Der langjährige Bundesliga-Fußballer Martin Harnik in der Kabine seines neuen Vereins, der TuS Dassendorf © Hanno Bode Foto: Hanno Bode

Martin Harnik: Ghettoblaster und Gerstensaft statt Glamour

Stand: 06.10.2020 13:30 Uhr

Martin Harnik hat seine Karriere als Profifußballer überraschend beendet. In Zukunft läuft der langjährige Bundesliga-Angreifer für den Fünftligisten TuS Dassendorf auf.

von Hanno Bode, NDR.de

Ohrenbetäubender Lärm dröhnt aus der engen und kargen Umkleidekabine der alten Schulsporthalle, in der sich die Fünftliga-Fußballer der TuS Dassendorf für das Training umziehen. Sie haben den Ghettoblaster bis zum Anschlag aufgedreht. Es sind lediglich Wortfetzen zu verstehen. Die Kommunikation der Feierabend-Kicker dreht sich um den enttäuschenden Auftritt am vergangenen Freitag beim Bramfelder SV (1:1), die Freizeitgestaltung am Wochenende und um Social-Media-Einträge. Der ganz normale Amateurfußball-Kabinenschnack also.

Transfer sorgt für Dassendorfer "Gänsehaut"

Für Martin Harnik muss dies alles nach 13 Jahren als Profi ein Kulturschock sein. Doch der 68-malige österreichische Nationalspieler, der seinen Vertrag beim Bundesligisten Werder Bremen am Vortag aufgelöst hatte, fühlt sich in der neuen Umgebung sichtbar wohl. Er unterhält sich angeregt und flachst mit den anderen Akteuren, bevor er sich ihnen - der Ghettoblaster ist inzwischen verstummt - als Neuzugang vorstellt. Nach 240 Bundesliga-Einsätzen und 83 Partien in der Zweiten Liga hat der Angreifer einen Schlussstrich unter seine Laufbahn als Berufsfußballer gezogen und geht künftig für den Dorfclub in der Oberliga auf Torejagd - eine Sensation im Hamburger Amateurfußball. "Ich bin gespannt, wann meine Gänsehaut aufgrund dieses Transfers wieder verschwindet", sagt TuS-Ligamanager Alexander Knull.

"Eigentlich kam nur noch der HSV infrage"

Coach Jean-Pierre Richter und Neuzugang Martin Harnik (v.l.) von der TuS Dassendorf © Hanno Bode Foto: Hanno Bode
TuS-Coach Jean-Pierre Richter kennt Harnik (r.) aus seiner Zeit beim SC Vier- und Marschlande.

Knull ist großer Fan des Hamburger SV. Des Clubs also, für den Harnik in der vergangenen Serie auf Leihbasis stürmte. Leider nicht mit dem erhofften Erfolg. Der Aufstieg misslang, sodass die Kaufoption für den 33-Jährigen verfiel. Er kehrte zu Werder zurück, wurde beim Bundesligisten mangels sportlicher Perspektive aber bald darauf vom Training freigestellt. Am vergangenen Wochenende wurde der noch ein Jahr gültige Kontrakt aufgelöst. Am Montagabend räumte Harnik dann einen kleinen Spind in der Dassendorfer Turnhalle ein.

"Ich wollte in erster Linie wieder Fußball spielen. Meine Optionen waren auf eigenen Wunsch sehr begrenzt, weil meine Familie und ich jetzt hier sesshaft werden wollen. Deshalb kam fairerweise eigentlich nur noch der HSV für mich infrage. Die Option hat sich aber nicht mehr geboten. Und so war für mich klar, dass der nächste Schritt Dassendorf ist", erklärte der zweimalige Europameisterschafts-Teilnehmer.

Harnik hat seine Wurzeln nie vergessen

Harnik, der 2006 gemeinsam mit Max Kruse vom SC Vier- und Marschlande nach Bremen gewechselt war, beginnt in Bälde mit dem Bau eines Eigenheims im Hamburger Südosten. Er und seine Frau betreiben hier auch eine Pferdezucht. Dass sie nach dem Ende der Profikarriere des Stürmers wieder aufs platte Land zurückkehren würden, war immer klar. Der in Kirchwerder aufgewachsene Harnik hat seine Wurzeln nie vergessen, unterstützt seinen Jugendclub SCVM seit vielen Jahren mit Equipment und auch finanziell. Die frühere A-Jugend des Vereins, die 2006 sensationell in die Bundesliga aufstieg, unterhält noch heute eine WhatsApp-Gruppe, "in der viel Blödsinn geschrieben wird", wie der 33-Jährige berichtet. Neben ihm und Kruse ist dort unter anderem auch Jean-Pierre Richter Mitglied. Sein ehemaliger Mannschaftskamerad ist nun sein Trainer.

Gemeinsam mit Schwager Maggio auf Torejagd

Martin Harnik (l.) und sein Schwager Mattia Maggio beim Training der TuS Dassendorf. © Hanno Bode Foto: Hanno Bode
Harnik beim Dassendorfer Training im Laufduell mit seinem Schwager Mattia Maggio.

"Natürlich ist er als Stürmer ein Hauptgewinn für jeden Verein, und ich speziell freue mich besonders auf den Typen Martin Harnik in der Kabine und auf dem Platz", sagt Richter. Doch nicht nur wegen "Jonny", wie der Coach gerufen wird, hat sich der Ex-Nationalspieler für ein Engagement bei der TuS entschieden. "Ich habe mit Mattia Maggio meinen Schwager im Team und mit Rinik Carolus habe ich noch in der Hamburger Auswahl zusammengespielt. Es gab viele Gründe, dann hier anzukommen. Und ich bin auch vom Konzept hier überzeugt und finde, dass die Mannschaft echt guten Fußball spielt", erklärt Harnik.

Frühzeitig zweites Standbein aufgebaut

Bramfeld statt Bayern und Meiendorf statt Mönchengladbach heißt es nun also für den Champions-League-erfahrenen Fußballer, dem bis zuletzt interessante Angebote aus dem Profibereich vorgelegen hatten. "Ich hätte mir die Erste oder Zweite Liga definitiv noch zugetraut, habe mir die Optionen aber selbst begrenzt", sagt der frühere Hannover-96-Torjäger. Es kam ihm bei seiner Entscheidung, die Profikarriere zu beenden, auch zugute, dass er sich frühzeitig ein zweites Standbein neben dem Fußball aufgebaut hat.

Er ist Gesellschafter der Firma "Party Helden", betreibt gemeinsam mit Daniel Ginczek (VfL Wolfsburg) in Stuttgart den Gourmet-Fleischtempel "Meat Club" und ist nun auch in die Pferdezucht eingestiegen. Langweilig wird es dem Hunde-Liebhaber also bestimmt auch nach seinem Ausstieg aus der Unterhaltungsindustrie Profifußball nicht.

Bremens Davy Klaassen © picture alliance/Carmen Jaspersen/dpa Foto: Carmen Jaspersen

AUDIO: Überstunden in Bremen wegen Transferfenster (2 Min)

"Habe definitiv noch Nachholbedarf"

Apropos Langeweile: Diese kommt auch bei Harniks erstem Training nicht auf. Bereits nach wenigen Minuten müssen er und seine neuen Teamkameraden die Platzseite tauschen. "Wir sollen die hier nicht kaputttreten", ruft Coach Richter seinen Schützlingen zu. Also werden flugs die Tore über die Mittellinie geschleppt. Beim Spiel sechs gegen sechs ist Harnik freier Mann. "Ich habe definitiv noch Nachholbedarf", erklärt der 33-Jährige. Zuletzt hatte er sich individuell fitgehalten. Verlernt hat er aber definitiv nichts. Ein paar Tore schlagen für ihn nach der Übungseinheit zu Buche.

Dann endet der Abend bei Ghettoblaster-Gedröhne und Bier in der kleinen Umkleidekabine. Auch als Ex-Bundesliga-Star ist Harnik von den "Pflichten" eines Amateurfußballers nicht entbunden: Er muss zu seinem Einstand eine Kiste Gerstensaft ausgeben.

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Dieses Thema im Programm:

Sport aktuell | 06.10.2020 | 08:25 Uhr

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