Stand: 07.05.2018 10:00 Uhr

Kiels Sportchef Becker: "Wir haben noch was vor"

von Andreas Bellinger, NDR.de

Es gibt bestimmt unangenehmere Anlässe, zum sonntäglichen Stelldichein im NDR Sportclub zu erscheinen. Holstein Kiels Sportchef Ralf Becker hatte sich einen Sahnetag ausgesucht und durfte "ein Stück weit stolz" die wohlwollende Begrüßung der Zuschauer genießen. Den direkten Aufstieg haben die Kieler zwar verpasst, doch die Relegationsspiele zur Fußball-Bundesliga sind den Schleswig-Holsteinern nach dem 1:1 bei Zweitliga-Spitzenreiter Fortuna Düsseldorf bereits vor dem letzten Spieltag nicht mehr zu nehmen. Ein Lächeln ja, aber bloß keine übermäßige Freude zeigen, schien sich der Geschäftsführer Sport der KSV Holstein verordnet zu haben. Schließlich sei die Runde noch nicht vorbei. Becker: "Wir haben noch was vor."

Geschenke verteilen "gehört sich nicht"

Als Aufsteiger gestartet, haben die "Störche" schon jetzt "Außergewöhnliches geleistet", sagt Becker: "Nun werden wir alles dafür tun, in 15 Tagen vielleicht ein Erstligaverein zu sein." Der Weg, erster Fußball-Bundesligist aus dem Land zwischen Nord- und Ostsee zu werden, ist das Ziel. Vorher geht es allerdings im letzten Saisonspiel noch einmal um die sportliche Existenz - jedenfalls um die des Gegners aus Braunschweig. Während die Partie für die KSV tabellarisch ohne Bedeutung ist, kämpfen die Niedersachsen um den Verbleib in der Zweiten Liga. Trotz allen Mitgefühls mit der Eintracht, die vor einem Jahr in der Relegation den Sprung in die Eliteliga knapp verpasst hatte, werden keine Geschenke verteilt: "Das gehört sich nicht; das sind wir der Liga schuldig", sagt Becker und fordert: "Volle Konzentration bis zum Schluss der Runde." 

Großer Umbruch nicht geplant

Überhaupt zeige das Beispiel Braunschweig, wie dicht Erfolg und Misserfolg beieinander liegen können. Becker weiß das auch aus seiner wechselvollen Profilaufbahn, die ihn unter anderem zu Bayer Leverkusen und zum FC St. Pauli in die Bundesliga geführt hat. 149 Spiele als Profi bestritt der 47-Jährige aus Leonberg. 2016 gab er seinen Posten als Chefscout des VfB Stuttgart auf und heuerte beim damaligen Drittligisten von der Förde an. Den noch eher unbekannten Markus Anfang holte er von Leverkusens U17. Doch der Coach wechselt im Sommer zum 1. FC Köln. Egal, ob Aufstieg oder nicht: Die Position des Trainers gilt es nun ebenso erfolgreich neu zu besetzen. Ansonsten soll die Mannschaft aber zusammen bleiben, ein Umbruch ist nicht geplant. "Falls wir aufsteigen", betont Becker, "hat der Kern der Mannschaft auch verdient, in der Bundesliga zu spielen."

Warten auf die "Wölfe"?

Die Nagelprobe Relegation findet am 17. (auswärts) und 21. Mai statt. Der Gegner steht noch nicht fest. "Man wünscht es ja keinem, aber einer kommt auf uns zu", sagt Becker. Der Hamburger SV werde es wohl nicht, der SC Freiburg auch nicht. "Von der Wahrscheinlichkeit her wird es vermutlich Wolfsburg sein." Wieder die "Wölfe", die vor zwölf Monaten Eintracht Braunschweig im Weg standen? Fest steht: Die Entscheidung in der Relegation wird im Holstein-Stadion fallen. In jenem Stadion, das laut Deutscher Fußball Liga (DFL) nicht erstligatauglich ist und deshalb umgebaut werden muss. Die Spielstätte fasst derzeit 12.000 Zuschauer, gefordert sind mindestens 15.000 Plätze, von denen 8.000 Sitzplätze sein müssen. Becker: "Ich hoffe, dass wir das noch irgendwie hinbekommen." Ein Umzug für die kommende Saison scheint dennoch unumgänglich zu sein, weil die Arbeiten mindestens bis Sommer 2019 dauern werden.

"Spielen herausragende Runde"

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Der Hamburger SV (Volksparkstadion) hat bereits abgelehnt. Wohin die Reise im Falle des Aufstiegs geht, ob ins Stadion des FC St. Pauli oder das von Hansa Rostock, verriet Becker im Sportclub-Gespräch nicht. "Wir wünschen uns natürlich, im eigenen Stadion zu spielen", sagt er und umschifft konsequent auch alle Fragen zu stetig gestiegenen Begehrlichkeiten am Holstein-Team. "Das kommentieren wir nicht", so Becker, der selbst trotz eines bis 2019 datierten Vertrags bei anderen Clubs im Fokus stehen soll. "Wir wissen, was wir an Ralf Becker haben, aber er weiß auch, was er an Holstein hat", sagt Finanz-Geschäftsführer Wolfgang Schwenke zur Zukunft des Sportchefs.

Ob HSV-Trainer Christian Titz die Vorzüge eines noch familiären Clubs auch bald genießen will? Der 47-Jährige wird in verschiedenen Medien als Anfang-Nachfolger gehandelt. Becker lächelt und bleibt seiner Linie treu: "Wir wissen, wer wir sind. Wir spielen eine herausragende Runde, aber noch sind wir nur ein kleiner Zweitligaverein. Mit dieser Thematik beschäftigen wir uns nach der Saison."

Dieses Thema im Programm:

Sportclub | 06.05.2018 | 23:00 Uhr