Stand: 20.03.2018 16:50 Uhr

Spender Thy: "So leicht, ein Leben zu retten"

von Andreas Bellinger, NDR.de
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Lennart Thy hatte sich 2010 typisieren lassen.

Es war die elfte Minute im Spiel des PSV Eindhoven gegen VVV Venlo, als sich die 30.000 Zuschauer im Stadion kollektiv erhoben und einem Spieler huldigten, der überhaupt nicht auf dem Rasen stand. Applaus gab es zur selben Zeit auch in anderen Arenen der niederländischen Eredivisie. Ein Spruchband mit der Aufschrift "SympaTHY" brachte die Stimmung auf den Punkt. Und jeder wusste, dass damit der von Werder Bremen nach Venlo ausgeliehene Lennart Thy gemeint war. Der Stürmer mit der Rückennummer 11 konnte nicht spielen, weil er im Krankenhaus eine Stammzellspende abgab - und damit vielleicht das Leben eines Leukämie-Patienten gerettet hat. Zwischen dem an Blutkrebs erkrankten Patienten und Thy war eine seltene Übereinstimmung ihrer DNA festgestellt worden.

"Ein Ausrufezeichen gesetzt"

"Natürlich hätte ich lieber als Fußballer für Aufsehen gesorgt", sagte Thy am Dienstag bei einer Pressekonferenz seines Clubs aus der Provinz Limburg: "Aber wenn man so leicht ein Leben retten kann, ist es doch selbstverständlich, wie man sich entscheidet." Dabei hatte er zunächst ein wenig Bedenken, dass ihm die Zwangspause negativ ausgelegt werden könnte. Doch ganz im Gegenteil: Thy ist quasi über Nacht zu einem Symbol für Menschlichkeit in einem sonst knallharten Geschäft geworden und auf diesem Wege zum Star. "Lennart hat ein Ausrufezeichen gesetzt", übermittelte Werder-Verteidiger Sebastian Langkamp, der sich vor Jahren auch typisieren ließ. Für Venlo hat der einstige U20-Nationalspieler Thy, der sich in der Bundesliga nicht durchsetzen konnte, in 27 Partien sieben Treffer erzielt und sechs Tore vorbereitet. Im Sommer soll er zu Werder Bremen zurückkehren.

"Ich war ein bisschen schlapp"

Obwohl Venlo die Partie beim Tabellenführer PSV Eindhoven mit 0:3 verlor, waren der zum "Player of the Match" gekürte Thy und der Tabellen-Zwölfte die Gewinner des Spieltags. Der Club hatte nicht eine Sekunde gezögert, seinen Spieler für eine Woche freizustellen und postete sogleich, wie  "überaus froh" man sei, auf diese Weise einem Menschen helfen zu können. "Wir sind stolz auf unseren Spieler Lennart Thy" - und der bedankte sich artig: "Es zeigt die Menschlichkeit, die sonst ein bisschen verloren zu gehen scheint." Nach dem Eingriff am Wochenende, bei dem aus dem Blut Stammzellen extrahiert werden (Thy: "Die Prozedur hat um die fünf Stunden gedauert."), geht es dem 26-Jährigen wieder prima. "Ich war ein bisschen schlapp und deshalb am Wochenende auch nicht im Stadion. Gegen Twente bin ich am 1. April aber wieder dabei", sagte er.

Tausende folgen seinem Vorbild

Als Spieler von Werders U23-Mannschaft hatte sich Thy bereits im Jahr 2010 typisieren lassen. Das ganze Team war dabei, aber großartig Gedanken habe er sich damals nicht gemacht. "Es war mehr die Initiative des Vereins. Heute bin ich froh darüber. Es ist eine so einfache Möglichkeit, Leben zu retten." Dass sein kleiner Beitrag eine so große Resonanz hervorgerufen hat, sei ihm einerseits fast schon ein bisschen peinlich. "Wenn es aber dazu führt, dass sich viele Menschen typisieren lassen, wäre es eine tolle Sache", sagte Thy und hörte mit Staunen, dass sich allein in den Niederlanden Tausende in den vergangenen Tagen seinem Vorbild angeschlossen haben.

Die Sorgen verflogen schnell

Eine Registrierung durch die DKMS gemeinnützige GmbH (ehemals Deutsche Knochenmarkspenderdatei), die Stammzellen an Patienten vermittelt, die an Leukämie erkrankt sind, ist kein großer Aufwand. Wer möchte, kann sich sein Registrierungsset sogar nach Hause schicken lassen. Thy war schon vor Silvester kontaktiert und vor sechs Wochen endgültig als Spender ausgewählt worden. Als die Nachricht kam, sei es zunächst ein Schock gewesen: "Ich wusste ja nicht, was auf mich zukommt.“ Doch die Sorgen verflogen schnell - und heute ist Thy froh, nicht gekniffen zu haben.

"SympaTHYk" und "Thy Held"

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Venlo-Fans feiern Lennart Thy mit einem Plakat.

"Die Entscheidung, es zu machen, ist mir nach kurzer Überlegung und Gesprächen mit meinen Freunden leicht gefallen", sagte Thy den Journalisten in Venlo. Die Entnahme der Stammzellen aus dem Blut wurde in Köln durchgeführt. Die Tage zuvor musste Thy zweimal am Tag Hormone schlucken - "mehr war es eigentlich nicht", sagte der Spender, der in den Stadien als "SympaTHYk" und "Thy Held" gefeiert wurde. Erst in drei Monaten werde er hören, ob die Transplantation tatsächlich erfolgreich war. "Solche Momente machen mir klar, wie wichtig die Gesundheit ist." Es gibt eben wichtigere Dinge als Fußball.

Fünf Schritte zur Stammzellspende

1. Registrierung: Spender müssen 17 bis 55 Jahre alt sein. Wangenabstrich mit Wattestäbchen für die Analyse der Gewebemerkmale.

2. Prüfen der Gewerbemerkmale: Wenn die Gewebemerkmale zu denen eines Patienten passen, wird dies durch eine Blutprobe nochmals bestätigt. Weitere Blutwerte werden ermittelt.

3. Gesundheitsscheck: Nach einem gründlichen Gesundheitscheck und der Aufklärung durch einen Arzt steht der Stammzellspende nichts mehr im Wege - das endgültige Einverständnis des Spenders vorausgesetzt.

4.1 Periphere Stammzellentnahme: Bei 80 Prozent der Spenden ist dies ähnlich einer Blutspende. Im Vorfeld wird dem Spender der Wachstumsfaktor G-CSF verabreicht, danach können grippeähnliche Symptome auftreten. Langzeitnebenwirkungen sind nach heutigem Forschungsstand nicht bekannt.

4.2 Knochenmarkentnahme: Bei 20 Prozent aller Spenden wird unter Vollnarkose Knochenmark aus dem Beckenkamm entnommen. Nach der Entnahme kann für wenige Tage ein lokaler Wundschmerz entstehen - ähnlich dem einer Prellung. Das Risiko der Knochenmarkentnahme ist gering. Es beschränkt sich im Wesentlichen auf das Narkoserisiko.

5. Stammzelltransplantation: Wie bei einer Bluttransfusion werden die Stammzellen transplantiert. Sie nisten sich in den Knochenhohlräumen des Patienten ein und beginnen dort neue, gesunde Blutzellen zu bilden.

Quelle: DKMS

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