Fußball-Profi Matti Steinmann zu seiner Zeit beim Hamburger SV © Witters Foto: Frank Peters

Matti Steinmann: In Hamburg gefrustet, in Indien gefeiert

Stand: 27.12.2020 13:42 Uhr

Beim Hamburger SV wurde Matti Steinmann 2019 aussortiert. Der Mittelfeldakteur wechselte daraufhin nach Neuseeland. Seit dieser Serie spielt der 25-Jährige in Indien und hat dort sein Glück gefunden.

von Hanno Bode

Es sah erneut nicht gut aus für den SC East Bengal. Auch in seinem siebten Saisonspiel der Indian Super League gegen den Chennaiyin FC lag das noch sieglose Team aus Kalkutta zurück. Erst mit 0:1, später dann 1:2. Bei einer weiteren Pleite würde Coach Robbie Fowler wohl langsam in Erklärungsnot kommen, schließlich hat der dreimalige Meister andere Ambitionen, als am Tabellende herumzukrebsen. Nur gut für die Stürmer-Legende des FC Liverpool, dass sein deutsches Defensiv-Ass an diesem heißen Tag im Tilak Maidan Stadium in Vasco da Gama (Goa) die Lust am Toreschießen entdeckte.

Steinmann trifft am zweiten Weihnachtstag doppelt

Gleich zweimal traf Steinmann ins Schwarze und rettete seiner Mannschaft so zumindest ein 2:2-Remis. Zunächst war der frühere HSV-Profi nach einem Ecksoß per Kopf erfolgreich (59.), dann staubte er zum 2:2 ab (68.). Unmittelbar nach dem Abpfiff der Begegnung wurde der gebürtige Hamburger vom Social-Media-Team seines Brötchengebers vor die Kamera gezerrt. Er schnappte noch ein wenig nach Luft, als ihn der Reporter fragte, wann er denn zuvor das letzte Mal zwei Treffer in einer Partie erzielte habe.

Steinmann schmunzelte, überlegte kurz und antwortete dann: "Ich glaube, das ist zwei oder drei Jahre her. Das war damals für die zweite Hamburger Mannschaft."

Profikarriere beinahe schon ad acta gelegt

Genau genommen war es der 16. September 2017, als der "Sechser" für die U23 des HSV im Regionalliga-Spiel gegen den VfB Lübeck einen Doppelpack zum 2:0-Erfolg schnürte. Seinerzeit hatte Steinmann nach wenig erfolgreichen Intermezzi beim Chemnitzer FC und dem 1. FSV Mainz 05 II mit seiner Profikarriere schon mehr oder minder abgeschlossen. In der "Zweiten" des damaligen Bundesligisten spielen und nebenbei studieren - so war sein Plan. An ein Engagement im fernen Indien verschwendete der 25-Jährige keinen Gedanken. Doch dann nahm seine Laufbahn eine verrückte Wendung.

Unter Titz plötzlich Bundesliga-Spieler

Coach Christian Titz (l.) und Matti Steinmann vom Hamburger SV (Foto aus dem Jahr 2018) © imago images / Oliver Ruhnke Foto: Oliver Ruhnke
Coach Christian Titz (l.) setzte zu seiner Zeit beim HSV auf Steinmann.

Denn beim HSV herrschte in der Saison 2017/2018 das blanke Chaos. Die Erstliga-Mannschaft? Mehr oder wenig untrainierbar! Und dazu noch ziemlich schlecht. Die Fußballehrer Markus Gisdol und Bernd Hollerbach hatten vergeblich versucht, das Team auf Kurs zu bringen. Also wurde U23-Coach Christian Titz vom alten, neuen Vereinsboss Bernd Hoffmann vor dem 27. Spieltag befördert, um doch noch irgendwie den Klassenerhalt zu schaffen. Der 49-Jährige brachte seinen Kapitän aus der Regionalliga-Equipe mit nach oben. Der hieß Matti Steinmann und stand in den verbleibenden acht Partien jeweils von Beginn an auf dem Platz.

Der Abstieg konnte zwar nicht verhindert werden. Dennoch herrschte vor der ersten Zweitliga-Serie in der HSV-Historie Aufbruchstimmung an der Elbe. Mit Titz und einer neu formierten Mannschaft sollte der Wiederaufstieg gelingen. Doch der phasenweise etwas oberlehrerhaft daherkommende Trainer war bald Geschichte. Und damit auch Steinmanns Zeit im Profi-Team abgelaufen.

Bei Wolf chancenlos - von Hecking aussortiert

Titz-Nachfolger Hannes Wolf hatte keine Verwendung für den Mittelfeldmann. Im Januar 2019 ließ sich der 25-Jährige deswegen nach Dänemark zu Vendsyssel FF ausleihen - und stieg mit dem Verein in die Zweite Liga ab. Nach seiner Rückkehr an die Elbe war Wolf schon nicht mehr da. Er wurde von Dieter Hecking beerbt, der aber die Meinung seines Vorgängers über Steinmanns Qualitäten teilte. Der "Sechser" sollte sich einen neuen Club suchen oder seinen Vertrag in der U23 erfüllen.

Via Neuseeland nach Indien

Matti Steinmann (r.) im Trikot von Wellington Phoenix © imago images / AAP
Steinmann (r.) lief vor seinem Wechsel nach Indien für Wellington Phoenix auf.

Darauf hatte Steinmann jedoch keine Lust. Auch ein Engagement unterhalb der Zweiten Liga Deutschlands lehnte der 25-Jährige ab. Stattdessen stürzte er sich ins Abenteuer Neuseeland. Er lief für Wellington Phoenix in der australischen A-League auf und überzeugte dort. Fowler, seinerzeit Übungsleiter bei Brisbane Roar, erinnerte sich an die Qualitäten des Deutschen, als er im vergangenen Oktober seine Arbeit in Kalkutta aufnahm.

"Robbie rief mich an und fragte mich, ob ich mir ein Engagement bei East Bengal vorstellen könne. Er hat sich sehr um mich bemüht, setzt auf mich", erklärte Steinmann der "Bild" seine Beweggründe für den Wechsel nach Indien.

Kühe am Trainingsplatz, Affen am Hotel

Wer durch das "Stahlbad HSV" gegangen ist, den sollte eigentlich nichts mehr erschrecken oder überraschen können - sollte man jedenfalls meinen. Doch das Engagement in Indien bringt für Steinmann noch einmal ganz neue Erfahrungen mit sich. "Überall sieht man auf dem Weg zum Trainingsplatz Kühe stehen, die hier ja heilig sind. Und es passiert schon mal, dass wilde Affen am Hotel über den Zaun klettern", sagte der Fußballer der "Bild".

"Es ist für mich eine große Chance"

Bereut hat der 25-Jährige seinen Wechsel aber trotz der für ihn teilweise ungewohnten Bedingungen und des schwachen Saisonstarts seines neuen Teams noch keine Sekunde: "Es ist für mich eine große Chance, für die ich sehr dankbar bin." Dankbar war übrigens auch Fowler seinem Mittelfeldmann nach dem 2:2 am zweiten Weihnachtstag. Aber nicht überrascht, dass der bis dahin torlose Deutsche plötzlich einen Doppelpack schnürte. "Er ist eben ein sehr guter Spieler", lobte der Trainer den "Hero of the Match", wie ihn sein Club titulierte.

Dieses Thema im Programm:

NDR 2 Bundesligashow | 16.02.2021 | 15:00 Uhr

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