Stand: 15.08.2020 15:00 Uhr

Werder - HSV: Die ewigen Rivalen

Triumphale Siege, bittere Niederlagen, große Gefühle: Beim Duell der beiden norddeutschen Fußballclubs darf es von allem ein bisschen mehr sein. Keine Bundesliga-Partie gab es öfter. Kein Sieg ist für einen echten Fan wichtiger als der gegen den Erzrivalen. Seit Jahrzehnten sind Werder und der HSV erbitterte Konkurrenten. Dabei ist es egal, ob es um die Meisterschaft geht oder um den Klassenerhalt.

Kontrahenten von Anfang an

Der Ball ist aus Leder, die Tribüne aus Holz - und für den HSV spielt noch Uwe Seelers "Vadder" Erwin: Szene aus dem Derby HSV - Werder im Jahr 1942. Bereits lange vor der Bundesliga-Gründung 1963 sind Bremen und Hamburg Kontrahenten - mit klarer Rollenverteilung: Die Hamburger dominieren den Fußball in Norddeutschland, gewinnen bis 1960 drei deutsche Meisterschaften und zwischen 1947 und 1963 15 von 16 möglichen Nordtiteln in der Oberliga.

Bundesliga-Start: Werder zieht am HSV vorbei

1963 beginnt im deutschen Fußball eine neue Zeitrechnung: Die Bundesliga startet in ihre Premierensaison. Am 12. Oktober stehen sich die Nordrivalen erstmals in der neuen Liga gegenüber. "Pico" Schütz erzielt beim 4:2-Heimsieg der Bremer drei Treffer.

VIDEO: Bremen - HSV: Das erste Derby in der Bundesliga (1 Min)

Werder bricht in der Bundesliga zunächst die Dominanz des HSV und wird 1965 zum ersten Mal deutscher Meister.

Die "Trikot-Schmach" von Hamburg

Nach Werders Titelgewinn herrscht lange Zeit Mittelmaß im Norden. Für Aufsehen sorgen im November 1971 die Trikots der Werder-Spieler. Weil sich die Spielkleidungen der Nordrivalen zu sehr ähneln, müssen die Bremer in der Pause ihre Trikots wechseln. Ersatz haben sie nicht dabei, sodass sie die blauen Trikots des Erzrivalen überziehen müssen. Eine Schmach. Punkte gibt es für Bremen auch nicht: Der HSV gewinnt mit 2:1.

Für Werder geht es sportlich bergab. 1980 steigt das Team sogar aus der Bundesliga ab. Die Hamburger knüpfen indes an erfolgreiche Zeiten an und werden 1979 zum ersten Mal in der Bundesliga deutscher Meister.

Die 80er: Meisterschaftsduelle und Fan-Krawalle

Zu Beginn der 80er-Jahre sind Hamburg und Bremen erbitterte Konkurrenten um die Meisterschaft. Gleichzeitig nimmt eine unheilvolle Entwicklung im deutschen Fußball ihren Lauf: Hooligans sorgen fast überall für Gewalt. Am Rande des Spiels zwischen dem HSV und Werder stirbt ein Mensch.

Der tragische Tod eines Fans

Am 16. Oktober 1982 spielt Werder im DFB-Pokal beim Hamburger SV. Bremer Fans geraten in der Nähe des Volksparkstadions in einen Hinterhalt. HSV-Hooligans der rechtsradikal unterwanderten "Löwen" und Skinheads überfallen die Gruppe, es fliegen Steine. Der 16 Jahre alte Adrian Maleika, der zwar mit einer Werder-Fangruppe unterwegs ist, nicht aber mit Hooligans, wird getroffen und erleidet einen Schädelbasisbruch. Einen Tag später erliegt er seinen Verletzungen. Zur Beerdigung in Bremen kommen 600 Menschen, darunter die Bremer Mannschaft sowie die Manager Willi Lemke und Günter Netzer vom HSV.

VIDEO: Maleika: Der tragische Tod eines Fans (1 Min)

Der "Friedensgipfel von Scheeßel"

Wer den Stein auf Maleika geworfen hat, bleibt unklar. Zwei Angeklagten wird die Teilnahme an dem Überfall nachgewiesen. Ein Täter muss für zweieinhalb Jahre ins Gefängnis, der andere kommt mit einer zwölfmonatigen Bewährungsstrafe davon. Damit die Rivalität nicht weiter eskaliert, treffen sich Werder- und HSV-Fans im Januar 1983 zum "Friedensgipfel von Scheeßel". Auch Vertreter beider Vereine sind dabei. Das Ergebnis: ein "Stillhalteabkommen" und der erklärte Verzicht auf Rache. Die Clubs rufen anschließend Fanprojekte ins Leben. Frei von Spannungen ist das Verhältnis zwischen den Anhängern der Nordrivalen weiterhin nicht. Doch einen Gewaltexzess wie 1982 hat es nicht mehr gegeben.

VIDEO: Der "Friedensgipfel von Scheeßel" (1 Min)

Die Clubs rufen anschließend Fanprojekte ins Leben. Frei von Spannungen ist das Verhältnis zwischen den Anhängern der Nordrivalen weiterhin nicht. Doch einen Gewaltexzess wie 1982 hat es nicht mehr gegeben.

Der Zweikampf um den Titel 1983

Anfang der 80er-Jahre dominiert der HSV die Bundesliga. Trainer Ernst Happel hat mit seinem Team das Pressing und die Abseitsfalle perfektioniert. 1982 gewinnen die Hamburger die Meisterschaft. Doch auch Bremen sorgt für Aufsehen. Als Aufsteiger belegen die Grün-Weißen Rang fünf. Coach Otto Rehhagel hat eine Mannschaft zusammengestellt, die in der folgenden Saison um den Titel mitspielt und dem HSV Konkurrenz macht.

Das Ende der Hamburger Rekordserie

Die Mannschaft, die es zu schlagen gilt, ist der HSV. Mehr als ein Jahr bleibt die Happel-Elf in der Liga ungeschlagen. Ausgerechnet Werder Bremen beendet am 29. Januar 1983 die Rekordserie. Nach 36 Partien verlässt der HSV wieder als Verlierer den Platz und hat in Werder einen ernsthaften Konkurrenten um die Meisterschaft.

VIDEO: Januar 1983: Bremen beendet HSV-Siegesserie (3 Min)

HSV liegt im Kopf-an-Kopf-Rennen vorn

Die Nordrivalen liefern sich bis zum Ende der Saison 1982/83 ein Kopf-an-Kopf-Rennen in der Bundesliga. Vor dem letzten Spieltag haben die Hamburger nur ein paar Tore Vorsprung vor dem Nordrivalen. Mit einem 2:1-Erfolg bei Schalke 04 verteidigt die Happel-Elf erfolgreich den Meistertitel.

VIDEO: HSV wird 1983 Meister (1 Min)

1988: Meisterfeier trotz Rekord-Niederlage

1988 ist Werder den Makel des "ewigen Zweiten" los. Nach drei zweiten Plätzen in fünf Jahren holen sich die Grün-Weißen souverän den Titel. Am 33. Spieltag steht das letzte Heimspiel an - gegen Hamburg.

Die 1:4-Heimniederlage (Derby-Rekord) interessiert an der Weser niemanden. Denn an diesem Tag gibt es die Schale und eine Feier mit den eigenen Fans.

Ditmar Jakobs: Gefangen am Karabinerhaken

Am 20. September 1989 wird der Fußball beim Nordderby zur Nebensache. Nach einem Befreiungsschlag rutscht Ditmar Jakobs in das Tornetz. Dort bohrt sich ein Karabinerhaken in den Rücken des HSV-Verteidigers. Der 36 Jahre alte Routinier kann erst nach 20 Minuten befreit werden. Sein 493. Bundesligaspiel ist gleichzeitig sein letztes. Über den 4:0-Erfolg des HSV an diesem Abend spricht anschließend kaum jemand.

Hermann Rieger: "Wir haben noch gelacht"

Der damalige HSV-Masseur († 2014) zeigt 2012 im HSV-Museum den Original-Karabinerhaken und rekapituliert Jakobs' Unfall.

VIDEO: Rieger: "Mussten Jakobs im Tor operieren" (1 Min)

Die 90er: Titel für Werder, Tristesse beim HSV

In den 90er-Jahren ist die Wachablösung im Norden perfekt. Werder wird 1993 Meister, 1992 Europacupsieger der Pokalsieger und holt 1991 sowie 1994 den DFB-Pokal, den Wynton Rufer (l.) und Oliver Reck hier stolz präsentieren. Nach Rang zwei und dem Abschied von Trainer Rehhagel 1995 rutscht Werder jedoch ins Mittelmaß. Dort hat sich der HSV schon lange Zeit eingerichtet. Die Glanzzeiten sind vorbei, der Club hat finanzielle Sorgen und immer weniger Zuschauer.

Die 2000er: And the winner is... Werder

Die Jahrtausendwende bringt bei den Nordrivalen wieder die Wende zum Besseren. Rehhagel-Schüler Thomas Schaaf formt in Bremen ein Spitzenteam, das 2004 auf dem Höhepunkt ist: Werder gewinnt das Double aus Meisterschaft und DFB-Pokal und gehört auch in den folgenden Jahren zu den Bundesliga-Spitzenteams. Beim HSV geht es nach dem Umbau des Volksparkstadions ebenfalls bergauf. Die Derbys gewinnen sportlich wieder an Brisanz.

Wieses Kung-Fu-Tritt gegen Olic

Den Zuschauern im WM-Stadion von Hamburg stockt am 7. Mai 2008 der Atem. Nach einem Befreiungsschlag kommt Werder-Keeper Tim Wiese aus seinem Tor, trifft den Ball aber nicht. Stattdessen foult er mit einer Kung-Fu-Einlage Ivica Olic. Der Kroate hat Glück, dass er sich nicht verletzt. Wiese hat Glück, dass Schiedsrichter Lutz Wagner unverständlicherweise nur Gelb zeigt. Bremen gewinnt die Partie mit 1:0. Ein knappes Jahr später ist es wieder Wiese, der bei einem von vier legendären Derbys eine Hauptrolle spielen wird.

VIDEO: Wieses Kung-Fu-Tritt gegen Olic (1 Min)

Der Tragödie erster Teil: DFB-Pokal-Halbfinale

Innerhalb von 18 Tagen treffen der HSV und Werder im Frühjahr 2009 in drei Wettbewerben vier Mal aufeinander. Der Auftakt der Derby-Serie ist das Pokalhalbfinale am 22. April im Volkspark. Die hitzige Partie wird im Elfmeterschießen entschieden. Und wer wird zum Matchwinner? Wiese, der drei Elfmeter pariert und anschließend im Sprint in die Werder-Fankurve läuft.

VIDEO: Werder-Keeper Wiese wird Pokalheld (1 Min)

Vorsicht, Papierkugel!

Eine Woche nach dem Pokalspiel stehen sich Werder und der HSV im Semifinale des UEFA-Cups gegenüber. Die Hamburger gewinnen 1:0 im Weserstadion und haben das Finale im Blick, zumal sie auch im Rückspiel das erste Tor erzielen. Doch Bremen dreht die Partie und geht mit 2:1 in Führung.

Es folgt die für den HSV fatale 83. Minute: Michael Gravgaard verspringt der Ball, da auf dem Rasen eine Papierkugel liegt. Es gibt Ecke für Werder, Frank Baumann köpft das 3:1. Olics zweiter Treffer drei Minuten vor dem Ende reicht dem HSV nicht mehr. Wieder scheitert er im Halbfinale an Werder. Drei Tage später gewinnt Bremen auch das vierte Duell der Derby-Serie: In der Bundesliga schlagen die Bremer Hamburg mit 2:0. Die Papierkugel und ihr Einfluss auf das UEFA-Cup-Halbfinale ist auch noch Jahre später Gesprächsthema.

"Das kann man sich nicht ausdenken"

Die Stadionsprecher Arnd Zeigler (Werder) und Lotto King Karl erinnern sich an den Abend, der Fußball-Geschichte geschrieben hat. Die Papierkugel, die Gravgaard zum Verhängnis wurde, kam übrigens aus der HSV-Kurve und ist im Werder-Vereinsmuseum ausgestellt. Bremen gewinnt 2009 den DFB-Pokal, das Endspiel im UEFA-Cup geht gegen Schachtar Donezk verloren.

VIDEO: Der HSV und das Pech mit der Papierkugel (1 Min)

Derby im Zeichen des Abstiegskampfs

Mit der Europacup-Herrlichkeit ist es an Elbe und Weser aber bald vorbei. Beide Clubs verlieren den Anschluss an die Bundesliga-Spitze. Werder entgeht 2016 in einem Herzschlagfinale am letzten Spieltag der Relegation. In selbige muss der HSV gleich zweimal. Der Bundesliga-Dino vermeidet 2014 und 2015 nur mit sehr viel Glück den ersten Abstieg in der Vereinsgeschichte.

Im Sommer 2018 ist das Glück der Hamburger jedoch aufgebraucht. Sie steigen ab und sind erstmals in ihrer langen Vereinsgeschichte nur noch zweitklassig. Bitter ist zudem, dass Werder den selbsternannten Dino zu Beginn der Saison 2019/2020 als Club mit den meisten Bundesliga-Partien ablöst. Doch auch die Bremer haben zunehmend Abstiegssorgen. 2020 retten sie sich erst in der Relegation gegen den 1. FC Heidenheim.

Dieses Thema im Programm:

Sportclub | 27.11.2016 | 22:50 Uhr

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