Stand: 04.03.2019 09:57 Uhr

Handspiel oder nicht: Was bringen die neuen Regeln?

von Andreas Bellinger, NDR.de

Können die neuen Handspielregeln für mehr Klarheit und Gerechtigkeit sorgen? Bundesliga-Schiedsrichter Patrick Ittrich äußert sich im NDR Sportclub zumindest skeptisch. "Es wird nie zu 100 Prozent Klarheit geben", so der Hamburger.

Es wird diskutiert, gestritten und geflucht. Woche für Woche ist die Auslegung der Handspielregel das Reizthema in der Fußball-Bundesliga. "Für mich ist es ein rotes Tuch", sagt stellvertretend der Trainer des VfL Wolfsburg, Bruno Labbadia. Der 53-Jährige ist genervt von der Regel, die keiner mehr versteht. Lucien Favre hatte als Trainer von Borussia Mönchengladbach schon vor Jahren die Contenance verloren: "Skandal, absurd, total dumm", waren seine Worte. Am Wochenende haben sich die Regelhüter des "International Football Association Board" (IFAB) in Aberdeen des Handspiel-Wirrwarrs angenommen. Ob ihnen dabei "mehr Klarheit und Einfachheit" (Hannovers Manager Horst Heldt) gelungen ist, muss sich in der kommenden Saison erweisen.

Ittrich: "Wissen genau, was Hand ist"

"Es wird nie zu 100 Prozent Klarheit geben", sagte Bundesliga-Schiedsrichter Patrick Ittrich im NDR Sportclub angesichts der beschlossenen Änderungen beziehungsweise Ergänzungen. Dass Leipzigs Trainer Ralf Rangnick recht hat und sowohl Schiedsrichter als auch Video-Assistenten bisweilen selbst nicht wissen, was los ist, bestritt der 40-Jährige aber vehement. "Wir wissen ganz genau, wann Hand ist und wann nicht." Allerdings habe sich das Spiel zum Teil gravierend verändert. "Es gibt mittlerweile so viele Kameras und Perspektiven. Immer mehr wird aufgezeichnet, immer mehr wird gesehen, immer mehr wird beurteilt." Hilfe tut Not.

"Unnatürliche Armbewegung" als neues Kriterium

Modifiziert wurde die Handspielregel konkret in zwei Punkten. Demnach wird die "unnatürliche Vergrößerung der Körperfläche" als Kriterium aufgenommen. Die Armhaltung über Schulterhöhe führt künftig grundsätzlich dazu, dass der Kontakt mit Hand oder Arm als strafbares Handspiel gewertet wird. Aber keine Regel ohne Ausnahme: Wenn der Ball beispielsweise von einem anderen Körperteil abprallt oder wenn ein Arm bei einer Grätsche zum Abstützen benutzt wird, sollte der Schiedsrichter nicht pfeifen.

Hintergrund
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Regelhüter beschließen Änderungen im Fußball

Die Handspiel-Regel wurde angepasst. Außerdem gibt es demnächst Rote Karten für Trainer und Änderungen bei Auswechslungen. Und Angreifer dürfen nicht mehr in der Freistoßmauer stehen. extern

"Unabsichtliches Handspiel" kann strafbar sein

Während die Absicht bislang sozusagen als Präambel der Handspielregel galt, wird unter bestimmten Voraussetzungen nun auch "unabsichtliches Handspiel" unter Strafe gestellt. Dann nämlich, wenn aus einem solchen Handspiel eine Torchance oder sogar ein Tor entsteht. Ein sogenannter "klarer Vorteil". Nationalspieler Christoph Kramer erzielte einen solchen Treffer am 17. Bundesliga-Spieltag für Mönchengladbach bei der 1:2-Niederlage in Dortmund. So ein Treffer darf künftig nicht mehr zählen. Wer allerdings ein mögliches Tor unabsichtlich mit der Hand verhindert, soll weiterhin ungestraft davonkommen. Ist das nun gerechter?

Diskussionen werden bleiben 

"Das kann ich nicht beurteilen", sagte Ittrich. "Ich bin nur derjenige, der die Regel umsetzt, nicht derjenige, der sie schreibt." Seit dem Jahr 1902 ist es das erste Mal, dass eine Änderung beschlossen wurde. "Wie die Regel Wort für Wort tatsächlich aussieht, wissen wir noch nicht", betonte der Referee und Verkehrserzieher bei der Hamburger Polizei. Tatsächlich scheinen die beiden Beschlüsse nicht mehr als ein Tropfen auf dem heißen Stein zu sein. Die Diskussionen werden aller Voraussicht nach nicht abreißen. Klarer und verständlicher wirkt die Regel bestenfalls in Teilen.

FIFA-Präsident Infantino: Die Regeln gut erklären 

"Es ist nun an uns, die neuen Regeln zu erklären", sagte der umstrittene Präsident des Fußball-Weltverbandes FIFA, Gianni Infantino. "Damit es keine falschen Kommentare gibt bei der Beurteilung, ist es Hand oder ist es keine Hand." Denn diskutabel werden die Grenzbereiche bleiben. Es braucht nicht viel Fantasie, um die quälende Kommunikation zwischen Schiedsrichter und Video-Assistent zu erahnen - und die kritischen Stimmen von Spielern, Trainern und Zuschauern, die den Graubreich der Interpretation und Regelauslegung weiterhin nicht verstehen werden. An der grundsätzlichen Kritik des früheren Bundesliga-Schiedsrichters Thorsten Kinhöfer, "absichtlich oder unabsichtlich, aktiv oder passiv, Hand geht zum Ball oder nicht - wer blickt da noch durch", wird sich sobald nichts ändern.

Ermessensspielraum ein Problem

Den Begriff "Absicht" ganz aus dem Regelwerk zu tilgen, war für die IFAB nie eine Option, wie deren Geschäftsführer Lukas Brud der Sportschau bestätigte. Hoffenheims Trainer Julian Nagelsmann wird zumindest in dieser Hinsicht zufrieden sein, hatte er doch kürzlich vorgeschlagen, sich allein von der Absicht leiten zu lassen. "Ich finde, dass es nur die Unterscheidung geben sollte, ob ein Spieler seine Hand mit erkennbarer Absicht zum Ball gestreckt hat oder eben nicht", sagte der 31-Jährige dem "kicker". Absicht, keine Absicht, aktive Bewegung oder nicht - alles eine Sache der Betrachtungsweise. Und die differiert bekanntlich bisweilen erheblich. "Wir haben als Schiedsrichter den Ermessensspielraum. Auch beim Handspiel", so Ittrich: "Deshalb wird es von verschiedenen Schiedsrichtern bei ähnlichen Situationen auch immer wieder verschiedene Entscheidungen geben."

Patrick Ittrich, Schiedsrichter © picture alliance / Avanti-Fotografie Foto: Avanti-Fotografie

Durch die Bundesliga mit Patrick Ittrich

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Patrick Ittrich gehört zur deutschen Schiedsrichter-Elite. Eine Ehre, aber auch eine Aufgabe mit Verantwortung. Der Leistungsdruck ist hoch. Exklusive Einblicke in das Leben eines Erstliga-Referees.

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Dieses Thema im Programm:

Sportclub | 03.03.2019 | 22:50 Uhr