Hannover 96: Mit mehr Demut und Zimmermann in die Zukunft

Stand: 19.07.2021 14:51 Uhr

Hannover 96 war fraglos eine der größten Enttäuschungen in der vergangenen Saison in der zweiten Fußball-Bundesliga. Mit dem Anspruch gestartet, um den Aufstieg mitzuspielen, landeten die Niedersachsen am Ende auf Rang 13. Anschließend rollten Köpfe. Nun wird an der Leine nicht mehr kurz-, sondern mittelfristig gedacht.

von Hanno Bode

So lief die vergangene Saison:

Der Saisonbeginn war für die "Roten" mit drei Erfolgen aus den ersten fünf Begegnungen noch einigermaßen verheißungsvoll. Dann folgten eine 1:4-Pleite beim späteren Aufsteiger SpVgg Greuther Fürth und drei weitere sieglose Partien, sodass 96 zum Nordduell am zehnten Spieltag beim Hamburger SV als Tabellen-14. antrat. Der glückliche 1:0-Erfolg in Überzahl im Volksparkstadion ließ die bereits aufgekommenen Diskussionen um Coach Kenan Kocak vorerst verstummen. Hernach stabilisierte sich Hannover und kletterte phasenweise auf Tabellenplatz sechs.

Vor dem Auswärtsspiel am 21. Februar bei Fortuna Düsseldorf (2:3) durften die Norddeutschen bei neun Zählern Rückstand auf den Zweiten VfL Bochum zumindest noch ganz leise vom Aufstieg träumen. Dann folgten jedoch acht (!) Partien ohne dreifachen Punktgewinn. Von Spieltag 22 bis 34 gewannen die "Roten" nur zweimal und kassierten acht Pleiten. Trainer Kocak hatte den Negativtrend nicht aufhalten können und musste 96 nach knapp zwei Jahren verlassen. Wenig später wurde auch die Zusammenarbeit mit Sportchef Gerhard Zuber beendet.

Wer kommt, wer geht:

Die wichtigste personelle Veränderung wurde auf der Trainerposition vorgenommen. Für den am Ende seiner Amtszeit glücklosen (und ratlosen) Kocak wurde Jan Zimmermann verpflichtet. Der gebürtige Hannoveraner hatte sich zuvor seine Sporen bei den Regionalligisten 1.FC Germania Egestorf/Langreder und TSV Havelse verdient. Die Garbsener führte der 41-Jährige sensationell zurück in der Profifußball. Nun soll "Zimbo", wie der Coach gerufen wird, gemeinsam mit dem neuen Sportdirektor Marcus Mann, der zuvor Nachwuchschef bei der TSG Hoffenheim war, den "Neuaufbau" (Kind) beim Zweitligisten in die Wege leiten.

"Sie sehen 96 als Plattform, um große Trainer und Sportdirektoren zu werden. Jetzt müssen sie in Hannover liefern. Das werden sie. Davon sind wir überzeugt", erklärte Vereinspatron Kind.

In den Kader wurde anders als in den Vorjahren trotz der schlechten Vorsaison wenig investiert. Rechtsverteidiger Jannik Dehm (Holstein Kiel), Rechtsaußen Sebastian Stolze (Jahn Regensburg) und Mittelfeldakteur Sebastian Ernst (Fürth) kamen ablösefrei. Für Sebastian Kerk, Topscorer in der abgelaufenen Serie beim VfL Osnabrück, musste 96 lediglich 50.000 Euro an den Nachbarclub überweisen. Gefahndet wird nun noch nach einem "Sechser".

Verlassen haben 96 bis dato sechs Profis. Von ihnen waren Verteidiger Timo Hübers (1. FC Köln), Torwart Michael Esser (VfL Bochum) und Genki Haraguchi (Union Berlin) unumstrittene Stammkräfte.

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Der Trainer:

Zimmermann hat bei seinen vorigen Stationen bewiesen, dass er aus Kadern mit begrenzter individueller Qualität nahezu das Maximum herauskitzeln kann. Sein Führungsstil ist weder autoritär noch Laissez-faire, sondern kooperativ. Bei den Viertligisten Germania Egestorf/Langreder und Havelse hatte der frühere Mittelfeldakteur (spielte unter anderem für den VfB Lübeck und Eintracht Braunschweig) ein sehr vertrauensvolles Verhältnis zu seinem kickenden Personal. Die Kommunikation mit überwiegend gestandenen Berufsfußballern könnte sich nun für den 41-Jährigen allerdings schwieriger gestalten als wie bisher mit Halb-Profis.

Doch darüber macht sich Zimmermann - zumindest öffentlich - keine Gedanken. Er sei "sportlich und charakterlich von den Spielern" überzeugt, sagte der Trainer bereits nach seiner Verpflichtung und kündigte an, wie bei seinen bisherigen Stationen auch bei den "Roten" der Jugend eine Chance geben zu wollen: "Mein bisheriger Weg hat gezeigt, dass ich gerne mit jungen, talentierten Spielern arbeite. Diesem Weg werde ich treu bleiben, auch wenn ich weiß, dass der Sprung aus dem Nachwuchsbereich zu den Profis noch größer ist als in die höchsten Amateurklassen."

Erwartungen an die Saison:

96 hat trotz der ernüchternden vergangenen Saison auf einen großen personellen Umbruch der Mannschaft verzichtet. Was für den Außenstehenden sehr überraschend erscheinen mag, ist in Anbetracht der Verpflichtung Zimmermanns durchaus logisch. Denn der 41-Jährige fordert von seinem Team "aggressiven Fußball, hohes Pressing, frühe Ballgewinne und schnelles Spiel nach vorne", wie Neuzugang Ernst dem "Sportbuzzer" erklärte. Und dieser proaktive Spielstil könnte einigen Kickern, die unter Vorgänger Kocak unter ihren Möglichkeiten blieben, entgegenkommen. Genügend Offensivqualität hat das Aufgebot - auch durch die Neuverpflichtungen - allemal.

Ob das Team Zimmermanns Vorgaben rasch verinnerlichen und umsetzen kann, muss abgewartet werden. Die Generalprobe für den Liga-Auftakt am kommenden Sonnabend bei Werder Bremen (20.30 Uhr, im Livecenter bei NDR.de) verpatzten die "Roten". Gegen den Drittligisten 1. FC Magdeburg verloren sie mit 2:4 und zeigten dabei altbekannte Schwächen. "Es ist das erste Mal, dass wir einen Schritt zurückgemacht haben. Ein Rückschritt, daraus müssen wir die Lehren ziehen", sagte der Coach.

Der Motor könnte anfangs - und vielleicht auch noch etwas länger - also stottern. Darf er aber mit Erlaubnis des Chefs in dieser Saison auch. "Wenn ich träumen dürfte, würde ich schon in der kommenden Saison wieder aufsteigen wollen. Aber als Ziel ist der Aufstieg nicht formuliert, wir planen das über eine Zeitachse von drei Jahren", erklärte Kind dem NDR.

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Dieses Thema im Programm:

Sport aktuell | 19.07.2021 | 09:25 Uhr

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