Trainer Tim Walter (M.) vom Hamburger SV feiert im Mannschaftskreis den 2:0-Erfolg bei Werder Bremen © IMAGO / Noah Wedel Foto: Noah Wedel

Offensiver und gefestigter: Der "wilde" Walter macht den HSV besser

Stand: 19.09.2021 12:35 Uhr

Fußball-Zweitligist Hamburger SV hat durch den 2:0-Derbysieg beim Erzrivalen Werder Bremen Tuchfühlung zu den Aufstiegsplätzen aufgenommen. Coach Tim Walter lebte dabei einmal mehr vor, was er von seinem Team verlangt: Leidenschaft und Einsatz bis zur totalen Erschöpfung.

von Hanno Bode

Nachdem sich die HSV-Profis ausgiebig vor der Fankurve von ihren 1.050 an die Weser mitgereisten Anhängern hatten feiern lassen, rief Walter die Seinen zum Mannschaftskreis zusammen. Und nun stand der 45-Jährige inmitten des sich in den Armen liegenden Menschenknäuels, sprach in gebückter Körperhaltung zu den freudetrunkenden Spielern und haute dabei eine Plastikflasche, die er in der rechten Hand hielt, immer doller auf seine linke Hand. Schließlich begann der Übungsleiter sogar die Hüfte zu schwingen.

Ein Trainer als Vortänzer - solche Bilder hatte es beim Traditionsclub lange nicht gegeben. Die Vorgänger vom "wilden Walter" beim HSV waren auf ihre jeweilige Art nicht minder engagiert als er. Doch ob sie nun Christian Titz, Hannes Wolf, Dieter Hecking oder Daniel Thioune hießen, diese authentische und offenbar ansteckende Begeisterung hatten sie alle nicht gezeigt.

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HSV stürmischer und stressresistenter

Denn auch wenn der HSV nach drei Zweitliga-Spielzeiten, in denen er jeweils im letzten Saisondrittel den Aufstieg verschenkt hatte, mit Vorsicht zu genießen ist, scheint es Walter den bisherigen Eindrücken nach gelungen zu sein, den Charakter des in der Vergangenheit häufig phlegmatischen Teams positiv beeinflusst zu haben. Die Mannschaft spielt unter dem 45-Jährigen nicht nur mit mehr Überzeugung nach vorn. Sie ist auch stressresistenter als zuvor. Das 109. Nordderby in Bremen mit all seinen Zutaten (neun Gelbe Karten, zwei Platzverweise, viele Werder-Chancen und ein nicht gegebenes Tor der Hausherren) zeugte von gewonnener mentaler Stärke.

"Die Jungs haben es über 90 Minuten durchgezogen", lobte Walter die totale Hingabe, die sein kickendes Personal an den Tag gelegt hatte. Dass es noch Verbesserungsbedarf in vielen Bereichen gibt, leugnete der Coach allerdings nicht: "Wir sind noch lange nicht am Ende unserer Entwicklung. Von daher müssen wir weiter hart arbeiten."

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Bei Walter zählen keine Namen, sondern das Leistungsprinzip

Walters Weg an der Elbe war von Beginn an geradlinig. Er scheute sich nicht, die von Sportvorstand Jonas Boldt einst als "Säulenspieler" verpflichteten Toni Leistner und Klaus Gjasula auf die Bank zu setzen, den von seinen Vorgängern nicht berücksichtigten Youngster Jonas David zum Stammspieler zu machen und in Maximilian Rohr einen Akteur auf die Zweitliga-Bühne zu hieven, der zuvor in die Rubrik "Phantom-Profi" fiel. Das klare Signal des Übungsleiters: Bei mir zählt nur das Leistungsprinzip.

Davon profitierte auch der gegen Werder überragende Keeper Daniel Heuer Fernandes. Dem 28-Jährigen hatte der HSV wie auch Verteidiger Jan Gyamerah im Sommer bereits ein Preisschild um den Hals gehängt. Beide blieben und boten sich im Training nachhaltig an. Nun sind sie bei Walter gesetzt.

Der Coach hat offenbar ein feines Gespür dafür, wen er wie behandeln muss, um das Maximum an Leistungsstärke aus seinen Akteuren herauszukitzeln. Im Falle von Robert Glatzel war Geduld der entscheidende Faktor. Obgleich der Angreifer in den vorausgegangenen drei Partien viele Chancen vergeben hatte, blieb er in der Startelf. Der Dank des Angreifers: das frühe Tor zum 1:0.

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Aufstieg? "Wir wollen Spiele gewinnen!"

Durch den dritten Saisonsieg hat sich der HSV an die Aufstiegsplätze herangepirscht, muss in der in Bremen gezeigten Verfassung zumindest zum erweiterten Kreis der Bundesliga-Kandidaten gezählt werden. Doch davon wollte Walter nichts hören. "Sind wir unten, sind wir schlecht. Sind wir oben, sind wir gut", sagte er mit Blick auf das beinahe schon traditionell unruhige Vereinsumfeld und die Hamburger Medien, die dem Club auch in Liga zwei noch nahezu dieselbe Aufmerksamkeit wie zu Bundesliga-Zeiten schenken. "Wir wollen Spiele gewinnen", lautet daher die Maxime von Walter, der vor der Rückreise an die Elbe ankündigte, einen "Lütten" auf den Sieg nehmen zu wollen, wie man in Hamburg sagt.

"Ich habe gehört, dass wir vielleicht daheim noch einen kleinen Absacker zu uns nehmen können", sagte der 45-Jährige. Wie lang die Nacht für ihn und die HSV-Profis wurde, ist nicht überliefert. Am Sonntagmorgen standen aber sowohl der Coach als auch seine Spieler wieder auf dem Trainingsplatz am Volkspark.

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