Stand: 07.07.2020 13:15 Uhr

HSV: Trainer Thioune und die Frage der Geduld

Neuer HSV-Hoffnungsträger: Daniel Thioune.

Der Hamburger SV läutet einen Zeitenwechsel ein. Weg vom Protz der Vergangenheit, hin zur neuen Bescheidenheit. Nach zwei gescheiterten Rückkehrversuchen in die Bundesliga will sich der Traditionsclub das Selbstverständnis eines "normalen Zweitligisten" zulegen. Alles wird kleiner, günstiger, gewöhnlicher. Dafür soll auch die Verpflichtung von Trainer Daniel Thioune als Nachfolger von Dieter Hecking stehen.

Die finanzielle Realität wiegt schwer

Unter der Führung von Thioune soll die Mannschaft des HSV preiswerter, vor allem aber nach und nach besser werden. Rund 30 Millionen Euro sah der Etat in der Vorsaison vor, lediglich 23 Millionen sollen es im bevorstehenden Spieljahr werden.

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Daniel Thioune wechselt als Trainer innerhalb der zweiten Fußball-Bundesliga vom VfL Osnabrück zum Hamburger SV. Der 45-Jährige unterschrieb an der Elbe einen Vertrag bis 2022. mehr

Die finanzielle Realität nach dem Ausstieg von Hauptsponsor Emirates (1,4 Millionen Euro) und Investor Klaus-Michael Kühne, der vier Millionen Euro für die Namensrechte am Volksparkstadion zahlte, wiegt schwer. Noch bitterer sind die fehlenden Zuschauereinnahmen durch die Covid-19-Pandemie und die schmerzlich vermissten TV-Millionen wegen des verpassten Aufstiegs.

Neue Top-Spieler kann sich der wirtschaftlich angeschlagene Verein nicht mehr leisten, vorhandene Leistungsträger müssen eventuell verkauft werden. "Der HSV ist in einer Situation, wo kein Spieler unverkäuflich ist", sagte Sportvorstand Jonas Boldt. Die Zauberformel heißt notgedrungen nicht mehr schneller Aufstieg, sondern Entwicklung des Teams.

Junge, hungrige Kicker gesucht

Nach seiner Vorstellung am Montag bleibt Thioune für einige Tage in der Hansestadt, um gemeinsam mit Boldt die Kaderplanung für die nächste Saison zu besprechen. Auf dem Transfermarkt sind bekannte und teure Profis nicht mehr Ziel der Begierde. Junge, hungrige Kicker sollen es richten.

Zwei Jahre hat der diplomierte Sportfachwirt und Bachelor für Sport und Erziehungswissenschaften zunächst Zeit, um den Kader zu entwickeln. So lange läuft sein Arbeitsvertrag. Konkret heißt das: im ersten Jahr kontinuierlicher Aufbau, im zweiten Jahr vorsichtiger Aufstiegsversuch.

Eventuell dauert die Entwicklungsphase aber auch länger. "Der Ist-Zustand ist gut. Das Ganze wollen wir auf eine gesunde Basis bringen mit einem Entwicklungsprozess, der vielleicht ein paar Tage länger dauert", sagte der 45-Jährige, der Demut und Empathie zu den Kernpunkten seines Wirkens zählt: "Vielleicht sieht es für den Moment so aus, dass wir einen Schritt zurückgehen. Aber vielleicht ist es auch ein Schritt, um Anlauf zu nehmen."

Folgt Moritz Heyer seinem Coach an die Elbe?

Trotz der elf Abgänge bislang, zu denen Top-Profis wie Torjäger Joel Pohjanpalo (Bayer Leverkusen) und Mittelfeldlenker Adrian Fein (Bayern München) gehören, sieht der neue Coach ein "brutales Potenzial" im Team. "Ich gehe nicht mit der Axt durch den Wald", sagte Thioune. Ob er neben seinem Co-Trainer Merlin Polzin auch Profis aus Osnabrück mitbringt, ließ er offen. Möglich, dass der 25 Jahre alte torgefährliche Abwehrspieler Moritz Heyer seinem Coach an die Elbe folgt. Schließlich, so der Trainer, sei die größte Baustelle innerhalb des Kaders die Innenverteidigung.

Boldt: "Die Entwicklung in den Fokus stellen"

Bei Thiounes Vorstellung machte der HSV-Vorstand den Eindruck, als könne er die Geduld aufbringen, die er bislang Jahr für Jahr vermissen ließ. "Uns wurde zuletzt immer klarer, dass wir uns anders ausrichten müssen. Wir wollen die Entwicklung in den Fokus stellen - und das verkörpert Daniel mit Haut und Haar", betonte Boldt. Doch man sollte sich nicht täuschen lassen. Ob die Langmut des Vorstandes Bestand haben wird, ob die jetzt propagierte großzügige Geduld mit Thioune tatsächlich geübt wird, muss sich erst noch zeigen. Eine Neubewertung der Lage wird es spätestens am Ende der nächsten Saison geben.

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Sport aktuell | 07.07.2020 | 06:25 Uhr

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