Stand: 02.12.2019 12:43 Uhr

Heidi Wegner: Die Schiri-Oma von der Peene

Heidi Wegner ist Deutschlands älteste noch aktive Schiedsrichterin. Seit mehr als einem halben Jahrhundert pfeift die 75-Jährige aus Wolgast Fußballspiele in Mecklenburg-Vorpommern - und hat noch keine Prüfung verhauen.

von Andreas Bellinger, NDR.de

Abseits von Kommerz, Gewalt und aberwitzigen Gehältern schreibt der Fußball noch immer auch solche Geschichten. Geschichten aus der Provinz, wie die von Heidi Wegner, die seit mehr als 50 Jahren als Schiedsrichterin unterwegs ist. Auf den kleinen Plätzen in Mecklenburg-Vorpommern fühlt sich die resolute Rentnerin zu Hause. "Ich mache das noch immer aus Freude an der Sache und um mich sportlich fit zu halten." Ein Ende ist nicht abzusehen, wie die 75-Jährige beim Besuch im Sportclub des NDR kundtut: "Solange ich Spiele leiten darf und fit bin."

Heidi Wegner auf dem Fußballplatz

75-jährige Schiedsrichterin Wegner hat alles im Griff

Sportclub -

Heidi Wegner aus Wolgast ist 75 und Deutschlands dienstälteste aktive Schiedsrichterin. Seit mehr als 50 Jahren steht sie auf dem Platz. Ihr Erfolgsgeheimnis: "Regelsicher sein!"

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Leistungswerte wie manch Junger

Erst kürzlich war sie wieder beim Arzt. Nicht weil es ihr schlecht ging oder irgendein Zipperlein sie plagte. "Alles bestens", erzählt sie von dem sportmedizinischen Routinecheck. "Ich habe Werte, die hat manch Junger nicht." Eigentlich hatte sie ja vor, ihre Karriere vor dieser Saison zu beenden. Doch nach der Untersuchung habe der Verband gemeint: "Bei so einer Leistung kannst du nicht aufhören." Die burschikose Oma mit den kurzen grauen Haaren sagt dies nicht ohne einen Hauch von Koketterie. Runter wie Öl ging ihr allerdings der Zusatz: "Wir brauchen Dich!"

Viel Lob und ein herber Schlag

Denn so war es nicht immer. Bis heute hat sie nicht wirklich verwunden, dass sie ihr Verein Rot-Weiß Wolgast nach 30 Jahren als Nachwuchstrainerin zum alten Eisen gezählt hat. Als sie vor gut zwei Jahren die Kicker der F-Jugend abgeben musste, hatte sie tatsächlich mit dem Gedanken gespielt, alles hinzuwerfen. Ihre Ämter im Verein und auch die Schiedsrichterei. "Ich habe lange gebraucht, um darüber hinweg zu kommen", sagte sie der "Ostsee-Zeitung". Darüber reden mag sie nicht mehr, zu tief sitzt der Stachel. Ihre Ideale und die Freude am Fußball hat diese Erfahrung dennoch nicht angekratzt. "Einer muss sich doch kümmern", sagt Heidi Wegner. "Mir geht es nicht ums Geld, ich sehe es als Berufung."

Großer Einsatz wird belohnt

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Heidi Wegner pfeift seit über 50 Jahren.

Angefangen hat alles, als die kleine Heidemarie, die schon damals nur Heidi genannt wurde, mit ihrem Vater über die Fußballplätze der Region getingelt ist. Natürlich hat sie auch selbst gekickt. Auf der Straße, wie das damals so üblich war. "Mich musste man abends reinholen", hat sie "fussball.de", dem Sprachrohr des Amateurfußballs im DFB, erzählt. Vom Deutschen Fußball-Bund ist sie 2014 mit der Verdienstnadel ausgezeichnet worden. Viele Jahre im Vorstand von Rot-Weiß Wolgast und im Regionalverband, dreieinhalb Jahrzehnte als Platzwartin und fast so lange als Jugendtrainerin sowie als Organisatorin zahlreicher Turniere und der Herzgruppe des Vereins hatten sich herumgesprochen. Kritik am Verband traut sich die gelernte Gärtnerin trotzdem: "Oben bei den Profis wird mit dem Geld rumgeschmissen - unten aber kommt bei den kleinen Vereinen so gut wie nichts an."

Ein Smiley vom Bundesliga-Kollegen

Vielleicht wäre es nicht einmal übertrieben, Heidi Wegner als Legende ihrer Zunft zu bezeichnen. Wenn der Begriff nicht so beliebig geworden wäre. Nicht wenige sind jedenfalls davon überzeugt, dass die "Fußball-Oma von der Peene" ein Stück weit den Weg für Bibiana Steinhaus oder Riem Hussein geebnet hat, die heute wie selbstverständlich Männerspiele bei den Profis leiten. Einen Smiley mit Gruß "für meine Heidi" hat ihr jüngst der Rostocker Bundesliga-Schiedsrichter Bastian Dankert geschickt. Um den "Video-Beweis" beneide sie ihn nicht. "Der ist ja nicht ganz schlecht, aber bitte nicht erst nach drei Minuten, so dass die Spieler kalt werden."

Der Chef auf dem Platz

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Ihren ersten Ausweis als geprüfte Spielleiterin hat die damals 25-Jährige 1969 bekommen. Nach eigenen Angaben hatte sie da schon hundert Spiele als Referee auf dem Buckel. Bis heute hat sie mehr als tausend Partien von der Jugend über die Kreisliga bis hin zu den Alten Herren geleitet. Die Spiele der zumeist etwas fülligeren Senioren pfeift sie am liebsten. "Die gehen nicht mehr so hart zur Sache, weil sie wissen, was Verletzungen im Alter bedeuten können." Respekt aber haben alle - bis heute. "Wenn man regelsicher ist, wird man auch akzeptiert." Heidi Wegner ist der Chef auf dem Platz: "Heidi pfeift, Mund halten, abputzen, weiter." Die jüngste Gewalt auf den Plätzen erschreckt sie - und sie ist froh, dass sie es anders erlebt.

Auch Weltmeister tanzten nach ihrer Pfeife

"Sind sie wirklich eine Frau?" ist sie nicht nur einmal gefragt worden. Der junge Matthias Sammer war da keine Ausnahme, als sich ihr Weg noch zu DDR-Zeiten kreuzte. "Na klar", habe sie geantwortet. "Und alle haben gelacht; das Stadion war ja voll." Mit Toni Kroos ("Er hat sich immer gut benommen") fügte sich sogar ein späterer Weltmeister ihren Entscheidungen. Auch Axel Kruse tanzte bei Motor Wolgast, wie Rot-Weiß vor der Wende hieß, nach ihrer Pfeife. Ein bisschen langsamer ist sie wohl geworden. Doch mit Erfahrung und Überblick gleicht sie das aus. "Da gibt es ganz andere Schiedsrichter", sagt ein Spieler im NDR, "die sind viel jünger und bewegen sich nur im Mittelkreis." Fünf bis acht Kilometer ist Heidi Wegner pro Spiel unterwegs.

Nur einmal lag sie kapital daneben

Ihre einst strenge Hand ("Ich bin ein harter Widder") ist einem kommunikativen Stil gewichen. Weghören kann sie auch ganz gut. "Wenn mir ein Spieler komisch kommt, schalte ich auf Durchzug." Dreimal im Jahr stehen Prüfungen an. Durchgefallen ist sie nie. Rote Karten hat sie natürlich auch gezückt: "16 Mal - meistens berechtigt." Einmal aber lag sie kapital daneben. "Mein größter Regelverstoß", erinnert sie sich im Sportclub an den Beginn ihrer Laufbahn. Elfmeter hatte sie für Greifswald im Spiel gegen Hansa Rostock gepfiffen. Berechtigt. Natürlich. Das Tor aber war es nicht. Der Schütze hatte den von der Latte abprallenden Ball regelwidrig (weil kein anderer am Ball war) über die Linie bugsiert. "Zum Glück hat Hansa gewonnen", sagt Heidi Wegner, rümpft die Nase und ärgert sich - als sei es gestern gewesen.

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Dieses Thema im Programm:

Sportclub | 01.12.2019 | 22:50 Uhr