Stand: 16.07.2020 17:14 Uhr

Leitfaden für Fan-Rückkehr: St. Pauli vor Problemen

Die Rückkehr von Fans in die Fußballstadien wird zu einem realistischen Szenario - zumindest auf dem Papier. Die Deutsche Fußball Liga (DFL) hat den Clubs der Bundesliga und Zweiten Liga einen Leitfaden zugeschickt, nach dem in der Corona-Krise lokale Konzepte für die jeweiligen Standorte erstellt werden sollen - unter medizinischer Begleitung und in Abstimmung mit den jeweiligen Gesundheitsbehörden. Eine Mammutaufgabe für die Sommerpause, denn die Gegebenheiten sind bei den 36 Clubs extrem unterschiedlich. Für größere Clubs wie die Bundesligisten VfL Wolfsburg und Werder Bremen oder auch Zweitligist Hamburger SV dürften die Empfehlungen deutlich leichter umzusetzen sein als für Clubs mit kleineren Stadien und kritischer Infrastruktur.

St. Pauli und Holstein: Mehr Kosten als Ertrag?

So könnte es sein, dass Zweitligist FC St. Pauli im Millerntorstadion noch längere Zeit ohne Zuschauer auskommen muss. Knackpunkt ist nach einem Bericht von NDR 90,3 die im Leitfaden vorgeschlagene Auslastung der Tribünen mit Abstandsregel. Laut DFL-Papier könnten im besten Fall bis zu 50 Prozent der Sitzplätze belegt werden, bei den Stehplätzen - wenn sie überhaupt zugelassen werden - aber nur etwa zwölf Prozent. Umgerechnet auf das Millerntorstadion mit sehr vielen Stehplätzen, könnten von den üblichen 30.000 Fans demnach nur etwa knapp 9.000 ins Stadion. Das dürfte die Kosten kaum decken.

Ähnlich sieht es bei Holstein Kiel aus: Das Stadion fasst 15.034 Zuschauer, davon können 9.000 stehen. Folglich dürften nur rund 4.150 Zuschauer eingelassen werden. Die geringeren Ticketeinnahmen müssen mit dem finanziellen Aufwand für Sicherheit, Versorgung und Stadionreinigung verrechnet werden. In manchen Stadien sind Geisterspiele die bessere Alternative.

HSV könnte 25.000 Fans zulassen

Überprüft werden soll laut Leitfaden auch, ob Zuschauer personalisierte Tickets erhalten sollten, damit der Verein Adresse und Telefonnummer speichern kann, um Infektionsketten zu verfolgen. Um Gedränge vor den Stadiontoren zu vermeiden, sollen die Fans Zeitfenster für die Anreise erhalten. Den HSV würden die Vorgaben wohl weniger hart treffen. Alle Stehplätze im Volksparkstadion können zu Sitzplätzen umgebaut werden. Im besten Fall könnte der HSV dann knapp 25.000 Fans ins Stadion lassen.

Die DFL teilte mit, dass der Leitfaden vorab dem Bundesgesundheitsministerium zur Bewertung vorgelegt worden sei. Ein Ministeriumssprecher sagte in Berlin, das DFL-Konzept berücksichtige "wesentliche Aspekte des Infektionsschutzes". Eine Rückkehr von Fans ist erst ab einem lokalen Infektionsgeschehen von unter 35 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner in den vergangenen sieben Tagen vorgesehen.

Experten wie der Virologe Jonas Schmidt-Chanasit vom Bernhard-Nocht-Institut in Hamburg hatten sich bereits skeptisch zu größeren Menschenansammlungen in Stadien in dieser Phase der Pandemie geäußert. Auch Niedersachsens Innenminister Boris Pistorius (SPD) sagte, er halte eine Öffnung der Stadien bereits im September für verfrüht.

Die wichtigsten Empfehlungen aus dem DFL-Leitfaden
AuslastungDer Mindestabstand von 1,5 Metern soll eingehalten werden. Die Tribünen könnten maximal zu 50 Prozent ausgelastet werden. Ob es Stehplätze geben kann, ist offen.
AnreiseZu Fuß, mit dem Fahrrad, mit dem Auto. Problem: Sollten zu viele Fans mit dem eigenen Pkw kommen, könnten Parkplätze knapp werden.
TicketsOnlineverkauf - um Schlangen vor Tageskassen zu vermeiden. Eine Erfassung von Käuferdaten könnte zudem die Nachverfolgung von Infektionsketten erleichtern.
Ein-/AuslassEs soll verschiedene Zeitfenster geben. Die Anzahl der Drehkreuze wird reduziert.
KontrollenDas Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes soll beim Einlass kontrolliert werden. Die Clubs sind gehalten, Masken zum Verkauf oder kostenlos anzubieten.
Toiletten"Einbahnsystem" und begrenzte Personenzahl. Mobile Toiletten rund um die Stadien.
CateringVerzehr von Essen und Getränken nur am eigenen Platz. Alkoholverbot wird empfohlen.
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Sport | 16.07.2020 | 07:00 Uhr

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