Frust bei Niklas Moisander, Maximilian Eggestein, Joshua Sargent, Ömer Toprak und Davie Selke (v.l.) von Werder Bremen © IMAGO / Team 2

Sünden der Vergangenheit haben Werder Bremen eingeholt

Stand: 23.05.2021 09:45 Uhr

Der Weg von Werder Bremen führte schon länger in die Irre, nun ist ein weiterer Traditionsclub in die Zweite Liga abgestiegen. Den Neuanfang belasten finanzielle Sorgen. Der HSV sollte als warnendes Beispiel gelten.

von Andreas Bellinger

Tschüs Bundesliga - willkommen Zweite Liga. Wenn es nur so einfach wäre, wie Werders Sportchef Frank Baumann glauben machen will: "Wir werden das überleben und gestärkt zurückkommen." Dabei ist viel mehr passiert als der Absturz eines weiteren Clubs alter Prägung, der zum zweiten Mal nach 1980 die Eliteliga verlassen muss. Eine Philosophie ist ins Wanken geraten, als selbst der in der Not eingesprungene Thomas Schaaf ("Das haut einem die Beine weg") erkennen musste, dass Werder Bremen nicht mehr zu helfen ist - schon gar nicht in nur einem Spiel.

Glückliche Fügungen blieben aus: Für Schaaf, der Werder 1999 gerettet und eine Ära geprägt hat, wie für die Grün-Weißen, die vor zwölf Monaten den Absturz noch mit viel Dusel vermieden hatten. Der Weg ins Verderben war vorgezeichnet, doch die Zeichen der Zeit wurden an der Weser ignoriert.

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Bankrott eines Systems

Angesichts von nur einem Punkt aus den letzten zehn Saisonspielen manifestierte das 2:4 gegen Borussia Mönchengladbach den Bankrott eines Systems, das in seiner Konsequenz und Nibelungentreue zur sportlichen Führung vielerorts als Alleinstellungsmerkmal hervorgehoben wurde. Dass der sogenannte Werder-Weg längst in die Irre führte, blieb den Verantwortlichen trotz fußballerischer Fachkompetenz offenbar verborgen.

"Es gab lange Zeit keine Anzeichen dafür, dass wir noch mal so stark in Probleme kommen“, sagte Baumann im NDR. Nach 24 Spieltagen und mit elf Punkten Vorsprung auf den Relegationsplatz wähnten sich die Bremer in Sicherheit. Ein fataler Trugschluss.

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Baumann will sich "Gesamtverantwortung" stellen

Fatal auch die Folgerung, nicht gegenzusteuern, als das Polster immer weiter schrumpfte. Als offenkundig wurde, dass der als Top-Trainer gehandelte Florian Kohfeldt an seine Grenzen kam. Um grundlegende Fehler in der Struktur der Mannschaft zu korrigieren, war es ohnehin längst zu spät. Unbestritten hätte der Absturz verhindert werden können, wenn die Weichen beizeiten richtig gestellt worden wären. "Ich habe natürlich die Gesamtverantwortung, der ich mich auch stelle", sagt Baumann.

Die überteuerten Verpflichtungen des Sportchefs im Abstiegskampf vor einem Jahr hängen Werder bis heute nach. Sie haben die wirtschaftliche Schieflage mit dem Schreckensszenario einer drohenden Insolvenz noch befördert und die Kaderplanung nachhaltig behindert.

Bremen spart die Selke-Ablöse

Zumindest die horrende Ablösesumme für Davie Selke (rund zwölf Millionen an Hertha BSC) kann Werder wegen des Abstiegs sparen. Der Stürmer, der seinen vermeintlichen Wert nie unter Beweis stellte und gegen Gladbach ein mögliches 1:1 kläglich versiebte, muss zurück nach Berlin. Bei aller Tristesse und "brutalen Tiefschlägen" (Baumann) nicht die schlechteste unter den vielen deprimierenden Nachrichten für die Grün-Weißen.

Werder braucht jeden Euro, um aufgelaufene Schulden in Höhe von 75 Millionen Euro beherrschbar zu halten und die mit Auflagen erteilte Lizenz zu sichern.

"Werder bleibt Werder" oder "Kein weiter so"?

Marco Bode, Aufsichtsratschef von Fußball-Bundesligist Werder Bremen © picture alliance/dpa Foto: Sina Schuldt
Werder-Aufsichtsratschef Marco Bode steht in der Kritik.

Die Sünden der Vergangenheit haben Werder eingeholt - mit etwas Verspätung. Nach der glücklich überstandenen Relegation im Vorjahr wurde der vermeintliche Neustart zum Rohrkrepierer. Kompetenz von außen zu holen, galt bei dem Club, der traditionelle und familiäre Werte hochhält, zu lange als Makel. "Werder muss Werder bleiben", ließ Marco Bode wissen, der als Chef des Aufsichtsrats wie Baumann, Finanz-Chef Klaus Filbry und Präsident Hubertus Hess-Grunewald mehr denn je in der Kritik steht.

Hinter der Forderung "Kein weiter so" formiert sich eine Opposition, was an der Weser durchaus als Besonderheit registriert werden kann. "Vorstand raus", skandierten am Sonnabend nach dem Abpfiff rund 2.000 Fans vor dem Weserstadion, während in der Arena gespenstische Stille herrschte.

"Wenn der Aufsichtsrat zu der Entscheidung kommt, dass auf meinem Posten eine Veränderung sinnvoll ist, dann werde ich dem nicht im Wege stehen. Ich bin aber davon überzeugt, dass ich in dieser schwierigen Situation die richtigen Entscheidungen treffen kann." Frank Baumann bei Sport1

Baumann: "Wir sind vorbereitet"

Vor allem Filbry steht gewaltig in der Pflicht, wirtschaftliche Lösungen zu finden. Allein die TV-Erlöse werden sich in der Zweiten Liga auf rund 30 Millionen Euro fast halbieren. Sponsoren werden ihr Engagement vermutlich reduzieren. Nur gut, dass angeblich mit fast allen Spielern Verträge abgeschlossen wurden, die in Liga zwei deutlich geringer dotiert sind. Ein neuer Trainer soll bis spätestens Anfang Juni präsentiert werden.

"Wir müssen jetzt schnell handeln, brauchen einen neuen Trainer. Es wird in der Mannschaft sehr viel passieren", so Baumann. "Wir sind vorbereitet, weil wir seit letzter Saison zweitklassig planen mussten."

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Auf der anderen Seite haben die schwachen Leistungen den Wert etlicher Spieler dramatisch sinken lassen. Milot Rashica beispielsweise sollte vor einem Jahr noch rund 30 Millionen Euro einspielen. Laut "Transfermarkt.de" ist der Kosovare aktuell nur noch zwölf Millionen Euro wert. Dennoch wird sich Werder von ihm trennen müssen, wie womöglich auch von Jiri Pavlenka, Marco Friedl, Ludwig Augustinsson, Milos Veljkovic, Leonardo Bittencourt, Maximilian Eggestein oder Josh Sargent.

Fraglich, ob die Youngster Romano Schmid, der an den Linzer ASK ausgeliehene Johannes Eggestein und Manuel Mbom weiter die Schuhe für Werder schnüren werden.

HSV als warnendes Beispiel

Unwahrscheinlich dürfte sein, dass Werder wieder eine gute Million Euro pro Heimspiel einnehmen wird, selbst wenn die grün-weißen Fans als besonders treu gelten und die Zweite Liga mit Traditionsclubs gespickt ist. Immerhin werden wieder Nordderbys gegen den Hamburger SV zu sehen sein, in denen so etwas wie Bundesliga-Atmosphäre aufkommen könnte. Der ungeliebte Nachbar sollte den Bremern allerdings als warnendes Beispiel dienen.

Auch wenn in den letzten elf Jahren immerhin acht Clubs die direkte Rückkehr in die Beletage gelang - der HSV gehörte nicht dazu. Willkommen Zweite Liga - tschüs Bundesliga.

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Dieses Thema im Programm:

Sportclub | 23.05.2021 | 22:45 Uhr

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