Stand: 01.03.2020 16:46 Uhr

HSV: Droht das "Sportsystem" erneut zu kollabieren?

von Hanno Bode, NDR.de

Der nach Spielende obligatorische Gang in die Fankurve, er wurde für die Fußballer des Hamburger SV in Aue zum Spießrutenlauf. Das Team von Coach Dieter Hecking wurde nach dem 0:3 beim FC Erzgebirge nicht nur mit teils unflätigen Worten beschimpft. Einige Anhänger des sechsmaligen deutschen Meisters wollten den Kickern sogar an den Kragen. Der Ordnungsdienst konnte die aufgebrachten HSV-Sympathisanten, die in diesen Momenten vermutlich wenig Sympathie für die Mannschaft hatten, gerade noch stoppen. Die unschönen Szenen waren der Schlusspunkt einer völlig misslungenen Dienstreise des Aufstiegsanwärters nach Sachsen. "Es war wieder nicht genug", stellte Verteidiger Timo Letschert im Gespräch mit NDR 90,3 treffend fest: "Wir müssen wieder zusammenfinden und Lösungen finden. So kann es nicht weitergehen."

Nur ein Zähler aus drei Spielen

Den Begriff "Krise" wollte von den HSV-Protagonisten unmittelbar nach der eines Titelkandidaten unwürdigen Vorstellung zunächst niemand in den Mund nehmen. Am Tag darauf nannte Vorstandsboss Bernd Hoffmann das Kind dann aber doch beim Namen: "Wir befinden uns in einer sportlichen Krise. Es gilt, das schnell umzudrehen."

Beim Blick auf die vergangenen drei Partien muss festgestellt werden, dass die Formkurve eindeutig nach unten zeigt. Dem in letzter Sekunde errungenen 1:1 bei Hannover 96 folgten die 0:2-Derbypleite gegen St. Pauli und nun das 0:3 bei den zuvor in diesem Jahr noch sieglosen Erzgebirglern. Weil sich auch der VfB Stuttgart (0:2 in Fürth) einen Ausrutscher leistete, beträgt der Rückstand auf die zweitplatzierten Schwaben weiter lediglich drei Punkte. Kein Grund zur Panik also. Aber im Soll liegen die Hamburger dann irgendwie auch nicht. 41 Punkte nach 24 Spielen sind nicht wirklich herausragend. Zum Vergleich: In der vergangenen Serie hatte der HSV zum selben Zeitpunkt sechs Zähler mehr auf dem Konto und war Zweiter. Und das seinerzeit wohlgemerkt, obwohl das "gesamte Sportsystem" bereits begonnen hatte zu "kollabieren", wie Hoffmann später nach dem "überflüssigstem Nicht-Aufstieg der Fußballgeschichte" erklärte.

HSV zeigt alte Verhaltensmuster

Dem "Systemversagen" fiel zuerst der stets freundliche, aber am Ende zu oft ratlose Coach Hannes Wolf ("Es ist scheiße gelaufen, aber es ist ein fantastischer Verein") zum Opfer. Dann musste auch Sportvorstand Ralf Becker seinen Hut nehmen. Zudem wurden einige für Zweitliga-Verhältnisse fürstlich entlohnte Spieler (Lewis Holtby, Pierre-Michel Lasogga) höflich aber bestimmt gebeten, das Weite zu suchen. Für Wolf kam Trainer-Routinier Hecking, Becker wurde durch Jonas Boldt ersetzt und der Kader mit Kickern wie Sonny Kittel, Jan Gyamerah, David Kinsombi, Tim Leibold oder Lukas Hinterseer aufgefüllt, die nicht nur fußballerische Qualität, sondern auch Mentalität versprachen. Zunächst fruchteten die umfangreichen Umbauarbeiten auch. Im ersten Saisondrittel wusste der HSV zu überzeugen. Hecking schien die richtige Mischung zwischen Künstlern und Kämpfern gefunden zu haben. Irgendwann aber fingen die Hamburger wieder an, alte Verhaltensmuster zu zeigen. Es mangelte ihnen an Kreativität und dem letzten Biss, der im Bundesliga-Unterhaus doch so vonnöten ist.

Derby-Pleite mehr als nur ein Ausrutscher

Mit vier sieglosen Partien in Serie ging es für das Hecking-Ensemble in die Winterpause. Nach dem Jahreswechsel schlugen die Norddeutschen dann zwar zunächst drei Teams aus dem Tabellenkeller. Als sie gegen den hochmotivierten Stadtrivalen St. Pauli jedoch richtig gefordert waren, gab es - um es mit einem Hoffmannschen Worten zu sagen - ein "Systemversagen". Nur ein Ausrutscher? Wohl eher nicht.

Hecking: "Werden das nicht so hinnehmen"

Zwar sagte Hecking nach der Aue-Pleite: "So eine Derby-Niederlage macht etwas mit den Jungs."

Den blutleeren Auftritt im Erzgebirge aber allein mit der Pleite aus der Vorwoche zu begründen, ist zu eindimensional gedacht. Schließlich war es nicht die erste recht leblose HSV-Vorstellung in dieser Serie. Möglicherweise steckt doch weniger Mentalität in dem im vergangenen Sommer umgekrempelten Kader, als die Verantwortlichen dachten. "Es ist gerade eine schwierige Phase. Dass wir das nicht so hinnehmen werden und hinnehmen wollen, ist auch ein Stück weit klar", erklärte Hecking. Heißt im Klartext: Der Ton im Volkspark wird rauer, damit es am Saisonende nicht wieder heißt: "Das Sportsystem ist irgendwann im Winter kollabiert."

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Dieses Thema im Programm:

Sportclub | 01.03.2020 | 23:00 Uhr

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