Stand: 04.05.2020 09:15 Uhr  - Sportclub

Lemke: Geisterspiele wichtig - aber "großes Wagnis"

von Andreas Bellinger, NDR.de

Der Schreck war ihm ordentlich in die Glieder gefahren. "Blümerant", wie bei den Bildern von Werders Meisterschaft vor 32 Jahren, mag Willi Lemke geworden sein, als der frühere Manager und Aufsichtsratschef die bedrohliche Lage der Grün-Weißen in Zahlen und Fakten vor sich sah. "Da müssen wir uns alle, die wir den Verein lieben, große Sorgen machen", sagt der 73-Jährige und seine für gewöhnlich optimistische Miene verfinstert sich beim Besuch im NDR Sportclub für einen Moment. Grund für das flaue Gefühl in Lemkes Magengegend ist die Summe von 45 Millionen Euro, die Werder Bremen bei einem Abbruch der Bundesliga-Saison fehlen würde. Bei aller Kritik, die er an der Branche übt, will er daher quasi aus Solidarität sogar Geisterspielen ("Fußball ohne Seele") etwas abgewinnen.

Lemke über Geisterspiele: Keine Seele, aber nötig

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Ex-Werder-Manager Willi Lemke über Sinn und Unsinn von Geisterspielen, die angespannte Bremer Finanzlage, Fehler in der Vergangenheit und Lösungen für die Zukunft.

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Werder braucht erstmals Kredite

Schlimme Zeiten sind das für die Bremer, die sich wie viele Konkurrenten als "Opfer" der Corona- Pandemie sehen. "Wir haben nicht schlecht gewirtschaftet", sagt der kaufmännische Geschäftsführer der Hanseaten, Klaus Filbry, und beziffert die Mindereinnahmen selbst bei einer Fortsetzung der Spielzeit mit Geisterspielen, über die Bund und Länder am Mittwoch beraten wollen, auf 15 bis 20 Millionen Euro. Eine existenzbedrohende Prognose für den Club, der sich eigentlich der soliden hanseatischen Kaufmannstradition verpflichtet fühlt. Um eine Zahlungsunfähigkeit abzuwenden, müsse Werder erstmals seit der Ausgliederung der Profiabteilung im Jahr 2003 Kredite aufnehmen, kündigt Filbry an. Mit den Banken sei es gelungen, die Liquidität bis zum Frühherbst zu sichern.

Relegation - mehr ist wohl nicht drin

"Wir werden Schulden machen müssen, die erstmals auch langfristiger angelegt sind", so Aufsichtsratschef Marco Bode.

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Die Corona-Krise habe den Tabellen-Vorletzten vor Probleme gestellt, die niemand erwarten konnte, sagt Lemke: "Die Situation ist ernst." Zusammenhalten und nie die Bodenhaftung verlieren, "wie das bei einigen anderen Vereinen und Spielern der Fall ist", sei das Gebot der Stunde. Die Geschäftsführung und der Aufsichtsrat seien gefordert, neue Wege zu finden, wie sie die Krise meistern können. Das Wichtigste aber sei, so Lemke, "in die Spiele reinzugehen, alles zu geben, Gras zu fressen - und die Relegation zu schaffen. Mehr ist wohl nicht mehr drin, auch wenn ich weiß, dass Florian (Trainer Kohfeldt /d.Red.) beweisen will, dass sein Team besser ist als Tabellenplatz 17." Die Hanseaten setzen bei der Vorbereitung auf einen möglichen Bundesliga-Neustart auch auf Mentaltrainer Jörg Löhr, der bereits bei Schalke 04 und dem FC Augsburg tätig war. "Es geht jetzt generell auch darum, sich für ein Szenario mit Geisterspielen aufzurüsten", so der ehemalige Handball-Nationalspieler.

Lemke: "Wir brauchen diese Geisterspiele"

"Definitiv schauen wir uns die Kostenseite extrem an", sagt Bode: "Und zwar an allen Kostenstellen." Vieles gelte es, auf den Prüfstand zu stellen, so Lemke. "Vor allem brauchen wir dringend Sponsoren", mahnt der 73-Jährige und lässt durchblicken, dass Volkswagen Werder möglicherweise nicht länger sponsern werde. Sind Spiele ohne Zuschauer alternativlos? "Wenn wir es nicht machen, wären die Sorgen und Nöte der Geschäftsführung noch größer als ohnehin schon. Wir brauchen diese Geisterspiele." Doch der Plan ist fragil, wie die drei positiven Tests beim 1.FC Köln am Wochenende zeigen. "Wenn sowas häufiger passiert, müssen wir schlimmstenfalls damit rechnen, dass die Politik und die Gesundheitsämter sagen: 'Also Leute, wir haben es versucht, aber es geht nicht.'" Trotz des guten Konzepts, das die Deutsche Fußball Liga (DFL) vorgelegt habe, "ist es ein großes Wagnis".

Fans anpumpen das "falsche Signal"

Der einst findige Manager macht keinen Hehl daraus, dass auch ihm keine Patentlösungen einfallen. Die Fans quasi via Eintrittskarten anzupumpen, indem diese auf die veranschlagten acht Millionen Euro für die Rückerstattung aller Tickets verzichten, sei jedenfalls keine gute Idee. "Unangemessen" und das "falsche Signal" nennt es Lemke bei Radio Bremen. Werders Verantwortliche reagierten prompt. Die Kosten würden selbstverständlich erstattet. Man freue sich aber, wenn der Kaufpreis nicht zurückgefordert werde. Zwölf Prozent des Ticketpreises werde man dann an SOS-Kinderdörfer überweisen. Jahreskarten-Besitzer sollen überdies "ein Paket mit einem hohen ideellen Wert sowie ein ganz besonderes Event mit der Mannschaft" bekommen. Was sich genau dahinter verbirgt, verrieten die Bremer noch nicht.

Profi-Fußball hat Werte verloren

Vorbildlich nennt Lemke das Bemühen um Transparenz. Ein wichtiger Aspekt im Zusammenspiel mit den Fans. Angesprochen auf die Auswüchse im deutschen Profi-Fußball, wirkt der einstige Bremer Innen- und Bildungssenator jedoch ungehalten. "Goldene Steaks, 17 teure Autos auf dem Hof, eingeflogene Friseure - verwöhnte und viel zu hoch bezahlte Profis gefährden die Zukunft der Bundesliga", wird Lemke in den Zeitungen des Schleswig-Holsteinischen Zeitungsverlages zitiert. Einem Großteil der Clubs sei die Bodenhaftung verloren gegangen. Unfassbar für den langjährigen Sonderberater Sport der Vereinten Nationen (UN). "Die Werte des Profifußballs müssen wieder sichtbar werden."

Thema Gehaltsverzicht

Und was ist mit dem Solidargedanken? Für Lemke ein Thema, das auch die Spieler betrifft.

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"Statt dem einzelnen Zuschauer bezüglich der Tickets vorzurechnen: 'Du, wir müssen die Gehälter pünktlich bezahlen, sonst kriegen wir ein Problem'", sollte die Höhe eben dieser Gehälter thematisiert werden. Auch die des Tabellen-17. aus Bremen. Zwar verzichten die Werder-Profis auf - dem Vernehmen nach - zehn bis zwanzig Prozent ihrer Gehälter bis zum Saisonende (drei Monate). Was Lemke aber durchaus relativiert: "Wenn die Gehälter der Werder-Spieler circa 58 Millionen Euro ausmachen und man die kolportierten zehn Prozent umrechnet, sind das 2,5 Prozent des Jahreseinkommens eines Bundesligaprofis." Verteidiger Ludwig Augustinsson hat angekündigt, dass die Spieler bereit zu weiteren Verhandlungen sind. Für die Bremer wäre das alternativlos, wenn sie die ausstehende TV-Rate (15 Millionen Euro) abschreiben müssen. "Sollte die Saison abgebrochen werden, würden wir dem Verein natürlich weiterhelfen", so der schwedische Nationalspieler.

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Sportclub | 03.05.2020 | 22:30 Uhr