Stand: 22.07.2019 10:41 Uhr

Holstein Kiel: Die Unterschätzten wollen wieder verblüffen

von Christian Görtzen, NDR.de
Holstein-Trainer André Schubert (5. v. r.) gibt seinen Spielern taktische Anweisungen.

Zweimal hintereinander wurde Holstein Kiel in der Zweiten Liga als Abstiegskandidat gehandelt, beide Male sorgten die Schleswig-Holsteiner mit Platzierungen im oberen Tabellendrittel für Erstaunen bei Fans und Experten. Nach einem erneuten erheblichen personellen Umbruch lautet die Frage: Wohin geht die Reise für die "Störche" diesmal? Der Teamcheck.

So lief die vergangene Saison

Die Voraussetzungen schienen vor Jahresfrist alles andere als günstig zu sein. Mehrere zentrale Figuren hatten den Club nach dem erfolgreichen ersten Jahr nach dem Zweitliga-Aufstieg verlassen. Ohne Trainer Markus Anfang, Abwehrchef Rafael Czichos, Offensivkraft Dominick Drexler (alle 1. FC Köln) sowie Stürmer Marvin Ducksch sahen viele Experten die KSV für die Saison 2018/2019 im Kampf um den Klassenerhalt. Davon konnte aber nie wirklich die Rede sein.

Das erneuerte Team des Anfang-Nachfolgers Tim Walter (von Bayern München II) sorgte gleich mit einem 3:0 beim Hamburger SV für Furore. Die schlechteste Platzierung für die Schleswig-Holsteiner war ein zwölfter Tabellenplatz nach dem 0:2 bei Union Berlin am siebten Spieltag. Danach ging es zurück in die Spitzengruppe. Bis fünf Spieltage vor dem Ende der Saison durften die "Störche" sogar vom direkten Aufstieg träumen. Dann brachten sie sich durch Niederlagen zu Hause gegen den SC Paderborn (1:2) und beim SV Sandhausen (2:3) um alle Chancen. Letztlich belegte Kiel den sechsten Rang.

Wer kommt, wer geht

Wie schon vor einem Jahr müssen die Norddeutschen erneut den Weggang von Leistungsträgern verkraften. Kapitän David Kinsombi wechselte für eine kolportierte Ablösesumme von drei Millionen Euro (inklusive Bonuszahlungen) zum Liga-Konkurrenten Hamburger SV, Offensivspieler Kingsley Schindler vergrößert die Kieler Fraktion in Köln, und Torhüter Kenneth Kronholm unterschrieb bei Chicago Fire. Zudem liefen die Leihgeschäfte mit Lászlo Bénes (Borussia Mönchengladbach), Massaya Okugawa und Mathias Honsak (beide RB Salzburg) sowie Aaron Seydel (1. FSV Mainz 05) aus.

Bei den Zugängen fehlen erneut die ganz großen Namen. In Aleksandar Ignjovski verkündeten die Kieler am Sonntag immerhin die Verpflichtung eines Spielers, der mehr als 100 Bundesliga-Partien absolviert hat - darunter für Werder Bremen. Der variabel ersetzbare Defensivspieler lief zuletzt für den 1. FC Magdeburg in der Zweiten Liga auf. Vom Zweitliga-Absteiger Duisburg kam der südkoreanische Linksverteidiger Young-Jae Seo, vom HSV Angreifer Finn Porath und aus Salzburg David Atanga. Zudem liehen die Schleswig-Holsteiner Stürmer Emmanuel Iyoha von Bundesligist Fortuna Düsseldorf aus. Ioannis Gelios (Hansa Rostock) dürfte im Tor Kronholm ersetzen. Nach dem Schienbeinbruch von Stammspieler Jannik Dehm im letzten Testspiel gegen Sheffield Wednesday (2:3) wollen die Kieler noch mal auf dem Transfermarkt aktiv werden.

Der Trainer

Bei der KSV Holstein scheinen die Verantwortlichen ein Faible für Trainer mit einer besonderen Persönlichkeit zu haben. Auf Anfang folgten Walter und nun André Schubert. Dem 48-Jährigen eilt ein Ruf in doppelter Hinsicht voraus: fachlich hervorragend, auf empathischer Ebene mit Entwicklungspotenzial. In der vergangenen Saison hat der frühere Coach des SC Paderborn, des FC St. Pauli und von Bundesligist Borussia Mönchengladbach, den er in die Champions League führte, bei Eintracht Braunschweig vorzügliche Arbeit abgeliefert. Er schaffte mit dem Drittligisten, der noch zur Halbserie auf dem letzten Tabellenplatz gestanden hatte, in der Rückrunde den Klassenerhalt.

Obwohl sein Vertrag beim BTSV noch bis zum 30. Juni 2021 lief, wechselte Schubert - laut eigener Aussage wegen mangelnden Vertrauens seitens der Vereinsverantwortlichen - zu Zweitligist Holstein Kiel. "Es ist ein sehr gut geführter und organisierter Club, der sich in der Zweiten Liga etabliert hat und attraktiven Fußball spielt. Daran wollen wir anknüpfen", sagte Schubert, der Fabian Boll, seinen ehemaligen Spieler bei St. Pauli, als Assistenten holte.

Erwartungen an die Saison

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Einen Tabellenplatz als konkretes Saisonziel wollte Schubert bei seiner Vorstellung nicht nennen. Schließlich sei die Zweite Liga "so gut wie noch nie besetzt. Für mich ist die Performance auf dem Platz wichtig. Je besser wir auf dem Platz agieren, desto größer ist die Chance, erfolgreich zu sein." Im Trainingslager in Österreich zeigte sich der Holstein-Coach im Gespräch mit dem NDR zufrieden: "Die Arbeit macht viel Spaß mit den Jungs, aber auch dem gesamten Staff. Hier passt alles sehr gut, das ist eine gute Truppe."

Der Auftakt in die Saison ist mit einem Heimspiel gegen den SV Sandhausen (27. Juli) sowie Partien gegen Darmstadt 98 (A) und Aufsteiger Karlsruher SC (H) recht dankbar für die Kieler. Aufgrund der Erfahrungen aus dem Vorjahr wäre es wohl ein Fehler, die "Störche" zu unterschätzen. Eine Platzierung im vorderen Mittelfeld der Tabelle ist ihnen zuzutrauen.

Der Kader von Holstein Kiel 2019/2020

Dieses Thema im Programm:

Sport aktuell | 21.07.2019 | 15:25 Uhr