Stand: 22.06.2020 09:43 Uhr

Lemke: Alles auf den Prüfstand - auch Werder-Coach Kohfeldt

von Andreas Bellinger, NDR.de

Die sportliche Katastrophe vor Augen, hängt in der viel zitierten Werder-Familie der Haussegen nun doch gewaltig schief. Wenn nicht alles täuscht, hat die desolate Vorstellung in Mainz (1:3) die Harmonie im beschaulichen Bremen endgültig zerstört. Selbst Trainer Florian Kohfeldt, der die 19. Niederlage der Grün-Weißen im 33. Saisonspiel ungewohnt ratlos mit einer öffentlichen Kritik an seinen Spielern garnierte ("Wir haben genug Chancen gehabt, die Gegentore zu verteidigen; es aber auch im 33. Spiel wieder nicht geschafft."), scheint seinen Kredit in der Hansestadt verspielt zu haben. "Ich erwarte eine ziemlich heftige Diskussion, warum dieser stolze Verein nach der wunderbaren letzten Saison so abgestürzt ist", sagte Ex-Manager Willi Lemke im NDR Sportclub.

In Treue zum Trainer in die Sackgasse

Ein Thema dürfte dann auch sein, warum sich Werder nach der verkorksten Hinrunde nicht von Kohfeldt getrennt hat. "Ich halte mich da auch heute noch raus", sagte Lemke, der im Jahr nach dem ersten Abstieg 1980 bei den Bremern angeheuert und die Geschicke des vierfachen Meisters über viele Jahre mitgestaltet hat. Zugleich gibt der frühere Sonderberater von UN-Generalsekretär Ban Ki-moon zu bedenken: "Wir sind gelobt worden in großen Teilen der Bundesliga, dass unsere Führungsriege gesagt hat: Wir stehen in Treue fest zu unserem Trainer." Während der eigenwillige Werder-Weg aber zur Sackgasse wurde, holte sich die Konkurrenz aus Augsburg, Mainz, Köln und Düsseldorf mit neuem Coach auch neuen Schwung. Selbst der FC Bayern München fand erst in die Erfolgsspur zurück, als Hansi Flick den glücklosen Niko Kovac abgelöst hatte.

Opposition gegen Aufsichtsratschef Bode?

"Ich bin Werderaner durch und durch", so Lemke. "Aber es ist eine ganze Menge nicht so gelaufen, wie wir es uns vorgestellt haben." Überdies berichtet die "Welt", dass eine Opposition offenbar die Ablösung von Aufsichtsratschef Marco Bode vorantreibt. Wie er und Kohfeldt steht auch Sportchef Frank Baumann in der Kritik. Ihm werden eine verfehlte Kaderplanung und die Trainer-Entscheidungen für Skripnik-Nachfolger Alexander Nouri und nun auch Kohfeldt angelastet. "Alles", so Lemke, "muss auf den Prüfstein, jeder Stein umgedreht werden."

"Ich kann die Situation nicht schönreden. Und doch habe ich noch ein Fünkchen Hoffnung." Willi Lemke im NDR Sportclub

Eine allerletzte Chance gegen Köln

Zwar ist der Gang in die Zweite Liga bei zwei Punkten Rückstand auf Fortuna Düsseldorf noch nicht besiegelt.

Aber wer glaubt schon ernsthaft daran, dass Werder ausgerechnet beim Saisonfinale gegen Köln am Sonnabend (15.30 Uhr / im NDR Livecenter) nach neun Monaten den zweiten Heimsieg der Saison holt und sich in die Relegation rettet, weil Düsseldorf bei Union Berlin patzt? "Wir haben noch eine allerletzte Chance", sagte Lemke. Die Folgen eines Abstiegs wären nicht zuletzt mit Blick auf den Etat (120 Millionen Euro) dramatisch, zumal Geschäftsführer Klaus Filbry in der Corona-Krise bestätigte, dass Werder erstmals Bankkredite beantragen musste. "Die Situation ist schlimm - und würde im Falle des Abstiegs noch dramatischer werden", sagte Lemke im Podcast der NDR 2 Bundesligashow. Allein sinkende TV- und Sponsoren-Einnahmen würden mit einem geschätzten Minus von 50 Millionen Euro zu Buche schlagen.

Leistungsträger meilenweit von Form enfernt

Dabei will Lemke die vielen Verletzungen, die für das Trainer-Team sicher eine schwere Belastung gewesen seien, nicht als Ausrede anführen. Vielmehr müsse die Frage erlaubt sein: "Wie konnte es dazu kommen? " In der Analyse gibt es viele Baustellen, Fehler und Unzulänglichkeiten zu klären. "Max Kruse gehen zu lassen, war möglicherweise ein krasser Fehler", sagte Lemke Radio Bremen. Nicht so sehr, weil der gebürtige Reinbeker als technisch versierter Ballverteiler, aber auch Tor- und Elfmeterschütze geglänzt hatte, sondern weil er nicht adäquat ersetzt werden konnte. Überhaupt gilt der Kader als zu alt und zu langsam. Nicht nachvollziehbar ist auch, warum die Leistungsträger meilenweit von ihrer Form entfernt sind und Baumann in der Not Spieler ausleihen durfte, die den Ansprüchen nur bedingt genügen.

Baumann: "Werden nie aufgeben"

"Jetzt ist es schwer, den Klassenerhalt noch über die Relegation zu realisieren", sagte Kohfeldt nach dem Mainz-Debakel - und seine Körpersprache offenbarte eine vom Optimismus entleerte Gemütslage. Während Kapitän Niklas Moisander ("Wir haben noch Hoffnung, das ist die Botschaft, die wir haben.") die Realität weiter zu verdrängen suchte, übte sich Baumann in finalen Durchhalteparolen: "Wir werden nie aufgeben und mit allem Engagement in das letzte Spiel reingehen, um das kleine Wunder zu schaffen." Und Willi Lemke? "Ich kann die Situation nicht schönreden", sagte er im Sportclub. "Und doch habe ich noch ein Fünkchen Hoffnung."

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Sportclub | 21.06.2020 | 22:30 Uhr

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