In regenbogenfarben erleuchtetes Olympia-Stadion in Berlin..

Regenbogenfarben am Stadion: "Die UEFA hat einen guten Punkt"

Stand: 23.06.2021 14:40 Uhr

Die Münchner Arena darf nicht in Regenbogenfarben erstrahlen. Die UEFA hat das abgelehnt. Ein Gespräch mit dem Fußball-Autor und NDR Kultur Sachbuchpreisträger Ronald Reng.

Sportjournalist Ronald Reng © imago
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Herr Reng, finden Sie den Shitstorm, in dem sich die UEFA mit ihrer Entscheidung befindet, gerechtfertigt?

Ronald Reng: Gerechtfertigt ist er nicht - erwartbar ist er auf jeden Fall. Wir befinden uns in einem Fußball-Großereignis, und da wird alles emotional übertrieben. Die UEFA hat eine gute Vorleistung betrieben, dass sich die Leute aufregen, indem sie nicht nur verboten hat, dass das Stadion in München in Regenbogenfarben leuchtet, sondern dass sie ziemlich dilettantisch Ausweichtermine angeboten hat. Das weckt zwei Emotionen in den Leuten: Zum einen ist die UEFA eh das große Böse an sich, ein Verband, auf den man immer schön draufschlagen kann. Und zum anderen haben die Leute das Gefühl von Ungerechtigkeit: Warum darf diese Stadion nicht leuchten?

Die UEFA bezieht sich darauf, dass sie politisch neutral sei. Ist das ein Ausdruck von politischer Neutralität, diese Regenbogenfarben am Stadion zu unterbinden?

Reng: Ja, die UEFA hat meiner Ansicht nach trotz aller Empörung einen guten Punkt, den die Leute gerne übersehen. Zunächst einmal erscheint es als eine gute Sache, das Stadion in Regenbogenfarben leuchten zu lassen, ein Eintreten für die Menschenrechte, für Minderheiten, für Homosexuelle. Aber warum hat die Stadt München das nicht schon im Spiel gegen Frankreich oder im Spiel gegen Portugal gemacht, sondern nur in diesem Spiel gegen Ungarn? Und da wird schon - wenn wir es neutral betrachten - das Eintreten für die Menschenrechte zu einem politischen Akt. Denn wie der Oberbürgermeister von München Dieter Reiter explizit gesagt hat, wollen sie mit dem Erstrahlen des Stadions in Regenbogenfarben gegen ein Gesetz der ungarischen Regierung demonstrieren, das Schwule in die Nähe von Pädophilen rückt.

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Ein Stadion in Regenbogenfarben © Sven Simon Pool via sampics Frank Hörmann Foto: Sven Simon

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Da können wir wieder sagen: Ja, aber das ist doch für eine gute Sache, wir treten doch gegen dieses schändliche Gesetz ein. Es bleibt aber ein politischer Angriff auf die ungarische Regierung. Und da finde ich, muss die UEFA schon überlegen, wo sie die Grenze zieht. Wer entscheidet eigentlich, was politisch gut ist?

Ein weiteres Problem ist, dass niemand mehr der UEFA abnimmt, dass sich hier tatsächlich versucht, politisch weise zu handeln. Sondern bei der UEFA, die sich in den letzten Jahren extrem turbokapitalistisch gezeigt hat, ist sofort der Verdacht da, dass sie das nur macht, um mit der Regierung Orbans zu kuscheln.

Aber fällt sie sich nicht auch ein bisschen selber in den Rücken? Denn sie hat ja selber große Kampagnen für Toleranz, Diversität et cetera gestartet - und an dieser Stelle wird es ihr dann doch zu politisch.

Reng: Genau, das ist das, was die Leute nicht verstehen: Moment mal - ihr zwingt die Mannschaften, mit dem Wort "Respekt" auf der Kapitänsbinde herumzulaufen, ihr macht große Anti-Rassismus-Kampagnen, und dann verbietet ihr sowas? Das ist das, was ich versucht habe zu erklären, diesen Unterschied, wenn das Eintreten für die gute Sache, für die Menschenrechte dann in einer politischen Aktion mündet.

Könnten Sie definieren, wo so eine Grenze ist? Oder ist die jedes Mal neu zu definieren?

Reng: Das muss tatsächlich jedesmal wieder aufs Neue ausbalanciert werden. Wenn wir die ganzen Emotionen herausnehmen, ist es in diesem Fall gar nicht so schlecht gelaufen. Das Münchner Stadion leuchtet nicht - dafür werden viele Leute mit Regenbogenfähnchen im Stadion sein und es werden viele andere Stadien aus Solidarität in den bunten Farben leuchten. Und Ursula von der Leyen hat von einer Schande geredet, was dieses Gesetz angeht. Ich glaube, das ist das eigentlich Entscheidende für den Umgang mit der Regierung Orbans, die seit Jahren wegen ihrer schlechten Sachpolitik bewusst Feindbilder aufbaut, um die Leute hinter sich zu sammeln. Der Umgang mit der ungarischen Regierung muss so sein, dass die EU die Rechte durchsetzt, an die wir glauben. Wenn diese Polemik einen kleinen Teil dazu beigetragen hat, dann ist das gar nicht so schlecht gelaufen.

Das Interview führte Jürgen Deppe.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 23.06.2021 | 18:00 Uhr

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