VIDEO: Spätfolgen durch Kopfverletzungen im Fußball (5 Min)

Risiko Kopfbälle: Eine tödliche Gefahr im Fußball?

Stand: 04.10.2021 08:11 Uhr

Eine Studie belegt die Gefahren von Kopfbällen. Frühere Topstars wie Gerd Müller oder Jack Charlton sind mit Demenz gestorben. Neurologe Andreas Gonschorek ist enttäuscht von der Passivität im deutschen Fußball.

von Andreas Bellinger und Hendrik Deichmann

Fußball ohne Kopfbälle? Warum nicht, sagen die einen. Für die anderen käme es einem Kulturschock gleich. Es gibt jedoch gute Gründe dafür, dass über solche Pläne immer häufiger diskutiert wird. Im englischen Fußball wurde jüngst bereits das erste Spiel "oben ohne" ausgetragen. "Es sind so viele großartige Spieler an Demenz erkrankt", sagt der frühere englische Profi-Kicker Craig Hignett im NDR Sportclub über die Triebfeder für die angestrebte Fußball-Revolution. "Jetzt sind die Liga und der Fußballverband gefordert, wie es in Zukunft besser werden kann." Judith Gates, Initiatorin der Partie ohne Kopfbälle, will Menschen für das Thema sensibilisieren und vor allem die Spieler schützen.

70.000 Kopfbälle - Demenz als Folge?

Gates' Ehemann (77) ist nach Jahren als Verteidiger und Kopfball-Spezialist beim Profi-Verein Middlesbourgh FC schwer an Demenz erkrankt. Wie die verstorbenen Weltklassefußballer Gerd Müller oder die englischen 66er-Weltmeister Martin Peters, Ray Wilson, Norbert "Nobby" Stiles und Jack Charlton. Im vorigen Jahr wurde bekannt, dass auch Sir Bobby Charlton an Demenz erkrankt ist. Eine schottische Studie hatte schon 2019 Hinweise dafür geliefert, dass Ex-Profis ein erhöhtes Risiko haben, an Demenz oder Parkinson zu sterben. Sein Vater habe in seiner Karriere als Profi-Fußballer wohl um die 70.000 Kopfbälle gemacht, berichtet Mitorganisator Chris Stiles. "Allein von seiner 68er-Mannschaft bei Manchester United ist die Hälfte mit Demenz frühzeitig verstorben."

Wie Gelee im Marmeladenglas

"Die Belastung beim Kopfball darf nicht unterschätzt werden", sagt der Hamburger Neurologe Andreas Gonschorek. Mit einer Geschwindigkeit von bis zu 100 Stundenkilometern prallt der 450 Gramm schwere Ball in einem Fußballspiel auf den Kopf. Kräfte von bis zu 60 G, also dem 60-fachen der Erdbeschleunigung, könnten dabei auf das Gehirn wirken, so der Chefarzt des Neurozentrums am BG Klinikum in Hamburg, der seit Langem das Gesundheitsrisiko von Kopfbällen untersucht.

Was bei Kopfbällen passiert, beschreibt der Mediziner so: "Die Gehirnmasse wird wie Gelee im Marmeladenglas hin und her geschleudert, was zu gefährlichen Zerreißungen von Nervenbahnen sowie Blutungen und anderen Funktionsstörungen führen kann." Wie extrem dies tatsächlich ist, macht der Vergleich zu Werten anschaulich, denen menschliche Körper in der Achterbahn (8 G) oder auf der Kinderschaukel (2,5 G) ausgesetzt sind.

Studie mit 8.000 Fußballern zeigt erhöhtes Demenz-Risiko

Eine vor zwei Monaten vorgelegte Studie der Universität von Glasgow, an der 8.000 frühere schottische Fußballer teilgenommen haben, hat den Zusammenhang von Kopfbällen und Demenz untersucht. Und ist laut Neuropathologe Willie Stewart zu dem Ergebnis gekommen, dass "wiederholtes Köpfen eines Fußballs zu einem erhöhten Risiko einer Demenz führen kann". Ein Risiko, das komplett vermeidbar wäre, so der Experte.

Mediziner kritisiert trägen DFB

Tatsächlich sind die Verantwortlichen in England und auch in den USA sehr viel weiter, was Prävention betrifft. "Wir wissen noch nicht genau, wo die Schwelle ist, dass Kopfbälle zu Schäden führen", sagt Gonschorek. Doch es sei längst angezeigt, dass auch in Deutschland reagiert wird. Zumindest bei Kindern unter zwölf Jahren müssten Kopfbälle wie in England komplett verboten sein. Aber es passiert nichts. "Mir geht es insbesondere darum, dass der Deutsche Fußball-Bund endlich aufwacht und das Thema wirklich progressiv angeht", fordert Gonschorek. Sich um die Spielerinnen und Spieler kümmert; um Forschungsthemen und Regelveränderungen. Kurzum: das Problem ernsthaft anzugehen, um den Sport sicherer zu machen.

"Ich habe in den letzten Jahren noch kein überzeugendes Konzept für den DFB gesehen, das Thema wirklich zu beleuchten und auch zu handeln." Neurologe Andreas Gonschorek

Appell auch an Profi-Fußballvereine

Der englische Verband FA hat vor wenigen Wochen seine Anregungen abermals modifiziert und sogar Profivereine aufgefordert, die Zahl der Kopfbälle pro Spieler auf zehn pro Trainingswoche zu begrenzen. Reglementierungen wie im Kinder- und Jugendfußball gibt es jedoch nicht. Denkbar wäre vielleicht eine im Testspiel "oben ohne" erprobte Variante, bei der Kopfbälle künftig nur noch im Strafraum erlaubt sein würden. Allerdings könnte auch das Kopfballverbot für unter Zwölfjährige Probleme schaffen. Weil, so Gonschorek, nicht frühzeitig trainiert werden könne, "die Krafteinwirkung sinnvoll abzuleiten".

Verteidiger besonders in Gefahr

Solange Kopfbälle weiter zum selbstverständlichen Repertoire der Fußballspieler gehören, haben Verteidiger laut der schottischen Studie ein fünfmal höheres Risiko als der Durchschnitt der Bevölkerung, von Demenz und anderen neurodegenerativen Erkrankungen betroffen zu sein. Andere Feldspieler erkranken viermal häufiger, während Torhüter ein kaum erhöhtes Risiko aufweisen. Im Schnitt fallen in der Fußball-Bundesliga 0,51 Kopfballtore pro Spiel. So die Aufzeichnungen des Global Soccer Network (GSN), welches die Daten seit der Saison 2014/2015 erhebt. Mit dem Kopf seien in der vergangenen Saison 17,6 Prozent der Tore erzielt worden.

Gonschorek: "Symptome entwickeln sich erst später"

Kopfverletzungen machen laut GSN 4,6 Prozent aller Verletzungen in der Bundesliga aus. Gehirnerschütterungen liegen bei circa 2 Prozent. Dennoch sind sogenannte Concussions besonders gefährlich. Nicht zuletzt, weil sie oft unterschätzt und Spieler, die selbst nach einem harten Crash nicht ausgewechselt werden, mitunter sogar heroisiert werden. Gonschorek: "Symptome entwickeln sich erst später." Allein die Vermutung, dass ein Spieler eine Gehirnerschütterung erlitten hat, sollte Anlass sein, ihn aus dem Spiel zu nehmen. "Er darf niemals derjenige sein, der entscheidet, ob er weiterspielt."  

Spieler schützen - auch vor sich selbst

Es müsse Mechanismen geben, die den Druck von den Mannschaftsärzten nehmen. Ein Speicheltest wie beim Rugby, der mittels DNA-Marker mögliche Gehirn-Traumata diagnostizieren soll, könne bislang nur eine gewisse Wahrscheinlichkeit anzeigen, meint Gonschorek. Spannend sei ein Hamburger Projekt, bei dem es um Augen-Veränderungen bei vielfachen Kopfbällen geht. Gonschorek: "Noch wissen wir zu wenig, um die Spieler zu schützen. Zum Teil auch vor sich selbst."

Dieses Thema im Programm:

Sportclub | 03.10.2021 | 22:50 Uhr

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