Stand: 22.06.2020 08:55 Uhr

Der HSV und die irdischen Gründe für das Scheitern

von Sebastian Ragoß, NDR.de
Wieder nur Frust beim HSV: Aaron Hunt nach der Pleite in Heidenheim.

Als Fußball-Philosoph Rudi Völler 2003 in seiner legendären Weißbier-Wutrede vom "immer tieferen Tiefpunkt" sprach, dachte er nachweislich nicht an den HSV. Oder war der damalige Teamchef der Nationalmannschaft einfach weitsichtiger als alle anderen? Jedenfalls wiederholen sich beim Hamburger SV sportliche Dramen und Misserfolge in einer Regelmäßigkeit, die mit "immer tieferer Tiefpunkt" ziemlich genau beschrieben sind.

HSV braucht Bielefelder Schützenhilfe

In dieser Saison droht nach dem 1:2 in Heidenheim erneut Rang vier in der Zweiten Liga und somit eine weitere Spielzeit im Fußball-Unterhaus mit allen sportlichen und finanziellen Konsequenzen. "Wenn ich jetzt sagen würde, nein, wir haben keine Chance mehr, dann wäre ich wohl ein ganz schlechter Trainer. Aber natürlich sind wir jetzt auf Schützenhilfe angewiesen", gab der zerknirschte HSV-Coach Dieter Hecking zu Protokoll.

Im Klartext: Der HSV muss am letzten Spieltag gegen Sandhausen (Sonntag, 15.30 Uhr) mehr Zähler holen als Heidenheim beim Zweitliga-Meister Bielefeld, um wenigstens noch Dritter zu werden. Auf dem Papier kein unrealistisches Szenario.

Die Leiden der HSV-Fans

1:2 in Heidenheim und wieder ein Schock in letzter Minute - verspielt der HSV den Bundesliga-Aufstieg? Das sagen die Fans.

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Letzte Hoffnung Relegation

Doch nach dem K.o. in letzter Sekunde in Heidenheim dürfte es für Hecking schwer werden, seine Mannschaft wieder aufzurichten. "Das sind für die Spieler extremste Situationen, das durchleben zu müssen", gestand der Coach. Und selbst wenn es noch für den dritten Platz reichen sollte, fällt der Glaube schwer, dass sich der Hamburger SV in der aktuellen Verfassung in der Relegation gegen den Bundesliga-16. (Düsseldorf oder Werder Bremen) durchsetzen könnte.

Physische Defizite sind nicht zu übersehen

In Heidenheim kassierte die Hecking-Elf zum vierten Mal nach dem Re-Start ein Gegentor in der Nachspielzeit. "Es scheint so zu sein, dass der Fußball-Gott im Moment nicht auf unserer Seite ist", sagte der HSV-Coach.

Doch es gibt irdische Gründe für das regelmäßige Last-Minute-Scheitern. Die Defensive ist individuell zu schlecht besetzt. Zudem ist nicht zu verkennen, dass der HSV in beinahe jeder Partie spätestens ab der 70. Minute deutlich abbaut und sich in die Defensive drängen lässt, auch wenn er zuvor alles im Griff zu haben schien. Physisch hat die Mannschaft Defizite, was auch daran begründet liegt, dass viele Spieler eine mehr oder weniger lange Verletzungshistorie haben.

Es fehlen Führungsspieler

Zudem fehlt es an Führungskräften auf dem Platz. Die zu Saisonbeginn überragenden Adrian Fein und Sonny Kittel spielen nur noch Nebenrollen, Tim Leibold hat als konstantester Profi auf der linken Defensivseite zu wenig Einfluss auf das Spiel, und Kapitän Aaron Hunt ist noch nie derjenige gewesen, der in kritischen Situationen vorangeht.

HSV-Spitze ist abgetaucht

Führungslos ist übrigens der gesamte HSV. Aufsichtsratschef Marcell Jansen, der nach der erfolgreichen Revolte gegen Vorstandsboss Bernd Hoffmann als neuer starker Mann gehandelt wurde, ist komplett abgetaucht - Sportvorstand Jonas Boldt ebenfalls. Einzig Hecking stellt sich der Öffentlichkeit, zumindest noch eine Woche. Denn der Vertrag des 55-Jährigen verlängert sich nur im Falle eines Aufstiegs. Die Chance darauf ist in Heidenheim deutlich geringer geworden.   

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Dieses Thema im Programm:

Sportclub | 21.06.2020 | 22:30 Uhr