Nadine Keßler: Weltfußballerin mit Macher-Qualitäten

Stand: 29.10.2020 13:30 Uhr

Nadine Keßler reifte beim VfL Wolfsburg zur Weltfußballerin. Heute ist sie UEFA-Abteilungsleiterin und eine der Top-Entscheiderinnen im Frauenfußball in Europa.

von Ines Bellinger und Kristoffer Klein

Blutige Knie, trotziger Kopf: Wenn Nadine Keßler an ihre ersten Schritte als Fußballerin denkt, muss sie immer noch lachen. Ihr erstes Spiel mit vier Jahren existiert noch als Videoaufnahme, die Familie hat es sich bestimmt schon hundert Mal angesehen. "Ich habe ziemlich gut gespielt und zwei Buden gemacht. Am Ende musste mich mein Vater blutend vom Platz tragen", erzählt Keßler. Ob sie weiterspielen wolle, habe ihr Vater gemeint. Was für eine Frage! "Dieses Spiel war für mich prägend und auch für die Jungs, die gemerkt haben, dass es nicht so einfach ist, ein Mädchen aus dem Spiel zu nehmen."

Nadine Keßler, Ex-Kapitänin des VfL Wolfsburg und Weltfußballerin von 2014, arbeitet heute als Leiterin der vor drei Jahren gegründeten Abteilung Frauenfußball beim Europäischen Fußball-Verband UEFA. Sie ist 32 Jahre alt und nach einer Karriere, die ihresgleichen sucht, mittlerweile auch versöhnt mit dem viel zu frühen Ende ihrer Laufbahn. Beim Skype-Interview in ihrem Büro im schweizerischen Nyon kann sie zurückblicken auf eine Zeit, "in der wir den Verein auf ein ganz anderes Level gehoben haben".

Weltfußballerin 2014

Die gebürtige Pfälzerin und leidenschaftliche Anhängerin des 1. FC Kaiserslautern war über die Bundesliga-Stationen 1. FC Saarbrücken und Turbine Potsdam 2011 zum VfL Wolfsburg gekommen. Es war ein Schlüssel-Transfer, denn um Mittelfeld-Strategin "Kessi" herum schweißte der damalige Trainer Ralf Kellermann nach und nach herausragende Individualistinnen zu einem Ausnahme-Team zusammen.

Der Durchbruch gelang den VfL-Frauen 2013. Und wie! Kellermanns Team holte nach Meisterschaft und DFB-Pokal auch den Champions-League-Titel. Die Wolfsburger Nationalspielerinnen um Keßler wurden danach in Schweden noch Europameisterinnen. 2014 verteidigte Keßler mit dem VfL die Meisterschale und den "Henkelpott" in der Königsklasse, mit Folgen. In der Saison darauf stand sie sowohl bei der Wahl zu "Europas Fußballerin des Jahres" als auch bei der Weltfußball-Gala ganz oben - als dritte deutsche Spielerin und bislang einzige Wolfsburgerin.

Karriere-Ende nach elf Knie-Operationen

"Wolfsburg war für mich so besonders, weil ich dort gereift bin als Person, weil ich einen Verein und ein Team um mich herum hatte, das einfach nur hungrig war und Geschichte schreiben wollte", blickt Keßler zurück.

Die FIFA-Ehrung in Zürich sollte die letzte Gelegenheit sein, bei der sie als aktive Sportlerin im Rampenlicht stand. Nach langer Leidenszeit mit insgesamt elf Knie-Operationen musste sie im April 2016 ihre Karriere beenden - mit 28 Jahren. "Die letzten Jahre meiner Karriere als Fußballerin haben mich als Mensch unheimlich geprägt. Ich habe sehr hart gekämpft in diesen zwei Jahren, alles versucht, um irgendwie wieder zurück auf den Platz zu kommen. Es gab keine Chance mehr, es zu schaffen", erzählt sie. Nach nur 29 Länderspielen war Schluss, die Teilnahme an Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen blieb ihr verwehrt. Sie musste sich damit abfinden, Sportinvalidin zu sein.

Aber, und das ist das Wichtigste, was Keßler jungen Fußballerinnen heute mit auf den Weg geben möchte: "Man muss immer wieder aufstehen." Schon während ihrer Karriere hatte sie nicht nur auf die Karte Fußball gesetzt. Nebenher studierte sie Fitnessökonomie, arbeitete auch in Wolfsburg noch bis 2014 in Teilzeit als Projektmanagerin einer Kommunikationsagentur. Als die Karriere endete, sicherte sich die UEFA Potenzial, Wissen und diplomatisches Geschick der ehrgeizigen jungen Frau.

"Enormes Wachstum in Europa"

Bei der UEFA zeichnet Keßler inzwischen verantwortlich für alle europäischen Frauen-Wettbewerbe. "Meine Rolle ist es, den Frauenfußball in ganz Europa zu entwickeln", sagt sie. Sie ist fasziniert von der Bandbreite, mit der sie es in den einzelnen Ländern zu tun hat - von hochprofessionellen Ligen bis zum Straßenfußball ist alles dabei. Als "Überzug" für ihren Bürosessel hat sie ein grünes Nordirland-Trikot gewählt mit der Rückennummer 17 und ihrem Namenszug - es ist eines der ersten Länder, das sie in ihrem UEFA-Job besucht hat. "Wir haben ein enormes Wachstum in Europa, auf allen Ebenen", sagt sie. "Und wir können noch Dinge gestalten, die es im Männerfußball schon seit Jahren gibt."

Frauenfußball muss sichtbarer werden

Für Deutschland, das sich gerade zusammen mit Belgien und den Niederlanden für die Austragung der Weltmeisterschaft 2027 beworben hat, wünscht sie sich, dass Frauenfußball präsenter, sichtbarer wird, nicht nur bei großen Turnieren. Keßler spricht davon, in den nächsten Jahren den Wettbewerb auf Länderebene zu stärken, Jobs für Frauen und fünf bis zehn Top-Ligen in Europa zu kreieren. Und sie hat eine Vision für den Frauenfußball insgesamt: "Wir müssen eine Kultur in unserer Gesellschaft schaffen, die es normal macht für alle Frauen und Mädchen, Fußball zu spielen, wann immer sie das möchten."

Jubel bei den Frauen des VfL Wolfsburg © imago/foto2press Foto: Oliver Baumgart

AUDIO: Die Erfolgsgeschichte des VfL Wolfsburg (3 Min)

Dieses Thema im Programm:

Sportclub | 25.10.2020 | 23:35 Uhr

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