Stand: 22.05.2018 18:40 Uhr

Holstein Kiel feiert die Fußball-Romantik

Holstein Kiel bleibt nach der Doppel-Niederlage in der Relegation gegen den VfL Wolfsburg weiter Fußball-Zweitligist. Doch die "Störche" haben genug Gründe, trotzdem kräftig zu feiern.

Eine Glosse von Martin Seidemann, NDR Info Sportredaktion

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106 Jahre nach der deutschen Meisterschaft feiert Holstein Kiel auch nach einer Niederlage.

1912 holte Holstein Kiel das Double. Die deutsche Meisterschaft und die deutsche Akademiker-Meisterschaft. Von einer Meisterfeier ist nichts überliefert, oder sehr wenig: ein Schwarz-Weiß-Foto nämlich. Darauf die Mannschaft - sehr ernst. Ein Lorbeerkranz - sehr stilvoll. Und die Viktoria, der Siegerpokal - sehr hübsch. Hübscher jedenfalls als die Salatschüssel, die es seit 1963 für Meisterschaften gibt. Aber: keine Bierduschen, kein goldenes Konfetti, keine Sponsoren-beflockten Meister-Shirts.

Als das Endspiel in Hamburg ausgetragen wurde ...

Die Kieler Profis laufen ins Holstein-Stadion ein. © dpa bildfunk Foto: Elmar Kremser/SVEN SIMON

Ein Hoch auf Holstein Kiel

NDR Info - Auf ein Wort -

Wir feiern trotzdem! Die Kieler "Störche" dürfen nach dem Relegations-K.o. stolz auf eine erfolgreiche Saison zurückschauen. Martin Seidemann bittet in seiner Glosse auf ein Wort.

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Schon damals hatte Holstein übrigens ein Stadionproblem. Die erste Tribüne haben sie zwar 1911 auf den Acker gesetzt, also ein Jahr zuvor. Doch das reichte dem Deutschen Fußball-Bund nicht. Das Endspiel um die deutsche Meisterschaft 1912 gegen den Karlsruher FV wurde an der Hamburger Hoheluft angepfiffen.

Gut 100 Jahre später gibt es in Kiel keine Meisterschaft zu feiern und immer noch kein Hochglanzstadion - aber sie feiern dort was anderes. Sagen wir mal: die Romantik.

Der Blick vom Balkon aufs Spielfeld

Wer als Reporter in Kiel von einem Spiel berichten will, der holt seine Tagesakkreditierung an der Tanke gegenüber ab - und geht dann auf die andere Straßenseite und in dieses zusammengeflickte Stadion, dessen älteste Tribüne - so heißt es wenigstens - immer noch die von 1911 ist.

Den besten Blick haben die Fans nicht aus der flachen Kurve oder von den teilweise aus Stahlrohren montierten Tribünen. Nö, den besten Blick gibt es aus dem grauen Hochhaus, knapp 150 Meter entfernt. Da flattern dann die Holstein-Fahnen auf den Balkonen und der Bratwurst-Dunst wabert durch die Straßen.

Endlich mal was Echtes

Das reicht schon, um einen glücklich zu machen: dieses leicht Improvisierte, das Selbstgemachte, der Schlabber-Look, der sich so schön mit dem bis in die letzte Strähne gegelten Business-Fußball beißt, mit diesem durchgestylten, aber etwas hohlen Schönling. Geil, endlich mal was Echtes! Die schönsten Geschichten passieren, sie werden nicht gemacht!

Von der eigenen Rührung gerührt

Und deswegen feiern die Fans ihre Mannschaft am Tag nach der Niederlage gegen Wolfsburg auf dem Rathausmarkt. Weil es letztlich egal ist, ob sie nun aufgestiegen ist oder nicht. Sie hat begeistert. Sie hat einen gepackt. Und ja, ist ja richtig: Was da nun genau gefeiert wird, lässt sich nicht so genau beantworten. Sie sind in Kiel, in der bisherigen Fußball-Diaspora, von der eigenen Euphorie euphorisiert und von der eigenen Rührung über diese Geschichte gerührt.

Das reicht doch. Und ist allemal schöner, als Bayern in Tracht, die gelangweilt mal kurz die Meisterschale in den Himmel stemmen und nur auf den Befehl des vereinseigenen Senders ("FC Bayern TV") jubeln.

Die Mannschaft von Holstein Kiel hat ihren Auftritt auf dem Rathausmarkt übrigens am Mittwochabend um 19.12 Uhr gehabt. Das ist natürlich kein Zufall, sondern eine Anspielung auf das Meister-Jahr. Gefeiert wird 106 Jahre später.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Auf ein Wort | 22.05.2018 | 18:25 Uhr

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