Stand: 27.09.2019 15:15 Uhr

Fritz Keller: Ein Genussmensch für die Hartplätze

Fritz Keller ist neuer Präsident des Deutschen Fußball-Bundes (DFB). Der 62 Jahre alte Gastronom und Club-Chef des SC Freiburg wurde von den Delegierten des DFB-Bundestags am Freitag in Frankfurt zum Nachfolger von Reinhard Grindel gewählt. Bundestrainer Joachim Löw bescheinigte ihm "Professionalität, Bodenständigkeit und eine tolle Führungskultur".

Ein Kommentar von Holger Kühner, SWR

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Der neue DFB-Präsident Fritz Keller müsse auch rasch zwischen dem FC Bayern und dem Rest der Fußball-Republik vermitteln, meint Holger Kühner.

Fritz Keller ist ein Genussmensch. Erfolgreicher Gastronom, Weinhändler und Winzer des Jahres 2019. Sein Gastro-Imperium hat er sich hart erarbeitet. Groß geworden im Betrieb von Vater Franz, als Jugendlicher ohne erkennbare Freizeit. Selbst ein Magazin für Genuss und Lebensstil schrieb vergangenes Jahr: "Es war eine Jugend, die sich auch mit reichlich Abstand nicht verklären lässt". Einem Fritz Keller muss also keiner mehr was vormachen.

Die Lachshäppchen im VIP Bereich werden seinem Verständnis von gutem Geschmack eher widersprechen. Er braucht das nicht. Auch das macht ihn unabhängig - und hoffentlich zu einem streitbaren Geist im Fußball. Nicht nur große Reden schwingen wie einer seiner Vorgänger Reinhard Grindel, der seine bescheidene Bundestagskarriere beendete, um als meinungsflexibler DFB-Präsident rumzueiern. Keller wird eine andere Kultur pflegen.

Ein Präsident für die Amateure und Profis

Neben seinen ausgezeichneten Spitzenweinen erzeugt er mit Winzern vom Kaiserstuhl auch Wein für den Discounter Aldi - nach "handwerklichen Kriterien" wie er sagt. Monatelang wollten deswegen manche nicht mit ihm reden. Keller sagte, er wolle "hochwertigen Wein erzeugen, den sich jeder leisten kann". Übertragen auf den neuen Job als Chef des DFB könnte das heißen: Keller kann Champions League und ist kreativ genug, um auch den Amateuren zu helfen. Dort wo Spitzenleistungen gefordert sind, wird er nicht nachgegeben. Dort wo Kinder- und Jugendliche dribbeln und schießen lernen, wo ihnen Regeln und Werte vermittelt werden, da muss in der Breite viel Geld kreativ investiert werden in gut ausgebildete Trainerinnen und Trainer. Die Hartplätze der Amateure sind die Discounter des Weinhändlers.

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Fritz Keller zum neuen DFB-Präsidenten gewählt

Fritz Keller ist neuer Präsident des Deutschen Fußball-Bundes. Der 62-Jährige soll den DFB nach vielen Skandalen in eine bessere Zukunft führen. Mehr bei sportschau.de. extern

Fritz Keller muss auch versöhnen

Ich würde mir wünschen, dass sich Keller als sportpolitischer Freigeist positioniert. Für guten Fußball ohne Schauspieler, die nach einem Schubser schmerzverzerrt gleich übers halbe Spielfeld rollen. Diesem geschmacklosen Treiben kann Keller vermutlich gar nicht so schnell Einhalt gebieten. Er muss allerdings rasch lernen, in der Öffentlichkeit zu sprechen, auch mal deutlich. Keller könnte beispielsweise Vereine ermutigen, auf die Mitbestimmung von vermeintlichen Fans zu verzichten, wenn die glauben, man könne Hassplakate im Stadion aufhängen und Leuchtfeuer abfackeln, weil das halt im Fußball dazugehört. Tut es eben nicht.

Keller muss aber erst einmal versöhnen. Das Verhältnis zwischen den Fans und der Nationalmannschaft hat nach der WM in Russland und dem Aus schon nach der Vorrunde schwer gelitten. Fritz Keller wird weniger Macht haben, als seine Vorgänger. Deshalb muss genau er den Reformprozess im DFB steuern, sonst läuft er als Präsident Gefahr, nur noch zu repräsentieren, statt zu agieren.

Rasch vermitteln muss Keller zwischen dem FC Bayern und dem Rest der Fußball-Republik. Er wird dabei aber lieber zu einem leichten Weißburgunder einladen, statt sich mit dem Maßkrug in der Hand, den Bierschaum vom Mund zu wischen und ein (hoeness-)hohles Mia san mia hinauszuposaunen. Keller sagt, wenn er ein bisschen dazu beitragen könne, dass der Fußball wieder so wahrgenommen werde wie er wirklich sei, wie er auf und neben den Plätzen gelebt werde, dann tue er das gerne. Klingt nach ungewohnter Bescheidenheit. Auch das fehlte dem Fußball lange.

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NDR Info | Kommentar | 27.09.2019 | 17:08 Uhr