch Torhüter Marcel Engelhardt. Jetzt scheint nicht nur Routinier Jasmin Fejzic in der Hierarchie vor ihm zu stehen. In Felix Dornebusch gibt es sogar eine neue Nummer eins...

Meyer: Auch bei Marcel und Jasmin gab es in der Vergangenheit Wellenbewegungen. Jasmin hatte in der Zweiten Liga bei Magdeburg Probleme und hat nach seiner Rückkehr in Braunschweig seinen Platz verloren. Marcel hat es dann zwar gut gemacht, hatte aber vorher zeitweise Probleme mit dem Druck als Stammkeeper. Alle, die hier schon länger gearbeitet haben, waren sich nicht 100-prozentig sicher, ob es mit den beiden funktionieren würde. Deshalb haben wir Felix dazugeholt und er hat den offenen Konkurrenzkampf angeheizt und vorerst gewonnen. In Regensburg vertritt ihn Jasmin (Anm.d.Red.: Der DFB sperrte Dornebusch für ein Spiel), er hat schon gegen Bochum gezeigt, dass er sofort funktionieren kann.

Und wie klappt es in der Oberpfalz mit dem zweiten Saisonsieg?

Meyer: Die Regensburger spielen so ähnlich wie RB Leipzig. Sie versuchen für Chaos auf dem Spielfeld zu sorgen, um nach Ballgewinn schnell nach vorn zu spielen. Wir müssen Ruhe reinbringen und strukturiert spielen. Grundsätzlich orientieren wir uns an der Leistung aus dem Bochum-Spiel. Wir brauchen Geschlossenheit und wenn wir spielerische Lösungen finden, ist Regensburg verwundbar.

Das Interview führte Florian Neuhauss

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