Stand: 30.06.2020 14:30 Uhr

Kommentar: Der HSV braucht Visionen und Geduld

Die Aussichten des HSV auf eine baldige Rückkehr ins Fußball-Oberhaus sind alles andere als rosig. Denn noch immer fehlen dem Club, der nun das dritte Jahr nacheinander in der Zweiten Liga spielen muss, eine nachhaltige Philosophie und das richtige Führungspersonal.

Ein Kommentar von Sebastian Ragoß

Bild vergrößern
NDR Journalist Sebastian Ragoß kommentiert.

Vor der Saison hatten die Hanseaten die komplette sportliche Führung und einen Großteil der Mannschaft ausgetauscht. Doch einen Kulturwandel hat dies beim Ex-Bundesliga-Dino nicht bewirkt. Noch immer stehen beim HSV Aufwand und Ertrag in krassem Missverhältnis. Und noch immer zeichnet sich der Club durch eine bemerkenswert uninspirierte Transferpolitik aus, die reihenweise Profis mit langer Verletzungshistorie nach Hamburg gebracht hat. Mittlerweile hat der HSV einen Kader, in dem kein Spieler mehr mit überdurchschnittlichem Marktwert steht.

Multimedia-Doku

Als der HSV in der Bundesliga spielte

55 Jahre spielte der Hamburger SV erstklassig, bevor er aus der Bundesliga abstieg. Ein Rückblick auf bewegte Zeiten in der Beletage des deutschen Fußballs. mehr

Es fehlt eine Gesamtstrategie

Nach wie vor braucht der HSV jedoch mehr als alles andere eine Gesamtstrategie und Führungspersonal, das gemeinsam und unprätentiös am Erfolg arbeitet. Fast schon vergessen ist, dass zu Beginn der Corona-Krise ein öffentlich ausgetragener Machtkampf zur Absetzung von Vorstandsboss Bernd Hoffmann führte. Ein Nachfolger ist noch nicht gefunden. Eine typische Entscheidung wäre, Aufsichtsratschef Marcell Jansen zum AG-Vorsitzenden zu befördern.

Weitere Informationen

HSV: Boldt will Hecking halten - will der auch?

Nach dem großen Scheitern will Sportvorstand Jonas Boldt einen atypischen HSV-Weg einschlagen und Dieter Hecking halten. Doch der Trainer wird Bedingungen stellen, und die Finanzlage ist prekär. mehr

Jansen gilt als Protegé von Investor Klaus-Michael Kühne. Der Milliardär war zuletzt auffallend zurückhaltend. Dies kann sich aber jederzeit ändern. Ein Interview von Kühne, in dem er offen Kritik an handelnden Personen äußert, könnte nicht zum ersten Mal personelle Rochaden in Gang setzen. Zu sicher sollten sich deshalb auch Sportvorstand Jonas Boldt und Trainer Dieter Hecking nicht sein, obwohl beide grundsätzlich auch die kommende Saison gern verantworten würden.

Corona-Krise trifft HSV finanziell hart

Die Aufgaben sind - für wen auch immer - riesig: Die Corona-Krise trifft den finanziell ohnehin angeschlagenen HSV hart.

Weitere Informationen

Der Hamburger Patient

Gedemütigt von Sandhausen, gescheitert im Aufstiegsrennen: Der HSV blickt nach der verpassten Bundesliga-Rückkehr in eine ungewisse Zukunft. Vieles deutet auf einen längeren Zweitliga-Aufenthalt hin. mehr

Weitere Einsparungen werden nötig sein, zumal relevante Transfereinnahmen kaum zu erzielen sind und auch Kühne wohl nicht mehr seine Schatulle öffnen wird. Zudem scheint bei vielen Fans ein Entfremdungsprozess eingesetzt zu haben; auch wenn Boldt jüngst die verblüffende Einschätzung "wir bekommen unglaublich viel Anerkennung, nicht nur aus dem Hamburger Raum, sondern aus ganz Deutschland" zu Protokoll gab.

Tatsächlich muss sich der HSV Anerkennung erst wieder erarbeiten, in einem langen Prozess, der Geduld und Visionen erfordert. Neu ist diese Erkenntnis wahrlich nicht. Doch in die Praxis umgesetzt hat sie eben auch noch niemand beim Hamburger SV.

Kommentar

Der schlechteste HSV aller Zeiten

Der Hamburger SV hat den Sprung in die Relegation verpasst. Man wird sich in den nächsten Jahren daran gewöhnen müssen, dass der HSV ein Zweitligist ist, meint NDR Sportchef Gerd Gottlob in seinem Kommentar. mehr

Dieses Thema im Programm:

Sportclub | 28.06.2020 | 22:30 Uhr