Fans des Hamburger SV halten im Stadion ein Transparent mit der Aufschrift "Einmal HSV immer HSV". © dpa bildfunk Foto: Daniel Reinhardt

Sport-Welt nach Corona: "Bier und Bratwurst reichen nicht"

Stand: 18.11.2020 11:35 Uhr

Wie reagieren die Fans nach den Corona-Beschränkungen? Ein Wochenende ohne Stadionbesuch ist zur Normalität geworden. Clubs und Ligen brauchen innovative Konzepte im Konkurrenzkampf der Freizeit-Industrie.

von Andreas Bellinger und Mats Nickelsen

Stell Dir vor, die Stadien sind leer - und keinen kümmert es mehr? Das Fragezeichen hinter dieser steilen These ist gewollt. Keiner weiß schließlich so richtig, ob und wie sich die Sport-Welt nach der Corona-Pandemie verändern wird.

Selbst Uli Hoeneß, der die Gier der Bundesliga lange Jahre genährt hat, tappt in Zeiten von "Geisterspielen" und drohenden Insolvenzen im Dunkeln, wenn es um die Zukunft des von den Zuschauern verlassenen Sports und speziell des Profifußballs geht. "Aber", so der Hamburger Zukunftsforscher Ulrich Reinhardt im NDR, "jede Krise birgt auch die Chance auf Veränderung. So wird es vermutlich auch diesmal sein."

Gewohnheiten ändern sich

Wird nichts so sein wie ehedem? Kann sich der Fußball als der Deutschen liebster Sport grundlegend ändern? Die Suche nach Antworten ist ein Stochern im Nebel. Niemand kennt die Wahrheit, kein Wissenschaftler, kein Politiker, kein Fan.

Der einstige Bayern-Chef Hoeneß poltert in gewohnter Weise, ist aber ebenso ratlos: "Es regt mich unheimlich auf, dass viele Leute jetzt schon meinen zu wissen, was passiert. Ich weiß es nicht." Dabei legt das in der Krise erzwungene neue Freizeitverhalten nahe, dass sich Gewohnheiten ändern. Womöglich sogar schon verändert haben. Prioritäten wie der Gang ins Stadion oder die Sporthalle haben sich verschoben. Die Fans schauen Spiele im Fernsehen oder hören Reportagen im Radio. 

Innovative Konzepte gefordert

"Freizeit ohne Stadionbesuch ist schon jetzt zur Normalität geworden", sagt Professor Reinhardt. Gefordert seien deshalb innovative Konzepte von Clubs und Deutscher Fußball Liga (DFL), "um den Kontakt zu den Zuschauern nicht ganz zu verlieren. Bier und Bratwurst reichen auf Dauer nicht." Der Hamburger SV beispielsweise denkt darüber nach, einen Marketingvorstand zu installieren.

Neu sind die Probleme nicht. Astronomische Gehälter, Spieler fernab der Realität der Fans - und Funktionäre, die mehr und mehr fordern und offenkundig jegliches Maß aus dem Blick verloren haben. Die Branche scheint sich nur mehr um sich selbst zu drehen. Reinhardt: "Ein Stück weit sind die grundsätzlichen Veränderungen bei der Akzeptanz und der Einzigartigkeit eben auch selbstgemacht."

Corona-Krise als Beschleuniger

Eine gefährliche Entwicklung, die der Verbundenheit und Vereinstreue schaden könne, "aber auch der Alternativlosigkeit zum Stadionbesuch. Und andere Aktivitäten gewinnen dadurch an Attraktivität", so der Wissenschaftliche Leiter der wirtschaftsnahen Hamburger "Stiftung für Zukunftsfragen".

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So gesehen wirke die momentane Situation als Beschleuniger der Entwicklung. "Das gleiche Produkt eins zu eins nur mit Abstandsregeln anzubieten, wird nicht reichen." Zumal viele Fußball-Anhänger längst andere Interessen entdeckt haben: statt Fußball zu schauen zum Beispiel lieber eine Runde auf dem Rennrad drehen. Überdies zeigen Erhebungen zum Nutzungsverhalten, dass viele aus dem jungen Publikum ohnehin keine Lust mehr auf komplette Spiele haben, sondern mit kurzen Berichten im TV zufrieden sind.

Ende der Hochphase

"Wir werden vermutlich nach der Corona-Krise nicht mehr den gleichen Enthusiasmus, die gleiche Bereitschaft haben, uns diesen Events hinzugeben, sich bedingungslos für Sport zu interessieren", sagt der Philosoph und Sportwissenschaftler Gunter Gebauer. Wenn viele Menschen ihren Job oder Geld verlieren, werde das "die Hochphase, in der wir in den letzten 30 Jahren gelebt haben, auf jeden Fall nicht nur dämpfen, sondern weitgehend beenden". Zudem könne die Bereitschaft, Raubbau zu treiben am eigenen Körper, geringer werden.

Sport kommt ins Zuhause

Tatsächlich hat sich die Lust am Sport durch die Corona-Beschränkungen nicht verflüchtigt. Nur hat sich die Art der Transformation vor allem im Breitensport teils gravierend verändert. Statt auf dem Platz, in der Halle oder im Sportstudio zu trainieren, kommt der Sport ins eigene Zuhause. Digitale Angebote werden beworben, Online-Kurse und Plattformen zum Mitmachen sind der Renner.

"Künftig wird es selbstverständlich sein, dass sich analoge mit digitalen Angeboten vermischen", sagt die Stuttgarter Zukunfts- und Trendforscherin Anja Kirig. Vieles, was vor Corona undenkbar erschien, wird an die Stelle von einst Selbstverständlichem treten. Die Vereine werden sich dem Wandel anpassen müssen.

Mehr Bezug zur Basis

Der Ball wird irgendwann wieder rollen, die ganz treuen Fans werden in die Stadien pilgern und die kleinen und großen Clubs um die Verteilung der TV-Millionen streiten. Wahrscheinlich werden manche auch weiter glauben, es gebe nichts Wichtigeres als den Fußball. Doch das Big-Business wird ein anderes sein. Die Strippenzieher der Liga werden nicht länger nach immer mehr Kommerzialisierung streben können, wenn sie das von anderen Anbietern der Freizeit-Branche umgarnte Mainstream-Publikum nicht total verlieren wollen. Es könnte ein Signal sein für weniger Spiele, weniger Turniere - kurzum: ein Besinnen auf den Sport und seine Werte. Und wieder mehr Bezug zur Basis.

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Dieses Thema im Programm:

Sport aktuell | 18.11.2020 | 11:25 Uhr

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