Stand: 30.04.2019 05:00 Uhr

So schwer ist der Job des Schiedsrichters

von Samir Chawki

An den Wochenenden bin ich oft unterwegs, berichte von Handball- oder Fußballspielen in Schleswig-Holstein. Dann stehen das Ergebnis, die Partie, die Spieler oder auch ab und zu die Verantwortlichen im Fokus. Heute wird das anders sein. Beim Oberligaspiel zwischen dem SV Eichede und Inter Türkspor verfolge ich das Geschehen nicht von der Pressetribüne aus. Dieses Mal bin ich als Schiedsrichter-Praktikant dabei. Ich begleite den Unparteiischen Dajinder Pabla und seine beiden Assistenten, Jan-Christian Meyer und Niklas Leiding.

Schiedsrichter für einen Tag

Nachwuchs als Praktikumsziel

Pabla und Meyer sind zwei der mittlerweile fünf Initiatoren des Schiedsrichter-Praktikums, mit dem sie sich 2017 ehrgeizige Ziele gesteckt haben. Sie wollen aufklären, aber auch Vereine bei der Schiedsrichtergewinnung unterstützen. Dafür haben sie viele Tipps gesammelt, Strategien erarbeitet. In dem vierstufigen Praktikum bekommen die Teilnehmer Einblicke in das Schiedsrichterwesen. Mitmachen kann jeder - Spieler und Trainer genauso wie Interessierte oder Journalisten.

Infos zu Schleswig-Holsteins Schiedsrichtern

Jung und Alt:
Der älteste offiziell gemeldete Schiedsrichter ist Heinrich Hardy vom SSV Marina Wendtorf mit 83 Jahren, der jüngste ist Tom Luca Niklas Bluhm vom Gettorfer SC mit zwölf Jahren.

Schiedsrichter des Jahres:
2014: Kai Voss
2015: Mirka Derlin
2016: Viatcheslav Paltchikov
2017: Franziska Wildfeuer
2018: Patrick Schwengers

Geld ist nicht der Antrieb

Achte ich sonst hauptsächlich auf die Spieler, werde ich heute nur auf die Leistung der Unparteiischen schauen. Ich bin gespannt, wie schwer es ist, ein Spiel auf der höchsten Landesebene zu pfeifen. Für Schiedsrichter Pabla ist es eine besondere Partie - in der vergangenen Saison war er ebenfalls für dieses Duell eingesetzt. Damals gab es drei Elfmeter und eine Rote Karte für Eichede. Ob es heute wieder so aufregend wird, ist eine meiner ersten Fragen, als ich zu ihm ins Auto steige. "Heute passiert nichts", ist sich Pabla sicher und lacht. Auf der Fahrt erfahre ich einiges über das Schiedsrichter sein. 40 Euro bekommt Daji, wie er auch genannt wird, für die Spielleitung. Seine Assistenten erhalten 25 Euro für eine Partie. Geld ist also nicht die Motivation für den achtstündigen Arbeitstag. Sie haben Spaß, Spiele zu pfeifen - teilweise bis zu drei pro Wochenende.

Viel Organisation vor dem ersten Pfiff

Wir erreichen das Stadion in Eichede. Verantwortliche des Heimteams begrüßen uns. Wir legen unsere Taschen ab und klären die Trikotfarbe. Eichede spielt in Rot, die Kieler wählen Blau. Pabla und seine Assistenten entscheiden sich deshalb für Gelb. Bei der anschließenden Platzbesichtigung lerne ich, wie Schiedsrichter untereinander auf Distanz mit Handzeichen oder Gesten kommunizieren - und wie Pabla prüft, von wo aus er eine gute Sicht auf den jeweiligen Strafraum hat. Darüber habe ich mir in meiner Rolle als Reporter nie Gedanken gemacht. Ich merke schnell, dass Schiedsrichter vieles gleichzeitig im Blick haben müssen. Sie können nicht nur auf den Ball schauen. Wichtig ist auch, dass das in einem Team passiert, wo sich jeder auf den anderen verlassen kann.

So läuft das Praktikum

Das Schiedsrichter-Praktikum ist mehrstufig aufgebaut. Der oder die Teilnehmer können als erste Stufe ein reines Informationsgespräch in Anspruch nehmen. In diesem werden alle Fragen beantwortet.

Es besteht aber auch die Möglichkeit, sich direkt für die zweite Ebene zu entscheiden. Das bedeutet, dass Interessenten einen Schiedsrichter oder ein ganzes Gespann zu einem Spiel begleiten. Diese können je nach Spielklasse in ganz Schleswig Holstein stattfinden.

Im letzten Abschnitt kehren sich die Seiten um. Der Praktikant pfeift selbst eine Partie und wird von einem erfahrenen Unparteiischen unterstützt. In Frage kommen Jugendspiele in den teilnehmenden Vereinen, die vom Verband nicht offiziell angesetzt werden.

Obwohl die Reihenfolge aufeinander aufbaut, können Stufen übersprungen oder komplett ausgelassen werden.

Das Spiel beginnt, die Technik läuft

Heute stehen die Unparteiischen mit Headsets in Verbindung. Ich bekomme auch einen Empfänger und kann so verfolgen, was auf dem Platz besprochen wird. Der Umgang damit muss geübt sein. In den meisten Spielen hat das Gespann diese technische Unterstützung nicht. Die Partie beginnt. Die Technik läuft einwandfrei. Ich bin gut informiert und kann nachvollziehen, wie das Team zusammen arbeitet. Die Kommunikation erfolgt meist durch kurze, klare Absprachen. So gibt Pabla bei einem Eckball seinem Assistenten die Anweisung, er solle den kurzen Pfosten im Blick haben. Mit viel Feingefühl führt er das Spiel. In Situationen, wo ich schon eine Gelbe Karte geben würde, redet er mit den Spielern und beruhigt sie. So auch in der 43. Minute, als ein Spieler seinen Gegner nach einem Foul beinahe umschubst. "Das muss nicht sein. Ich sehe, dass es Foul ist, aber wenn du schubst, dann ist das schon fast eine Tätlichkeit", erklärt er dem ursprünglich Gefoultem.

Feuer raus durch Gespräche

Die erste Halbzeit hat er gut unter Kontrolle - und das, obwohl ich anfangs das Bauchgefühl habe, dass die Partie nicht vollzählig endet. Beide Teams führen das Duell intensiv. Pabla kommuniziert viel, Karten werden von ihm eher "vorbereitet" als gezeigt. Das bedeutet, er ermahnt bevor er verwarnt. In der 45. Minute ist es dann aber doch soweit, bei einem Zweikampf kommt ein Eicheder zu spät und foult hart. Sofort höre ich über Funk, wie einer der Assistenten sagt, dass hier Gelb nötig ist. Pabla verwarnt den Spieler und pfeift kurz danach zur Pause. Bis auf diese Aktion war es für mich eine überraschend faire Partie in der Eichede mit 1:0 führt.

Links
Link

Schiedsrichterpraktikum

Auf der Homepage finden Sie alle Infos rund um das Schiedsrichterpraktikum. extern

Ausgleich, Verletzung und jede Menge Nachspielzeit

In der Pause unterhalten sich die Schiedsrichter über die Spielführung, reflektieren Situationen aus den ersten 45 Minuten. Pabla ist bis jetzt bereits 5,2 Kilometer gelaufen, am Ende werden es 10,6 sein. In der zweiten Halbzeit erzielt Eichede schnell die 2:0 Führung. Ich frage mich, ob dies bereits die Vorentscheidung ist. Nein, Inter Türk erzielt knapp eine Viertelstunde später den Anschlusstreffer. Pabla warnt sein Team: "Jetzt geht es noch mal heiß her, wir müssen aufpassen." Eine Minute später ist es bereits soweit, er muss die aufgeladenen Spieler beruhigen. Souverän nimmt er wieder die Aggressionen aus dem Spiel, in dem er an den "Sportsgeist" appelliert und viel kommuniziert: "Wir wollen doch alle keine Verletzungen", sagt er zu den Spielern. Der Ausgleich fällt in der 68. Minute.

Wenige Minuten später muss der Torwart von Eichede behandelt werden. Es folgt eine lange Verletzungsunterbrechung. Das bedeutet einiges an Nachspielzeit. Doch bevor diese anbricht, treffen die Gäste zur Führung und drehen damit das Spiel. Plötzlich dauert auch bei ihnen alles etwas länger. Pabla ermahnt die Kieler und kündigt einige Extraminuten an. Nach Absprache mit seinem Team gibt es sieben Minuten Nachspielzeit. Die vergehen jedoch, ohne dass er großartig eingreifen muss.

Bild vergrößern
Ein Spieler von Inter Türkspor Kiel liegt am Boden. Schiedsrichter Dajinder Pabla zeigt einem Spieler des SV Eichede die gelbe Karte.
Wie versprochen: nichts passiert

Die Partie endet, die Schiedsrichter haben es geschafft, aus einer brisanten Partie das Feuer zu nehmen. Beide Teams bemängeln einige Kleinigkeiten, geben aber auch zu, dass es für die Schiedsrichter kein leichtes Spiel war und die Unparteiischen ihre Sache gut gemacht haben. Ich bin beeindruckt, dass diese intensiv geführte Partie mit nur einer Gelben Karte ausgeht. Mein Praktikumstag endet mit meiner Gratulation zur guten Leistung der Unparteiischen. Daji hat Recht behalten, heute ist hier nichts passiert - Schiedsrichter sei Dank.

Weitere Informationen

Patrick Ittrich: Schiedsrichter im Dauerstress

Schiedsrichter sollen keine Fehler machen, der Druck in der Bundesliga ist groß. Der Hamburger Patrick Ittrich erzählt, wie er auch mit einem "gebrauchten Tag" fertig wird. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Schleswig-Holstein bis 2 | 30.04.2019 | 10:40 Uhr

Kunkel: Vom "Motzki" zur Vorzeige-Schiedsrichterin

Schiedsrichterin Susann Kunkel vom SV Eichede hat das Pokal-Finale der Frauen geleitet. Als Spielerin war die 35-Jährige nicht immer einfach. Doch das hilft ihr nun bei ihrem Job als Referee. mehr

Mehr Sport

02:20
Schleswig-Holstein Magazin