Stand: 27.01.2019 14:05 Uhr

Hannover 96: Sprachlosigkeit und schlechtes Timing

Hannover 96 hat sich von Trainer André Breitenreiter getrennt. Die Entscheidung ist nachvollziehbar, kommt aber zum falschen Zeitpunkt. Ohnehin liegen die Probleme beim Bundesliga-Abstiegskandidaten viel tiefer.

Ein Kommentar von Bettina Lenner, NDR.de

Nun ist also das eingetreten, was vor einer Woche schon besiegelt schien: André Breitenreiter ist nicht mehr Trainer von Hannover 96. Dass ihn ausgerechnet beim Tabellenführer Borussia Dortmund noch ein kleines Fußball-Wunder retten könnte, damit war nicht zu rechnen. Was viel Raum für Spekulationen ließ, warum der mächtige Martin Kind nicht schon längst die Reißleine gezogen hatte - war der Nachfolger noch nicht gefunden, oder sollte er nicht gleich beim Spitzenreiter "verbrannt" werden? Vielleicht scheute Kind auch die Abfindung in Millionen-Höhe, die nun fällig wird. Schließlich wurde Breitenreiters Vertrag erst vor Saisonbeginn bis 2021 verlängert.

Nur vier Siege in den vergangenen 31 Ligaspielen

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Jetzt greifen bei Hannover 96 kurz nach Rückrundenbeginn - und damit zu einem zweifelhaften Zeitpunkt - die viel zitierten Gesetzmäßigkeiten des Fußballs. Tatsächlich sprach nicht mehr viel für eine Weiterbeschäftigung von Breitenreiter. Tabellenvorletzter und akute Abstiegsgefahr, ganze vier Partien der jüngsten 31 Bundesligaspiele gewannen die Niedersachsen unter seiner Regie - eine verheerende Bilanz. Zumal der Trainer selbst zugegeben hatte, kein probates Mittel mehr zu finden, um die Spieler zu bundesligatauglichen Leistungen zu treiben ("Wir haben viel ausprobiert. Unterm Strich hat nichts gefruchtet"). Allerdings hätte 96 direkt vor der Winterpause die Gelegenheit gehabt, den Übungsleiter zu wechseln. Der neue Coach hätte sein Team wochenlang nach seinen Vorstellungen formen können. Nun steht schon am kommenden Freitag die nächste Partie gegen Leipzig an.

Auch Sportchef Heldt für negative Entwicklung verantwortlich

Ohnehin dürften die Probleme an der Leine durch die Entlassung des 45-Jährigen nur oberflächlich zu beheben sein. Denn die vergangenen Wochen haben deutlich gezeigt: Es gibt kein Miteinander, keinen Austausch, kein Verständnis im Verein. Stattdessen: Schweigen und Sprachlosigkeit, zuletzt gut zu beobachten beim skurril anmutenden Medien-Neujahrsempfang sowie bei der Spieltags-Pressekonferenz am Donnerstag, wo Breitenreiter fehlende Rückendeckung öffentlich beklagte. Auch die ehemaligen Schalker Weggefährten Breitenreiter und Sportchef Horst Heldt, der die Fehlplanungen gerade bei der Kaderzusammenstellung mit zu verantworten hat, hatten sich wohl nicht mehr richtig viel zu sagen.

Unter Kind kommt der Verein nicht zur Ruhe

Soll die Krisenbewältigung gelingen, gehört das Gesamtkunstwerk Hannover 96 auf den Prüfstand. Unter Kind kommt der Verein nicht zur Ruhe, als Hauptgesellschafter, mehrfacher Geschäftsführer und Präsident darf der 74-Jährige mittlerweile praktisch über alles walten - und trifft einsame Entscheidungen. Über die Köpfe von Trainer und Heldt hinweg, der schon zweimal gehen wollte, aber nicht durfte. Im Zwist mit den Fans, der DFL und anderen Clubs.

Um zu wissen, wohin permanente Unruhe im Verein führen kann, muss Hannover 96 nicht zum großen "HSV" nach Hamburg schauen. Die Niedersachsen haben die leidige Abstiegserfahrung gerade erst vor drei Jahren selbst gemacht und schafften seinerzeit den direkten, von Kind stets als "alternativlos" bezeichneten Wiederaufstieg. Wenig spricht dafür, dass der Tabellenvorletzte den zweiten Abstieg innerhalb kürzester Zeit verhindern kann - er wäre wie so manches an der Leine hausgemacht.

Dieses Thema im Programm:

Sportclub | 27.01.2019 | 22:50 Uhr

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