Stand: 09.03.2020 10:12 Uhr

Trainerin Wübbenhorst: Angriff auf eine Männer-Bastion

von Andreas Bellinger, NDR.de
Trainerin Imke Wübbenhorst © Fußball Imke Wübbenhorst
Imke Wübbenhorst will als Trainerin in die Männer-Bundesliga.

Imke Wübbenhorst hat als erste Frau einen Männer-Oberligisten trainiert. Nun macht die Ostfriesin eine Ausbildung zur Fußballlehrerin. Dafür hat die 31-Jährige ihr festes Einkommen als Gymnasiallehrerin aufgegeben. Ihr Ziel: die Männer-Bundesliga.

Sie hat ein große Ziel - und dafür nimmt sie allerhand in Kauf. Bisweilen schläft Imke Wübbenhorst sogar in ihrem Auto, wenn es mit einem Bett bei Freunden, Bekannten oder der Familie nicht geklappt hat. Trainerin im Profifußball will sie werden. Nicht einfach so. Nein, bei den Männern will sie sich beweisen. So wie Bibiana Steinhaus als Schiedsrichterin oder Kathleen Krüger als Teammanagerin beim FC Bayern München - allseits geachtet, auf höchstem Niveau. Nicht im Frauenfußball, weil "der noch immer nicht so wahrgenommen wird, wie man sich das wünschen würde". Für ihren Traumberuf hat die 31-Jährige aus Aurich ihr festes Einkommen als Gymnasiallehrerin aufgegeben. Warum? "Die Wertschätzung in Deutschland ist eine andere, wenn man Männer trainiert."

Kiel-Coach Werner: "Ziehe meinen Hut vor ihr"

Als einzige Frau im Lehrgang mit 23 Männern macht sie den Fußballlehrer-Schein an der Hennes-Weisweiler-Akademie in Hennef. Momentan stehen Prüfungen an. Ole Werner, der Trainer von Zweitligist Holstein Kiel ist auch dabei: "Ich ziehe meinen Hut vor ihr. Sie hat unheimlich viel drauf, fachlich und auch menschlich."

Erste Station als "billige Lösung" in Cloppenburg

Beim BV Cloppenburg hat sie dies ein halbes Jahr lang zeigen können. Als erste Frau in der Männer-Oberliga. Der Club hatte sie als "billige Lösung" geholt. Drei- bis viermal in der Woche pendelte sie aus dem eine Autostunde entfernten Bad Zwischenahn, wo sie damals noch als Lehrerin am Gymnasium arbeitete, zum Training. Auf 450-Euro-Basis - Video­analysen und Spielbeobachtungen inklusive. "Die würde ich gerne weiter selber machen und deshalb auch in der Regionalliga anfangen", so Wübbenhorst im Sportclub des NDR.

"Imke rannte gegen Mauern"

Die Spieler in Cloppenburg hatten, wie es heißt, wieder Spaß am Fußball. Kapitän Kristian Westerveld meinte im Gespräch mit der "Zeit": "Imke hat das taktisch und methodisch wirklich sehr gut gemacht. Ihr Training war hervorragend." Die Bosse aber nörgelten hinter vorgehaltener Hand. "Imke rannte gegen Mauern", sagt Tanja Schulte, sportliche Leiterin der Frauenabteilung. Den Abstieg konnte Wübbenhorst nicht verhindern. Die bei vielen "Oberen" unerwünschte Trainerin warf im Mai hin, bevor man sie rausschmeißen konnte. "Es heißt immer, dass sich Frauen nicht durchsetzen können bei so vielen Männern", sagt Wübbenhorst: "Das stimmt nicht." Vielmehr habe sie schon in der kurzen Zeit in der Oberliga gelernt, dass sich "ganz viele Männer verpissen, wenn es darum geht, Entscheidungen zu treffen".

"Als Frau muss man sich besonders beweisen"

Im Kurs von DFB-Ausbildungsleiter Daniel Niedzkowski ("Man merkt in jedem Moment, dass sie Trainerin auf höchstem Niveau werden will") wird ihr eine komplett andere Wertschätzung entgegengebracht. Die männlichen Kollegen hätten sie aber auch vor der Macht und Einstellung der Entscheidungsträger gewarnt, die einer Trainerin den Job im Männer-Fußball nicht zutrauen. "Als Frau muss man sich besonders beweisen", das sei ihr klar. Ihre Strategie gegen das Misstrauen liegt längst bereit: "Am besten macht man das, indem man fachlich was zu sagen hat."

"Menschenfänger" Klopp ein Vorbild

Nach dem "Himmelfahrtskommando" in Cloppenburg kündigte Wübbenhorst ihre Wohnung und tingelte von Praktikum zu Praktikum - lernte bei West Ham United und in Leipzig bei Julian Nagelsmann, der einst als Klassenbester in Hennef seine Karriere begann. "Julian ist klasse, fachlich überragend, aber auch menschlich." Ein Vorbild? Das sei wohl eher Jürgen Klopp. "Er schafft, dass seine Spieler für ihn durchs Feuer gehen. Es ist eine Gabe, solch ein Menschenfänger zu sein."

Ebbe im Portemonnaie

Als Lehrerin für Sport und Biologie hat sie sich beurlauben lassen - das Portemonnaie war folglich meistens leer. Ohne die Unterstützung ihres Vaters wäre der Traum von der Trainerkarriere vermutlich längst passé. Die Ausbildung in Hennef kostet sie fast 15.000 Euro Gebühr. Ohne das mit 12.000 Euro im Jahr dotierte Stipendium der Europäischen Fußball-Union (UEFA) wäre sie pleite. Aber: "In meinem ganzen Leben wollte ich eigentlich nichts anderes, als was mit Fußball zu machen." Dabei lässt sie schlagfertig auch sexistische Sprüche an sich abperlen. Einen Preis der Akademie für Fußballkultur hat sie dafür voriges Jahr bekommen.

Preis für "Schwanzlänge"-Konter

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"Ich bin Profi; ich stelle nach Schwanzlänge auf" hatte sie eine chauvinistische Frage bissig gekontert. Sie hatte gerade als Männer-Coach debütiert, und nichts schien wichtiger zu sein als die Frage, ob sie eine Sirene auf dem Kopf tragen werde, damit ihre Spieler wüssten, wenn sie in die Kabine kommt. 5.000 Euro hat sie gewonnen - und dem Trainer des Nationalteams für Menschen mit cerebralen Bewegungsstörungen gespendet. Niedzkowski: "Sie ist extrem glaubwürdig, trägt ihr Herz auf der Zunge." Was bisweilen nicht unproblematisch sei. "Da muss sie eine Balance finden", so der DFB-Ausbilder.

Im Job sollte nur Qualität zählen

"Ich bin ein emotionaler Typ, gleichzeitig aber auch total akribisch", sagt Wübbenhorst. Mitunter frage sie sich jedoch: "Jage ich etwas hinterher, das die Gesellschaft nicht akzeptiert?" Viele Mitstreiterinnen hat sie schließlich nicht. Die ehemaligen Nationalspielerinnen Sissy Raith und Inka Grings vielleicht, die in der Oberliga Niederrhein den SV Straelen trainiert. Oder in Frankreich die aktuelle Frauen-Nationaltrainerin Corinne Diacre, die einst einen französischen Männer-Zweitligisten gecoacht hat. "Jeder weiß, welche Attribute im Fußball zählen. Und die sind männlich", sagt Wübbenhorst, die in Jungen-Mannschaften gespielt hat, bevor sie 2005 zum HSV in die Frauen-Bundesliga wechselte und mit dem DFB-Nachwuchs zweimal Europameisterin geworden ist. Es sollte nach Qualität eingestellt werden und nicht nach Geschlecht, sagt sie in der Hoffnung auf ein gutes Angebot - "hoffentlich im Fußball und nicht auf der Schulbank".

Dieses Thema im Programm:

Sportclub | 08.03.2020 | 22:50 Uhr

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